Rechnet auf er Baustelle wirklich jede Leistung ab: Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann. 
Foto: DILB GmbH
Rechnet auf er Baustelle wirklich jede Leistung ab: Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann. 

Inhaltsverzeichnis

Strategie

„Früher lag meine Rendite im einstelligen Bereich“

Ausschreibungsfehler? Pfusch vom Vorgewerk? Jürgen Mittmann berechnet  Bauherren jeden Extra-Handschlag bequem mit seiner eigenen Software. So holt er mehr aus Aufträgen heraus.

Auf einen Blick:

  • Viele unvorhergesehene Planänderungen auf der Baustelle schmälern die Rendite, weil sie schwer abzurechnen sind. 
  • Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann hat eine Software entwickelt, mit der er und sein Team bequem jede Mehrarbeit dokumentieren und abrechnen können.
  • So kämen für das 10-köpfige Unternehmen mitunter mehrere hundert Arbeitsstunden pro Projekt zusammen, die sonst verloren wären. 
  • Durch KI spart die Software dem Unternehmer noch mehr Zeit. 

Unvorhergesehene Planänderungen rauben Zeit und strengen an. Dass besonders Baustellen ein Paradebeispiel ständiger Planänderungen sind, weiß Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann nur zu gut. Der Thüringer aber muss sich darüber nicht ärgern. Stattdessen rechnet er sie ab: detailliert und sauber dokumentiert.

Das hinzubekommen war für den zehnköpfigen Handwerksbetrieb DILB (Digitale Logistik und Bauservice) harte Arbeit. „Wir beschäftigen uns jetzt seit 25 Jahren damit, Bauprozesse, Mängel und unvorhergesehene Planänderungen transparent zu machen“, sagt Mittmann. Inzwischen sei die eigens entwickelte Software „Smacra“ so weit gereift, dass sie den Gewinn des Betriebs deutlich steigert. „Früher lag meine Rendite im einstelligen Bereich, heute habe ich sie im Schnitt um den Faktor drei erhöht“, sagt Mittmann. 

Kleine Abweichung, große Wirkung

Was im ersten Moment unglaublich klingt, wird verständlicher, sobald der Unternehmer erläutert, wo auf der Baustelle überall Mehrarbeit anfällt. Mehrarbeit, die er – anders als branchenüblich – abrechnet. Ein Beispiel aus dem Projektalltag der DILB, die sich auf die Installation von Vorhangfassaden und Wärmedämmverbundsystemen spezialisiert hat: Mittmann öffnet eine Projektdokumentation und wählt ein Beispiel aus der umfangreichen Nachtragliste. Es sollten Anputzleisten auf Fensterrahmen geklebt werden. Problem: Die Rahmen hatten einen Vorsprung, wodurch jede Leiste in drei Teile geteilt und einzeln verklebt werden musste. „Plötzlich kostet mich die Leistung nicht mehr die kalkulierten 9,90 Euro pro Vorgang, sondern zusätzlich 11,90 Euro – und das für dutzende Fenster im ganzen Gebäude“, erläutert Mittmann.

Smacra erlaube es dem Vorarbeiter, diese unerwartete Mehrarbeit schnell und sauber zu dokumentieren und abzurechnen. „Je nachdem wie teuer oder erklärungsbedürftig der Nachtrag ist, können wir die veränderte Leistung erst anmelden und freigeben lassen oder direkt umsetzen und dokumentieren“, sagt Mittmann. Entscheidet sich der Auftraggeber gegen den Lösungsvorschlag des Unternehmens, könne er mit sauberer Dokumentation und Bedenkenanmeldung der Haftungsfalle entgehen.

KI liest das Leistungsverzeichnis

Wie funktioniert die lückenlose Dokumentation? Der Betrieb bearbeitet viele öffentlich ausgeschriebene Aufträge mit großen, langwierigen Projekten. Da können sich Abweichungen, die Mehrarbeit erfordern, schon mal auf mehrere Hundert Stunden an Arbeitszeit summieren. Seine Software ermögliche es, den Überblick zu behalten.

Zunächst wird das Projekt mit allen für seinen Betrieb relevanten Eigenschaften in Smacra angelegt: Wie viele Stockwerke, Räume pro Stockwerk, Wände und Oberflächen in jedem Raum gibt es? Dann wird das Leistungsverzeichnis (LV) mit den Kurzbeschreibungen und Langtexten zu jeder Position ins Programm geladen. Nun kommt die Künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel. „Die KI ist ein weiterer Baustein. Sie liest die einzelnen LV-Positionen und ordnet ihnen die einzelnen Tätigkeiten automatisch zu, die wir zur Erfüllung der Aufgabe durchführen müssen“, sagt Mittmann. Einen detaillierteren Bericht über den KI-Einsatz gibt es hier im PDF.

Dokumentation per Spracheingabe

Sind alle Eingaben getätigt, erstelle die Software eine strukturierte Übersicht aller Tätigkeiten, die auf der Baustelle zu erledigen sind. Die Tätigkeiten würden mit allen dazugehörigen Wänden, Räumen, Stockwerken des Projekts verknüpft. Das versetze den Vorarbeiter in die Lage, jede spätere Abweichung auf der Baustelle blitzschnell zu erfassen und im System zu dokumentieren. „Sieht er an Wand 3 in Raum 5 in Stockwerk 2 eine Unregelmäßigkeit, schießt er ein Foto und spricht eine Beschreibung der Abweichung ein. Die Sprache wird automatisch in Text gewandelt und mit dem Bild in der Cloud korrekt dem jeweiligen Projekt und Raum zugeordnet“, erklärt der Unternehmer. Der Verantwortliche im Büro werde vom System über die Abweichung informiert, um sie bequem der richtigen LV-Position im Auftrag zuzuweisen und aus dem Programm heraus per E-Mail den Architekten oder Bauträger zu informieren.

Die KI hat das Unternehmen speziell für sein Gewerk und seine Leistungen vom Dienstleister Alpha Analytics anlernen lassen. Seit Mitte 2022 laufe sie stabil ohne Fehler. „Wir haben einen Demonstrator online, den Kollegen gerne mit vorgefertigten oder eigenen Texten ausprobieren können“, sagt Mittmann (Link zum Demonstrator). Er selbst spare alleine durch die Unterstützung bei der Zuordnung zwei Stunden Zeit pro Projekt. „Bei einem Ungeübten wären es vermutlich vier Stunden Einsparung“, sagt Mittmann.

Neue Sicht auf Wertschöpfung

Dadurch, dass das Unternehmen jede Leistung abrechnet, entstünde auch sehr viel mehr Wertschätzung für die Tätigkeit der Mitarbeiter. „Sie sind kein Kostenfaktor in Form von Arbeitsstunden, sondern schaffen unheimlich viel Wertschöpfung. Das wird erst deutlich, wenn man jede Zusatzleistung abrechnet – anstatt sie unsichtbar im Bauprozess untergehen zu lassen“, erklärt Mittmann.

Der Handwerksunternehmer ist überzeugt: Würden alle beteiligten Betriebe an einem Projekt mit seinem System arbeiten, gingen schlecht ausgeführte Einzelleistungen gegen null und Projekte würden früher und im Budgetrahmen abgeschlossen. „Unser Ziel ist es, genau das mit den richtigen Kooperationspartnern zu beweisen“, sagt Mittmann. Dann könne die Software auch zur Nutzung durch andere Handwerksunternehmen marktreif entwickelt werden. Bis es aber so weit ist, bleibt der Betrieb in seinen Projekten wohl der einzige Akteur, der mit einer lückenlosen Dokumentation seine Rendite voll im Griff hat. „Wir werden für unsere Transparenz nicht von allen gemocht“, stellt Mittmann fest, „doch nur so vermeiden wir es, Risiken zu tragen, die andere im Projekt verursacht haben.“

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Bericht über die verwendete KI für Smacra der DILB GmbH

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