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Personal

Meister fordert flexiblere Abschlussprüfung für Flüchtlinge

Handwerksmeister Martin Bauermeister bildet einen Flüchtling aus. Auf dessen Leistungen ist er stolz. Trotzdem fürchtet der Unternehmer, dass der junge Mann an der Abschlussprüfung scheitert. Woran liegt es?

Auf einen Blick:

  • Martin Bauermeister bildet in seinem Betrieb einen Flüchtling als Maler aus. Der sei technisch sehr gut, findet der Unternehmer. Aber er habe Schwierigkeiten, komplexe Texte schnell zu erfassen.
  • Deshalb fürchtet der Malermeister, dass sein Azubi an der Gesellenprüfung im kommenden Jahr scheitern könnte. Er fordert daher eine flexiblere Herangehensweise.
  • Bauermeister geht es nicht nur um die Zukunft seines Lehrlings. Er misst dem möglichen Ausbildungsabschluss der ersten Flüchtlingsgeneration eine viel größere Bedeutung bei.

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Intelligent, engagiert und gut integriert – Malermeister Martin Bauermeister schwärmt von seinem Auszubildenden Abdifitah Mohamud Faulhaber. Trotzdem macht sich der Unternehmer aus dem niedersächsischen Bahrdorf große Sorgen, denn der Termin für die Abschlussprüfung rückt unausweichlich näher. Der 19-jährige Flüchtling aus Somalia lebt erst seit vier Jahren in Deutschland. Trotzdem absolviert er schon im dritten Ausbildungsjahr seine Lehre zum Maler. Bauermeister fürchtet, dass die Hürde für seinen Auszubildenden zu hoch ist.

Das Problem: das Sprach- und Textverständnis des Flüchtlings. Regelmäßig übt der Malermeister mit seinem Schützling mögliche Prüfungsaufgaben. Dabei macht er immer wieder die gleiche Erfahrung: Das fachliche Wissen habe Abdifitah, die schriftlich formulierte Aufgabenstellung bedürfe aber immer einer Erklärung, so Bauermeister.

Sprachprobleme kein Einzelfall

Die Erfahrungen des Malermeisters sind kein Einzelfall. „Es gibt viele Flüchtlinge, die technisch richtig gut sind“, sagt Henning Strieben. Das Problem sei aber die oftmals geringe Schulbildung der Flüchtlinge sowie deren schlechtes Sprachverständnis, so der Projektkoordinator des Integrationsprojekts Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber (IHAFA).

Wie groß diese Probleme in der Praxis in Bezug auf die Gesellenprüfung tatsächlich sind, kann er aber nicht sagen. „Viele aus der großen Flüchtlingswelle haben gerade erst eine Ausbildung angefangen“, meint Strieben. Die meisten seien also noch weit von der Zwischenprüfung entfernt.

Gesellenprüfung: Unternehmer fordert flexiblere Herangehensweise

Der Auszubildende von Bauermeister hat die Zwischenprüfung schon absolviert, die Noten liegen aber noch nicht vor. Auf dem letzten Zeugnis hatte Abdifitah in keinem Fach eine schlechtere Note als eine vier. Doch der Unternehmer fürchtet, dass das nicht so bleibt. Denn er weiß, dass Abdifitah Probleme hat, aufgrund der Sprachkenntnisse komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen.

Deshalb fordert der Unternehmer eine flexiblere Herangehensweise bei der Gesellenprüfung. „Wir dürfen den jungen Leuten keine Hürden bauen, über die sie letztendlich nicht drüberspringen können“, ist er überzeugt. Damit spielt er aber nicht auf eine Absenkung des Ausbildungsniveaus an. Denn das lehnt er ausdrücklich ab. Er könnte sich aber eventuell eine längere Prüfungsdauer für Flüchtlinge oder eine zusätzliche Erklärung der Prüfungsaufgaben vorstellen.

ZDH fordert gleiche Prüfungsbedingungen für alle Auszubildenden

Doch das scheint wenig realistisch. „Geflüchtete sollten nicht gegenüber anderen Auszubildenden bei den Prüfungsbedingungen priviligiert werden“, teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit. Das heißt aber nicht, dass der Verband keinen Handlungsbedarf sieht. „Insbesondere Defizite beim Sprachverständnis sowie beim Rechnen und im Lesen erschweren es den jungen Menschen, dem Berufsschulunterricht zu folgen“, so der ZDH. Um das zu beheben, sei bedarfs- und zielgruppenorientierter Stützunterricht in den entsprechenden Schulfächern erforderlich.

Darüber hinaus spricht sich der ZDH vehement dagegen aus, dass das Anforderungsniveau zum Erwerb von Berufsabschlüssen gesenkt wird. Und dazu zählt er ausdrücklich auch eine ausreichende Sprachkompetenz. Die Kammern bemühten sich aber verstärkt darum, schriftliche Prüfungsaufgaben in einfach verständlicher Sprache zu gestalten. Zudem sei zum Teil die Nutzung von Wörterbüchern zugelassen. In diesem Zusammenhang fordert der ZDH allerdings, dass solche Hilfsmittel allen Auszubildenden zur Verfügung stehen müssen.

Flüchtling ohne Abschluss weiterbeschäftigen?

In Braunschweig gibt es nach Angaben der Handwerkskammer weder schriftliche Prüfungsaufgaben in einfach verständlicher Sprache, noch sind Wörterbücher als Hilfsmittel zugelassen. Allerdings konnte sich Bauermeister dort schon Gehör verschaffen: Der Berufsbildungsausschuss der Kammer wird sich in der Sitzung am 24. September mit seinen Forderungen befassen.

Egal, wie dessen Entscheidung ausfällt: Auch der Auszubildende von Bauermeister wird die schriftliche Abschlussprüfung wiederholen dürfen, falls er im kommenden Sommer tatsächlich durchfallen sollte.

Außerdem gäbe es noch eine andere Option: die Weiterbeschäftigung ohne Abschluss. Doch davon möchte der Unternehmer nur äußerst ungern Gebrauch machen. Denn für ihn ist klar: „Das demoralisiert diejenigen, die technisch gut sind.“ Und das möchte er nicht riskieren, da für ihn noch mehr auf dem Spiel steht als allein die Zukunft seines Auszubildenden. „Momentan absolviert die erste Generation der Flüchtlinge eine Ausbildung, da brauchen wir positive Leuchtturmprojekte“, ist er überzeugt.

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