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Bürokratieaufwand im Mittelstand

Merken Sie, dass es leichter wird?

Angeblich sind die Bürokratiekosten auf einem echten Tiefstand. Dennoch klagen die Betriebe über steigende Belastungen. Wie kann das sein?

Von wegen
Der "Erfüllungsaufwand" steigt seit Jahren weiter und belastet die Betriebe am meisten.
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Ein aktuelles Beispiel: Laut Statistischem Bundesamt befinden sich die Bürokratiekosten in Deutschland seit Jahren auf einem Tiefststand. Gleichzeitig melden 69 % aller befragten Mittelständler in einer aktuellen Studie des Softwareherstellers Sage eine Zunahmen der Bürokratie in den letzten zwölf Monaten. Wie ist das möglich?

Problem Nr. 1: Erfüllungsaufwand steigt
Ein Grund für diese Diskrepanz: Der „Bürokratiekostenindex“ des Statistischen Bundesamtes zeigt nicht das ganze Ausmaß der Belastung. Vielmehr erfasst der Index nur die Kosten aus Informationspflichten. Doch die machen nach Schätzung des Normenkontrollrats (NKR) der Bundesregierung nur 15 bis 20 Prozent aller bürokratiebedingten Kosten in den Unternehmen aus. Den deutlich größeren Kostenblock bezeichnet der NKR als „Erfüllungsaufwand“ – und diese Kosten steigen laut NKR seit Jahren immer weiter an.

Problem Nr. 2: zu viele Änderungen und Unklarheiten
Ein weiteres Problem könnte sein, dass viele die Gesetze kaum verstehen. Und ständige Änderungen der Vorschriften machen die Handhabung im Alltag nicht leichter.

Das bestätigt die Sage-Studie, für die TMS Emnid 400 mittelständische Unternehmen befragt hat. Demnach belasten die Betriebe gleich eine ganze Reihe von Faktoren. Dazu zählen nicht nur die Anzahl der Gesetze und Verordnungen (96 %) und der Kostenaufwand zur Erfüllung der Vorschriften (74 %). Erschwerend kommen hinzu:

  • die Häufigkeit von Änderungen an Gesetzen und Verordnungen (72 %)
  • der Vorbereitungsaufwand für Kontrollen (69 %)
  • die Verständlichkeit von Gesetzen und Verordnungen (65 %)
  • die Klarheit der behördlichen Zuständigkeit (56 %)
Eine hohe Anzahl an Gesetzen sei nicht per se unbedingt kritisch, merkt dazu Prof. Friedrike Welter vom Bonner Institut für Mittelstandsforschung (ifM) in der Studie an.  Problematisch werde es erst dann, wenn die Verordnungen „schlicht unverständlich sind“. Doch genau das kritisieren 65 % der Befragten. Besonders hart trifft dieses Problem kleine Unternehmen (1 - 50 Mitarbeiter): 74 % halten die bestehenden Vorschriften für unverständlich.

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nicht leichter - und das alles hat Folgen!
Problem Nr. 3: Bürokratie ist oft Chefsache 

Vor allem in vielen kleinen Betrieben bleibt dieses Problem meistens am Inhaber oder Geschäftsführer hängen, auch das zeigt die Studie. So werden 45 % der bürokratiebedingten Arbeiten vom Unternehmer oder Geschäftsführer selbst erledigt. Dienstleister, wie zum Beispiel Steuerberater, übernehmen rund 32 %, Mitarbeiter kümmern sich um 21 % der Aufgaben. Bei den verbleibenden 2 % springen Freunde und Bekannte ein.

Das spiegelt sich auch in der wahrgenommenen Belastung in den Unternehmen wider: Die Kosten durch personelle Aufwände belasten 24 % der Befragten. Deutlich mehr (44 %) stören sich hingegen am zeitlichen Aufwand und der Verlangsamung von Abläufen durch bürokratische Vorgaben.

Die Folgen: Jobkiller Bürokratie
Diese Belastungen haben handfeste Folgen: So berichten vor allem die kleinsten Unternehmen (bis 9 Mitarbeiter), dass bürokratische Vorschriften nicht nur Investitionen verhindern (34 %), sondern auch die Einstellung neuer Mitarbeiter (42 %).

Die Wünsche: schneller, einfacher, weniger!
Und was wünschen sich die Betriebe für die Zukunft? Ganz vorne steht auf der Liste der Wunsch nach kürzeren Bearbeitungszeiten in Ämtern und Behörden (78 %), dicht gefolgt von einer Vereinfachung des Rechtssystems (75 %), besserer Zusammenarbeit zwischen Behörden und Unternehmen (73 %) und einer Verringerung der Informations-, Melde-, Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten (71 %).

Und wo sehen Sie die Probleme?
Welche Vorschriften finden Sie besonders unverständlich, welche Behördenwege sind eindeutig zu lang? Schreiben Sie uns!


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(jw)
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