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Re-Import der Toten

Re-Import der Toten

Bestattungstourismus: Während sich die Politik noch über den so genannten Friedhofszwang in Deutschland streitet, werden die Bestattungsgesetze immer wieder ausgehebelt. Das zumindest behaupten Branchenkenner. Danach finden jährlich hunderte von Urnen mit der Asche Verstorbener ihren Platz in den Bücherregalen deutscher Wohnstuben.

Bestattungstourismus: Während sich die Politik noch über den so genannten Friedhofszwang in Deutschland streitet, werden die Bestattungsgesetze immer wieder ausgehebelt. Das zumindest behaupten Branchenkenner. Danach finden jährlich hunderte von Urnen mit der Asche Verstorbener, die in holländischen Krematorien verbrannt worden sind, ihren Platz in den Bücherregalen deutscher Wohnstuben.

Es wirkt wie eine Kaffeefahrt. Einmal im Monat überquert der Leverkusener Bestatter Hans Joachim Friedrich mit einem vollbesetzten Reisebus die Grenze nach Holland. Er will seinen Kunden vor Ort das Leistungsspektrum des Krematoriums in dem kleinen Ort Geleen demonstrieren. Seit acht Jahren hat er diesen speziellen Service im Programm. Die Leute möchten wissen, wie sie oder wie ihre Angehörigen eingeäschert werden. So können sie den Bestattungsvorgang genau unter die Lupe nehmen, sagt Friedrich.

Ich darf das nicht wissen

Das große Interesse der Kunden hat zunächst monetäre Gründe. Auf seiner Homepage hat Friedrich die Preise einer Feuerbestattung in einem Kölner Krematorium den Kosten in Holland gegenübergestellt. Was dem Betrachter sofort ins Auge springt: In einer Gesamtrechnung von 1696 Euro ist das Urnengrab in Deutschland mit 1.187 Euro der größte Kostenfaktor. In den Niederlanden kann dieser Posten entfallen, weil dort die Asche verstreut werden darf. Die anonyme Bestattung in Geleen schlägt nach Friedrichs Rechnung insgesamt mit 752 Euro zu Buche, im direkten Vergleich entspreche das einer Ersparnis von 944 Euro.

Dass die Hinterbliebenen die Asche der Verstorbenen nach der Einäscherung nicht verstreuen müssen, sondern die Urnen ganz einfach wieder mit nach Deutschland nehmen können, ist ein offenes Geheimnis in der Bestatterbranche. Theoretisch ist das so, aber ich darf das nicht wissen, sagt Friedrich. Wie häufig der Friedhofszwang in Deutschland auf diese Weise illegal umgangen wird, darüber kursieren die unterschiedlichsten Gerüchte. Während einige Insider Schätzungen im fünfstelligen Bereich abgeben, glaubt Dr. Rolf Lichtner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, nur an wenige Fälle.

Die Lobby der Kommunen war zu stark

Nach Lichtners Meinung signalisieren die vollbesetzten Reisebusse vor allem, dass die Kremationskultur in Holland und auch in Frankreich weiter entwickelt ist als in Deutschland. Das Krematorium ist dort Ort der Abschiednahme. Die deutschen Bestatter hätten aber in jüngster Zeit verstärkt Krematorien entworfen und gebaut, die dem niederländischen Vorbild entsprechen würden. Und das sei auch bitter notwendig, meint Friedrich: Die Krematorien in Holland haben eine ganz andere Atmosphäre, das ist ein ganz anderes Szenario. Dort finden Sie freundliche, parkähnliche Anlagen Deutschland ist in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland.

Wie sich der Bestattungstourismus in Zukunft entwickeln wird, hängt nicht zuletzt von der Gesetzgebung in Deutschland ab. Bei der Liberalisierung der Bestattungsgesetze hat Nordrhein-Westfalen eine Vorreiterrolle. Allerdings ist jetzt ein entscheidender Punkt im Reformkatalog des NRW-Bestattungsgesetzes gestrichen worden: Der Friedhofszwang wird auch in Nordrhein-Westfalen bestehen bleiben. Die Lobby der Kommunen war wohl zu stark. Die haben ohnehin kein Geld. Der Friedhofszwang ist für die Städte und Gemeinden eine lukrative Einnahmequelle, meint Friedrich.

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