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Das Timing ist entscheidend

Risiko? Wozu ein Risiko?

Wie sicher müssen Sie sich sein, bevor Sie eine Entscheidung treffen? Das Beispiel des Handwerksunternehmers Martin Berteit zeigt: Manchmal muss man einfach nur auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Schließlich doch noch Chef - Martin Berteit gibt seinen Traum nicht auf.
Martin Berteit gibt seinen Traum nicht auf.
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von Jörg Wiebking

„Reklamiert wird immer“, hatte sein Vater zu ihm gesagt. Und: „Nimm den Job, das ist eine sichere Sache.“ Martin Berteit ist 27, als er auf diesen Rat hört und bei einem großen Badausstatter anfängt. „Werkskundendienst“ steht nun auf seiner Karte. Zehn Jahre wird er diesen Job machen. Und sein Vater hatte recht: Rund 10.000 Bäder sieht Berteit in dieser Zeit, bis zu zehn Reklamationen am Tag.

Berufswunsch: "Installateurmeister"
So hatte sich der Handwerker aus dem niedersächsichen Oldenburg sein Berufsleben allerdings nicht vorgestellt. Berteit wollte schon als Kind immer nur eins werden: „Installateurmeister“. So wie sein Vater. „Meister werden und den Betrieb übernehmen – das gehörte für mich zusammen.“

Ausgebremst von der Krise
Den Meister als Gas- und Wasserinstallateur macht er mit 24. Das Timing ist schlecht: Deutschland gerät ins „Geiz ist geil“-Fieber, die Schwarzarbeit ist auf dem Höhepunkt, bei MyHammer verhökern Betriebe ihre Leistungen. Und im Familienbetrieb herrscht Kurzarbeit. 2004 fällt die Entscheidung: Sein Vater rät ihm von der Übernahme ab. „Ich habe meinem Vater immer vertraut, darum bin ich seinem Rat gefolgt.“ Kurz darauf wird die Firma verkauft.

Sicherheit statt Selbstständigkeit
Also Werkskundendienst: Seine Tage und seine Arbeit organisiert sich Berteit selbst. Wenn er nicht auf Achse ist, sitzt er im Homeoffice. Selbstständig ist er nun auch, irgendwie. Und die finanzielle Sicherheit hat ihre guten Seiten. Denn inzwischen hat er eine Familie und ein Eigenheim.

Sicher schon, aber unzufrieden: Da muss doch etwas gehen!

Erster Anlauf: Selbstständig im Nebengewerbe

Doch Berteit ärgert, was er täglich sieht: gute Kunden, gutes Geld – und viel Pfusch. „Das kann ich besser“, ist er überzeugt. Denn er ist Perfektionist. Das sagt er über sich selbst, und es bestätigt sich, als wir uns für einen Videodreh treffen: Jedes Wort vor der Kamera muss sitzen – gut ist nicht gut genug.

Nach fünf Jahren Kundendienst hat Berteit einen Plan: Badsanierungen könnten sich lohnen. Er gründet einen Betrieb, im Nebengewerbe (www.bad-mal-anders.de). „Ich wollte mir das langsam aufbauen, Schritt für Schritt.“

Der Spagat kostet zu viel Kraft
Den Job will er erst kündigen, wenn er genügend Kunden hat. Die profitieren von seinen Erfahrungen: Während des Drehs klingelt sein Handy – ein neuer Kunde. Berteit hört konzentriert zu, fragt nach, lässt dem Kunden Zeit. Er vermittelt Kompetenz und Verbindlichkeit. Dieser Anrufer wird sich auf ihn verlassen.

Doch der Plan geht nicht auf. Aufträge bekommt er zwar und die Preise sind gut. Aber der Spagat kostet Kraft: 40 bis 60 Stunden im Kundendienst und abends und am Wochenende die eigenen Aufträge? „Ich hatte immer weniger Zeit für die Familie.“

Berteit gibt nicht auf: Ein neuer Plan trägt Früchte!

Oder vielleicht doch einen Betrieb übernehmen?

Also entwickelt Martin Berteit einen neuen Plan: „Mir war klar: Wenn ich meinen Job kündige, dann brauche ich auf einen Schlag genug Kunden. Sonst ist das Risiko zu groß.“ Die Lösung: Er will einen Betrieb samt Kunden übernehmen.

Übernahme ohne Eigenkapital - geht das?
Dabei gibt es nur ein Problem: Die Einnahmen als Solounternehmer hat Berteit sechs Jahre lang komplett in seine Ausrüstung investiert. Eigenkapital hat er also nicht. Nicht gerade ideale Voraussetzungen, um eine Bank zu überzeugen.

Doch Ende 2013 wird er fündig: Ein kleiner Betrieb in Westerstede steht zum Verkauf, zu einem „fairen Preis“. Die Bank stimmt der Finanzierung zu. Er unterschreibt und kündigt seine Stelle zum 31. März.

Und jetzt: Keine Angst vor dem Risiko? „Eigentlich nicht, irgendwie ergibt sich jetzt alles, plötzlich scheint alles zu passen.“ Und was sagt sein Vater dazu? „Früher war er immer skeptisch, wenn wir über meine Pläne sprachen. Doch nachdem ich mich entschieden hatte, war davon nichts mehr zu spüren. Er hat mir einfach seine Hilfe angeboten.“

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