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Ruft! Nicht! An!

Schmerzhafter Schlag gegen Nerv-Akquisiteure

Ungebetene Anrufer quälen Betriebsinhaber mit Angeboten, die unglaublich günstig sind – und die kein Mensch will. Eine Unternehmerfrau hat zur Abschreckung der Nerv-Akquisiteure ein spezielles Werkzeug gleichen neben ihrem Bürotelefon liegen …

Total genervt - Es gibt Tage, an denen man besser nicht ans Telefon gehen sollte.
Es gibt Tage, an denen man besser nicht ans Telefon gehen sollte.
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Sonntag, mitten in der Nacht: Das Faxgerät läuft heiß. Absender: Rufnummer unterdrückt. Vom Versicherungsvertreter über den Mobilfunkanbieter bis zum dubiosen Auftragsvermittler – sie alle verschwenden das Faxpapier und die Druckerpatronen der Betriebe mit wahnsinnig günstigen und verlockenden Angeboten.

Montag, 8 Uhr: Seltsamerweise ist das Faxgerät nicht explodiert. Die Unternehmerfrau Helga Zelinski (Name geändert) überfliegt die Schreiben – und schmeißt sie in den Papierkorb.

Montag, 12.20 Uhr: Ein Akquisiteur telefoniert eines der wahnsinnig günstigen Angebote nach. Er erreicht den Mann von Helga Zelinski auf dem Firmenhandy. Der Dachdeckermeister ist im Stress, kurz angebunden: „Ich weiß von nichts, besprechen sie das mit meiner Frau.“

Montag, 12.25 Uhr: Das Bürotelefon klingelt, auch Helga Zelinski ist nicht gesprächig: „Ich will nichts, benötige nichts und glücklich versichert sind wir auch.“ Sie legt auf.

Montag, 12.30 Uhr: Auf dem Firmenhandy des Dachdeckermeisters behauptet der Anrufer, Helga Zelinski habe gesagt, das Angebot sei eine gute Sache, der Chef solle den Auftrag erteilen. Der Handwerksunternehmer drückt das Gespräch wortlos weg.

12.35. Die Unternehmerfrau greift zur Trillerpfeife – eine gute Idee?

Richtiges Werkzeug? - Vor der Anwendung fragen Sie Ihren Ohrenarzt, Ihren Hörgeräte-Akustiker – oder Ihren Rechtsanwalt.
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Eindeutig Körperverletzung

Montag, 12.35 Uhr: Wieder klingelt das Bürotelefon, Helga Zelinski greift zuerst zur Trillerpfeife, dann zum Hörer. Diesmal behauptet der Akquisiteur, der Mann von Helga Zelinski habe gesagt, dass … Es ist nicht überliefert, ob der Akquisiteur noch als Akquisiteur arbeitet. Und man sollte vielleicht mit einem Hörgeräte-Akustikermeister besprechen, wie gesundheitsschädlich so ein extremer Pfiff sein kann.

„Das ist eindeutig Körperverletzung. Der Agent, der am Telefon sitzt, ruft ja nicht aus freien Stücken an, das ist sein Job. Und so ein Pfiff kann verheerende Folgen haben, bis zum Hörverlust“, sagt Jens Fuderholz, Sprecher des Call Center Verbandes Deutschland (CCVD). Der Verband rät seinen Mitgliedern in solchen Fällen zur Strafanzeige.

Ein Beispiel für einen Prozess nach einem Trillerpfiff durchs Telefon: Im Frühjahr 2012 musste sich eine 61-Jährige vor Gericht verantworten. Denn eine Callcenter-Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung litt nach dem Pfiff unter einem Lärmtrauma und Ohrgeräuschen. Das Amtsgericht Pirmasens verpasste der 61-Jährigen einen Strafbefehl über 800 Euro.

Das Mitleid mit der Call Center-Mitarbeiterin dürfte sich auf Seiten vieler Unternehmer in Grenzen halten. Und mal abgesehen von der strafrechtlichen Relevanz: Kann Fuderholz die Handwerksunternehmer verstehen, die selbst im Büro sitzen und einfach nur genervt sind? „Absolut, ich kann das auch nicht leiden, wenn mich ein Akquisiteur in meinem eigenen Unternehmen ungefragt anruft und mir meinetwegen eine Lebensversicherung verkaufen will.“

Nächste Seite: Alternativen zur Trillerpfeife.

Geschenkt ist dagegen teuer. - Gutscheine: natürlich umsonst. Lebensversicherungen: unglaublich günstig. Mobilfunkverträge: so gut wie geschenkt.
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Kurzfristig genervt, langfristig gewehrt?

Ein oft gehörtes Argument, mit dem Akquisiteure die Anrufe in Betrieben rechtfertigen: Hier geht’s um Business to Business, der Handwerksmeister muss als Unternehmer mit der B2B-Kommunikation leben.
 
„Falsch gedacht“, sagt Fuderholz. Auch ein Unternehmer müsse vorab sein „Opt-in“ geben, also sein Einverständnis, dass er angerufen werden möchte: „Wer mir Wein als Kundengeschenk verkaufen will, kann mir genauso gut einen Brief schreiben. Es gibt schlicht keinen Grund dafür, dass ein Telefonat das Mittel der Wahl ist.“

Doch was rät der CCVD-Sprecher Betrieben, was ist die Alternative zur Trillerpfeife? Fuderholz unterscheidet in kurzfristige und langfristige Möglichkeiten. Der eher langfristig erfolgreiche Weg: Die Rufnummer, die übermittelt wird, aufschreiben und an die Bundesnetzagentur weiterleiten. Das ist die zentrale Behörde für Beschwerden über Telefonwerbung.
Im Internet gibt es ein Formular dafür, unter Punkt 2: „Unerlaubte Telefonwerbung durch natürliche Person, keine Bandansage (Cold Calls).“

Die Bundesnetzagentur verfolge das tatsächlich, sagt Fuderholz. Schließlich gehe es in der Regel nicht um Einzelfälle, sondern um Kampagnen, um organisierte Phänomene: „Und wenn sich 300 Handwerksmeister über den selben Anbieter beschweren, ist die Beweisführung für die Bundesnetzagentur sehr viel einfacher.“

Und wenn keine Nummer übertragen wird? Helga Zelinski pfeift auf strafrechtliche Konsequenzen.

Täglich 25 Millionen Kontakte!
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"Mich wollen Sie nicht als Kunden, ich habe Krebs."
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Normalerweise lässt sich über die Rufnummer, die übertragen wird, der Anrufer ausfindig machen. Es gibt technisch allerdings die Möglichkeit, dass eine andere Rufnummer übertragen wird. Und wenn Anrufe aus dem Ausland kommen, wird's ohnehin schwierig für die Bundesnetzagentur.

Ein Beispiel für eine kurzfristig Maßnahme: einfach auflegen. Oft helfe auch eine einfache Nachfrage, meint Fuderholz: „Woher haben sie das Opt-in, mich anrufen zu dürfen?" Spätestens dann kämen die Leute ins Schleudern, das Gespräch sei meist schnell beendet.

Auch beliebt: die heftige Antwort. Wer eine Krankenversicherung verkaufen will, verschwindet bei dieser Ansage fix aus der Leitung: “Zu spät, ich habe Krebs.”

Übrigens: Laut Fuderholz haben die Callcenter in Deutschland täglich 25 Millionen Telefonkontakte. 25 Millionen! Aus dieser extremen Zahl rühre auch die gefühlte Masse der Schwarzen Schafe: "Wenn davon ein Promill-Anteil schiefgeht, ist die Fallzahl immer noch so hoch, dass sie leicht jemanden finden werden, der sagt: 'Oh ja, ich bin schon wieder angerufen worden'." Der weitaus größte Anteil der Kontakte verlaufe seriös.

Helga Zelinski interessieren solchen Zahlen nicht. Sie pfeift auf langfristig wirksame Maßnahmen und strafrechtliche Konsequenzen, denn sie ist kurzfristig genervt. Sie will den Frust jetzt loswerden. Sofort. Die Trillerpfeife wirke einfach richtig gut. Der Mann von Montagmittag habe jedenfalls nicht mehr angerufen.

Mit welchen Tricks begegnen Sie Nerv-Akquisiteuren? Helfen Sie Ihren Kollegen, schreiben Sie der Redaktion!

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