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Offener Brief

Schmort in der Hölle

Ich habe die Faxen dicke. Deshalb möchte ich ausnahmsweise einen handwerk.com-Text mit einer Beleidigung beginnen: Liebe zahlungsfaule Generalunternehmer und Bauträger, Ihr seid zum Kotzen. Ein offener Brief aus aktuellem Anlass.

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Jedes verdammte Mal, wenn Ihr unter fadenscheinigen Begründungen die Kohle einbehaltet, die einem Bauhandwerker zusteht, zerstört Ihr Menschen (und davon mal abgesehen auch den Ruf Eurer Branche).

Nun ließe sich einwenden, dass Betriebsinhaber selbst schuld sind an ihrem Debakel. Wir schreiben das Jahr 2012 und so langsam sollten die Leute Euer Spiel durchschaut haben. Welcher Idiot fällt denn noch auf mündliche Zusagen herein? Und welcher Idiot arbeitet weiter, wenn die Abschlagszahlungen ausbleiben? Das ist leicht dahingesagt.

Wenn in der Redaktion das Telefon klingelt und der tausendste Bauhandwerker die immer gleiche Geschichte erzählt, verbirgt sich dahinter das tausendste Schicksal. Die Leute leiden extrem. Das sind Männer und Frauen mit Familien. Mit kleinen Kindern. Mit Mitarbeitern. Mit Verantwortung.

Der jüngste Fall: Ein Klassiker mit kreativen Argumenten – lesen Sie Seite 2.

Klassiker mit kreativen Argumenten
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Schöner Auftrag auf einer ostfriesischen Insel. Der Bauhandwerker Hinrich Hinrichs (Name geändert, aber Hinrichs heißt gefühlt die Hälfte der ostfriesischen Bevölkerung) restauriert eine Fassade – eine tolle und anspruchsvolle Arbeit. Weil er die Denkmalschutzauflagen für das Gebäude besonders elegant umsetzt, lobt ihn die halbe Welt zu Tode. Diverse Presseartikel preisen sein Können, alles schick. "Bei den gesamten Abnahmen hatte ich nicht einen einzigen Mangel", sagt Hinrichs.

Was die Stimmung dämpft: Seit Monaten und einer halben Ewigkeit ignoriert der Generalunternehmer die Schlussrechnung. Gestern habe ich mit Hinrichs telefoniert. Leise Stimme, etwas brüchig – völlig klar, dass er sonst anders klingt. Seine Hilflosigkeit ist greifbar. Er hat drei kleine Kinder. Drei Mitarbeiter. Er steht ganz kurz vor der Insolvenz. Und er hat bereits das Ersparte geplündert, das Geld, das für die Rente vorgesehen war.

Es geht um 62.000 Euro. Dass der Generalunternehmer das Geld nicht überweist, wird besonders hübsch begründet: Es sei so viel zu tun, dass der verantwortliche (verantwortungslose?) Architekt noch nicht dazu gekommen ist, die Schlussrechnung zu prüfen. Das ist immerhin kreativ. Aber habt Ihr eigentlich noch alle Schrauben im Kasten?

Letztlich kennt Ihr, liebe zahlungsfaule Generalunternehmer und Bauträger, doch sowieso nur ein Argument: Der durchschnittliche Vertreter Eurer Spezies beschäftigt mehr Juristen als Bauarbeiter. Wer jemals eines Eurer Verwaltungsgebäude betreten hat, der weiß, dass hinter den Türen der Büros in regelmäßigen Abständen ein seltsames Kichern zu hören ist. Dann hat wieder einer Eurer Anwälte die Mahnung eines Subunternehmers geöffnet. Diese Szene ist seltsam, stimmt, aber das ganze Thema ist ja auch nicht normal, oder?

Folgen, Schlussfolgerungen und ein netter Gruß: Lesen Sie Seite 3.

"Die Kacke ist am Dampfen"
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Zu den Mietern der Immobilie, die Hinrichs auf Vordermann gebracht hat, gehört eine große Drogeriekette. Und auch deren Chef ist von Hinrichs‘ Fähigkeiten überzeugt, der Bauhandwerker könnte bundesweit Filialen sanieren. Das ist er! Der Hammerauftrag, für den er gearbeitet hat! Zu dumm: Hinrichs kann derzeit keinen Vertrag unterschreiben.

Wie denn, wenn er seine Leute nicht bezahlen kann? Wie denn, wenn das Finanzamt, die Berufsgenossenschaften und alle anderen, die Geld von einem Unternehmer wollen, ihm im Nacken sitzen (die Krankenkasse ist in Hinrichs Fall übrigens kulant). Die Kosten laufen ja weiter. Um es mit den Worten des Bauhandwerkers zu sagen: "Die Kacke ist am Dampfen."

Habe ich eigentlich erwähnt, dass Hinrichs nicht der einzige ostfriesische Betriebsinhaber ist, der vergeblich auf Geld aus dem Ruhrpott wartet? Das versteht sich wahrscheinlich von selbst.

Wie auch immer: Wir werden Hinrichs unterstützen. Wir werden alle Beteiligten anrufen und wahrscheinlich weitere fadenscheinige Argumente und neue Lügen sammeln. Unter Umständen veröffentlichen wir auch den Namen des GU’s. Und vielleicht schaltet sich ja der Chef der Drogeriekette in die Geschichte ein. So eine Chance. Es wäre einfach zu dämlich, wenn Hinrichs ausgerechnet 2012 pleitegehen würde.

Und weil Ihr, liebe zahlungsfaule Generalunternehmer und Bauträger, ganz genau wisst, welche Folgen Euer Verhalten hat: Schmort doch in der Handwerker-Hölle, Euer Heiner Siefken.

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(sfk)
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