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Handwerker am Rande der Selbstbeherrschung

Selbstständig und gefährlich?

Ein Pizzabäcker nimmt einen Kunden als Geisel , ein Handwerker rammt ein Haus mit dem Bagger. Verlieren kleine Unternehmer langsam die Beherrschung? Die Reaktionen sind verständlich, meint unser Experte: "Schuld sind die Gerichte."

Die Meldungen häufen sich:

  • Ein Transportunternehmer erschießt in Dessau den Staatsanwalt, weil er in 7 Jahren einen Prozess nach dem anderen verlorenen hat.


  • Ein Pizzabäcker in Göttingen entführt und erpresst einen Kunden - wegen einer schlechten Kritik im Internet, berichtet die HAZ.

So eine Serie wirft Fragen auf: Was ist los mit den kleinen Unternehmern? Wie kommt es zu solchen Taten? Kann jedem mal die Sicherung duchbrennen? Wir haben Axel Janßen gefragt. Als systemischer Management-Coach hat es der Hamburger öfter mit Unternehmern zu tun, die hart um ihre Selbstbeherrschung ringen.

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Herr Janßen, drehen die kleinen Unternehmer langsam durch?
Nein, bestimmt nicht. Das sind ja nur ein paar, die Schlagzeilen machen. Die ganz große Mehrheit der Handwerker wird sicher nicht zur Kettensäge oder zum Hammer greifen. Auch wenn die Reaktionen des Bauunternehmers emotional absolut verständlich sind.

Wie erklären Sie sich solche Reaktionen? Liegt das daran, dass man sich als kleiner Unternehmer hierzulande irgendwie immer als der Dumme fühlt?
Das Ganze hat was mit der Biologie zu tun - und mit unseren Gerichten. Unternehmer kommen immer wieder in Situationen, in denen ihnen jemand an den Karren zu fahren versucht. Selbst wenn man nach bestem Wissen und Gewissen handelt und sich an das geltende Recht hält. Und jeder Unternehmer weiß ganz genau, dass er sich dann auf die Gerichte nicht verlassen kann.

Tatsache ist: Die Gerichte in Deutschland sind überlastet. Also ermuntern sie die Parteien zu einem Vergleich. In der Regel lässt sich ein Unternehmer darauf ein: weil Anwälte und Gutachter teuer sind, weil die Gegenseite vielleicht einen raffinierten Anwalt hat und weil die Gefahr besteht, dass er am Ende alles bezahlen muss ...

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Unerträglich: Mit dem Rücken an der Wand


Was spricht gegen einen Vergleich? Seit wann ist ein Kompromiss etwas Schlechtes?
Axel Janßen: Aber emotional ist das ein Gefühl der Ohnmacht. Als biologisches Wesen sind wir Kampf oder Flucht gewohnt. Diese Möglichkeiten werden uns durch den Vergleich genommen. Wir werden zu einem Kompromiss gezwungen. Und mit dem Vergleich räume ich zumindest emotional Mitschuld ein.

Das können manche Menschen nicht ertragen. Sie haben das Gewissen auf ihrer Seite, aber sollen jetzt einen Kompromiss eingehen und dafür auch noch bezahlen. Bei einem Vergleich ist man immer dran. Das ist ein Gefühl, als ob man mit dem Rücken an der Wand steht.

Weil viele Unternehmer dieses Problem kennen - sei es aus eigener Erfahrung oder aus Berichten von Kollegen - ist ihnen das schon in dem Moment klar, wenn es zu einem Konflikt mit einem Kunden kommt. Manche entscheiden sich dann für den Kampf.

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Wenn Emotionen die Kontrolle übernehmen


Das geht doch jedem Unternehmer so. Nicht jeder greift dabei gleich zum Bagger. Woran liegt das?
Das hängt davon ab, ob die Emotionen die Oberhand gewinnen, auf den Grad der Emotionalisierung. Wenn man sich so richtig über etwas aufregt, bekommt man einen Tunnelblick. Wer so emotionalisiert ist, der denkt nicht mehr über die Folgen nach.
Unter normalen Umständen reagieren Menschen zwar auch immer als Erstes emotional. Doch dann prüft das Gehirn in Sekundenbruchteilen noch schnell, welche Folgen eine rein emotionale Reaktion für mich hätte und was stattdessen ein angemessenes Verhalten wäre.

Aber wenn Menschen sowieso schon mit ihren Emotionen im Vollkontakt stehen, dann ist es manchmal wie mit dem sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dann hat man keinen Zugriff mehr auf das, was wichtig ist und was die Folgen sein können. Dann übernehmen die Emotionen das Handeln. Das ist pure Biologie. Vor Gericht heißt das dann 'im Affekt'.

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Wer sich als Opfer fühlt, findet solche Taten gut


Der Bauunternehmer mit dem Bagger hat vielleicht im Affekt gehandelt. Aber sicher nicht die Menschen, die im Internet zustimmende Kommentare verfasst haben. Woher kommt der Beifall?
Heutzutage wird sehr viel schnell emotional bewertet. Das kann dazu führen, dass man sich eher mit dem Täter als mit dem Opfer identifiziert. Genauer: Davon hängt ab, wer in so einem Fall überhaupt als Opfer wahrgenommen wird.

Menschen bewerten Situationen immer aus dem heraus, was ihnen wichtig ist. Ein kleiner Unternehmer kann die Situation des Bauunternehmers nachvollziehen. Er kann sich das so erklären und bewerten, dass der Bauunternehmer im Recht war und nicht die Auftraggeberin, deren Haus er demoliert hat. Für ihn ist dann der Bauunternehmer das Opfer, nicht der Täter.

Beifall kam auch von Nicht-Handwerkern und Kunden. Ist das nicht ein Zeichen, dass die Unzufriedenheit allgemein viel größer ist?
Man muss kein Handwerker sein, um sich in dessen Lage hineinzuversetzen. Wenn man sich selbst schon einmal ohnmächtig gefühlt hat oder abgezockt wurde, dann bewertet man die Reaktion des Bauunternehmers aus dieser Erfahrung heraus. Dann kann man den Handwerker auch als Opfer wahrnehmen und mit ihm sympathisieren.

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Klartext: Kunden vertragen klare Worte


Heißt das, als Handwerker sollte man bei Kunden ruhig öfter mal auf den Putz hauen, wenn man sich ärgert? Die werden das schon verstehen?
In der Regel schadet es nicht, einmal zuzugeben, dass man sich über den Kunden ärgert. Wie sonst soll der Kunde das sonst wissen und mit dem Handwerker gemeinsam einen Weg hinaus finden.

Nur sollte einem auch hier klar sein, dass eine emotionale Verletzung des anderen eintreten kann. Oft geschieht das, wenn ich Werte des anderen verletze, also das, was dem anderen in diesem Zusammenhang wichtig ist . Je besser ich vermittle, worüber und warum ich mich persönlich ärgere, desto wahrscheinlicher wird ein fruchtbares Gespräch.

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Kurz vor dem Kurzschluss? So kommen Sie wieder runter!


Wenn ich gerade keine Bagger zur Hand habe oder eine eigene Kurzschlusshandlung vermeiden will? Ich habe das ja nicht unbedingt unter Kontrolle.
Wichtig ist zunächst einmal, dass man es erkennt, wenn man auf so einen Zustand hinsteuert. Das ist relativ einfach: Der Körper ist ja immer schneller und warnt uns vor, bevor unser Verstand den ersten Gedanken formuliert.

Wie der Körper das signalisiert, ist allerdings von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Beim einen stellen sich sprichwörtlich die Haare auf. Beim anderen verspannt sich der Nacken. Der Dritte fängt an, mit den Zähnen zu knirschen oder zu schwitzen ... Wenn man sich selbst etwas kennt und seinen Körper wahrnimmt, kann man das schon erkennen.

Und wenn ich schon mit den Zähnen knirsche und in der Hosentasche nach dem Baggerschlüssel suche?
Dann ist "Abstand gewinnen" das oberste Gebot. Nicht nur zum Gegenüber, sondern zu sich selbst. Eine Runde um den Block kann helfen. Wenn es geht, auch eine Nacht drüber schlafen. Nur ein Griff zur Flasche nützt nichts, da hat bekommt man keinen Abstand zu sich selbst.
Der größte Fehler wäre es jedenfalls, sofort zu entscheiden und zu handeln.

Jeder sollte sich außerdem fragen, was einem früher in solchen Situationen geholfen hat. Das wird wahrscheinlich auch in diesem Fall funktionieren. Manche gehen dann in die Kirche, andere ins Boxstudio.

Wichtig ist in jedem Fall, dass man mit diesem Abstand die Maßstäbe überprüft: Ärger mit Kunden sollte man nicht aus Emotionen heraus bewerten, sondern nach den Fakten und den Folgen, die die eigenen Handlungen haben würden.


Das Interview führte Jörg Wiebking.

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