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Modellprojekt

So kommen die Flüchtlinge ins Handwerk

Flüchtlinge ins Handwerk: Alle reden darüber, doch wie soll es praktisch funktionieren? Und wann? Ein Modellprojekt in Niedersachsen macht jetzt Nägel mit Köpfen. Rund 500 Flüchtlinge werden auf eine Ausbildung vorbereitet.

Es geht voran mit der Integration - 1,1 Millionen Euroinvestiert das Land Niedersachsen in das Modellprojekt der Handwerkskammern.
1,1 Millionen Euroinvestiert das Land Niedersachsen in das Modellprojekt der Handwerkskammern.
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„Es ist eine Win-Win-Situation“, sagte Peter Voss bei der Vorstellung des Integrationsprojektes „Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber“, das am 2. November an den Start gegangen ist. Der Vorsitzende der Landesvertretung der Handwerkskammern in Niedersachsen (LHN) meinte damit, dass beide Seiten von dem Projekt profitieren: Die Handwerksbetriebe können ihren Nachwuchs sichern, und die Flüchtlinge bekommen eine berufliche Perspektive.

Das vom Handwerk initiierte Projekt wird durch die Bildungsstätten der Handwerkskammern in ganz Niedersachsen umgesetzt. Es zielt darauf, in allen sechs Kammerbezirken Asylbewerber und Flüchtlinge auf eine handwerkliche Ausbildung oder Umschulung im Jahr 2016/2017 vorzubereiten und sie in den ersten Monaten ihrer Ausbildung zu begleiten. Als Partner konnten die Kammern dafür das niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, die Bundesagentur für Arbeit und die Landkreise mit ins Boot holen. Koordiniert wird die Zusammenarbeit von der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Im Einzelnen soll das Modellprojekt Folgendes leisten:

1. Vernetzung:
Ein vom Land finanziertes Beraternetzwerk nimmt Handwerksbetriebe und Flüchtlinge gleichermaßen in den Fokus. Diese Integrationsberater der Kammern sollen eng mit Kommunen, Erstberatungsstellen, Arbeitsagenturen, Jobcentern und anderen Institutionen zusammenarbeiten, die in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind.

2. Information und Erstberatung:
Die Kammern und ihre Partner informieren über das duale Ausbildungssystem in Deutschland und über die Projektangebote, um geeignete Teilnehmer für das Projekt zu gewinnen. Das geschieht unter anderem über Informationsveranstaltungen in den Kommunen, Bildungsstätten und Handwerksbetrieben.

3. Kompetenzfeststellung:
Die Berater der Kammern analysieren den Bildungs- und Berufsweg der Teilnehmer. Danach bekommen sie in den Lehrwerkstätten Arbeitsaufgaben aus bis zu drei unterschiedlichen Berufsfeldern. Die dortigen Lehrwerkmeister können so ihre fachliche Eignung ermitteln. Das Ganze soll im Februar 2016 beginnen. Sollte eine Kompetenzfeststellung bei einigen Interessenten aus der Zielgruppe nicht nötig sein, kann auch direkt eine Vermittlung in Praktika oder in Einstiegsqualifizierungen (EQ) erfolgen.

4. Qualifizierung und Praktika:
Im Anschluss an die dreiwöchigen Kompetenzfeststellungen absolvieren die Teilnehmer fünf Wochen lang Praktika in Handwerksbetrieben. An einem Tag in der Woche werden sie in dieser Zeit in den Berufsbildungszentren der Kammern auf die betriebliche Ausbildung und den Berufsschulunterricht vorbereitet. Zu den Inhalten gehören zum Beispiel der berufsbezogene Mathematik- und Sprachunterricht. Wer möchte, kann auch über die fünf Wochen hinaus an der Berufsschulvorbereitung teilnehmen und die Zeit bis zum Beginn der Ausbildung für Langzeit-Praktika nutzen.

5. Beratung und Schulung für Betriebe:
Handwerksunternehmen können an Informationsveranstaltungen und Schulungen teilnehmen, in denen es zum Beispiel um kulturelle Unterschiede, arbeitspädagogische Fragen und die aktuellen rechtlichen Vorschriften rund um die Einstellung von Flüchtlingen geht. Des Weiteren werden die teilnehmenden Betriebe darin unterstützt, ein internes Patensystem aufzubauen: Erfahrene Mitarbeiter begleiten die „Neuen“ während der Ausbildung. Zum Angebot gehören auch Treffen, bei denen die teilnehmenden Betriebe in moderierten Gesprächsrunden ihre Erfahrungen austauschen können. ­­­­­

„Wir möchten bei den Unternehmen eine Willkommenskultur etablieren“, sagt Projektkoordinatorin Isabella Wolter von der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. Betriebe, die an den Schulungsangeboten teilgenommen und Praktikums- oder Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, werden deshalb mit dem Label „Willkommenskultur ja“ ausgezeichnet.

6. Vermittlung und Begleitung:
Die Berater suchen nach geeigneten Ausbildungsbetrieben und helfen den Projektteilnehmern dabei, ihre Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und sich auf die Vorstellungsgespräche vorzubereiten. Den Betrieben stehen sie zur Seite, wenn es darum geht, sich im Dschungel der Verwaltungsvorschriften und Gesetze zurechtzufinden und die Vorgaben zu erfüllen. Während der ersten Monate fungieren sie weiterhin als Ansprechpartner für die Flüchtlinge und deren Ausbilder in den Betrieben.

Das Wirtschaftsministerium unterstützt das Modellprojekt mit rund 1,1 Millionen Euro. Hinzu kommen teilnehmerbezogene Ausgaben, die aus Fördermitteln der Jobcenter und zugelassenen kommunalen Träger erbracht werden. Das Handwerk beteiligt sich an den Gesamtkosten mit einem Eigenanteil in Höhe von rund 30 Prozent. Der LHN-Vorsitzende Peter Voss verwies auf gute Erfahrungen von Ausbildungsbetrieben mit motivierten Flüchtlingen (siehe Bericht unten). Es komme jetzt darauf an, zu handeln und die Chancen zu nutzen, die mit der Zuwanderung verbunden sind.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies sprach zum Start des Projektes von der großen Herausforderung, die rund 80.000 im Jahr 2015 in Niedersachsen erwarteten Asylsuchenden und Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren: „Je früher wir damit beginnen, desto eher helfen wir ihnen, ihre Existenz unabhängig von Transferleistungen zu bestreiten, und desto eher können sie als wertvolle Fachkräfte auch in niedersächsischen Betrieben zu Wachstum und Wohlstand beitragen.“
Weitere Informationen: Interessierte Betriebe können sich an ihre zuständige Handwerkskammer wenden.

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(afu)
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