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Personal

So lesen Sie Arbeitszeugnisse richtig

Wer neue Mitarbeiter einstellen will, bekommt es mit Arbeitszeugnissen zu tun. Was die Dokumente über die Bewerber aussagen.

von Birgit Wessel

Bei rund 700 Mitarbeitern in der LR Gebäudereinigung GmbH in Barnstorf kommen viele Bewerbungen auf den Tisch – und mit ihnen Arbeitszeugnisse. Wenn Geschäftsführer Friedhelm Hinsenhofen ein solches Dokument in Händen hält, checkt er als Erstes, ob sich der Aussteller wirklich mit seinem Mitarbeiter auseinandergesetzt hat: "Mir ist wichtig, dass das Schreiben individuell angelegt ist."

Warnsignal: Kurze Zeugnisse

Worauf es generell bei Arbeitszeugnissen ankommt, zeigt Helmut Dittrich in seinem Buch "Arbeitszeugnisse schreiben und verstehen" auf. Zunächst einmal gelte: "Je knapper das Zeugnis, umso schlechter wird der Mitarbeiter von Dritten beurteilt." Friedhelm Hinsenhofen sagt: "Man merkt dann, dass Arbeitgeber sie für Menschen ausgestellt haben, mit denen sie nichts mehr zu tun haben werden."

Warnsignal: Zeugnis-Code

Weil alle Arbeitszeugnisse wohlwollend formuliert sein müssen, ist laut Buchautor Dittrich der sogenannte Zeugniscode wichtig. Den wenden viele Aussteller an, weil sie eine klare Wertung abgeben wollen.

Sie möchten ausschließlich hervorragende Mitarbeiter einstellen? Dann achten Sie genau auf die Nuancen bei den Formulierungen nach diesem Code. Nach Dittrich muss es "stets zur vollsten Zufriedenheit" oder "stets in jeder Hinsicht" heißen. Denn Abstriche bei Schlüsselformulierungen bedeuteten immer, dass der Mitarbeiter keine überdurchschnittlichen Leistungen gebracht hat.

Warnsignal: Aufgabenbeschreibungen

Darüber hinaus enthalten Zeugnisse Aufgabenbeschreibungen. Auch darin stecken laut Dittrich Beurteilungen. Vor allem die Art der Arbeit zeige, was ein Mitarbeiter leisten kann.

Wenn beispielsweise in einem Zeugnis über zwei Jahre Arbeitsleben steht „Sie führte Lötungen an Chassis von Fernsehgeräten durch“, werde indirekt gesagt, dass die Frau flott und präzise angelernte Arbeiten durchführen kann – bei einer beachtlichen Monotoniefestigkeit. Wenn Sie eine entsprechende Tätigkeit zu besetzen haben, sei die möglicherweise genau die ideale Bewerberin.

So finden Sie die wahre Botschaft eines Zeugnisses heraus!

Laut Dittrich helfen eine Reihe von Fragen, der Zeugnisbotschaft auf die Spur zu kommen, wie zum Beispiel:

  • Wie lange sind die wesentlichen Tätigkeiten ausgeübt worden? – Zu häufiger Wechsel kann auf Mängel in der Arbeitsgüte hinweisen.
  • Liegt der Schwerpunkt auf Tätigkeiten mit geringer Bedeutung? – Der Bewerber ist möglicherweise nicht fähig zu anspruchsvollerer Arbeit.
  • Werden alle zu einer Tätigkeit gehörenden Aufgaben beschrieben? – Wenn nein, vielleicht fehlen dem Bewerber wichtige Kompetenzen?
  • Sind bei den Schwerpunkten auch die Leistung und das Verhalten gewürdigt? Wenn nicht, gab es vielleicht Beanstandungen.
  • Warum erfolgt der Arbeitsplatzwechsel? – Sie sollten im beruflichen Werdegang liegen, und nicht in Fehlern oder Unstimmigkeiten.

Wenn mit dem Zeugnis alles in Ordnung ist, könne es dazu führen, dass ein Bewerber die Chance zu einem Vorstellungsgespräch bekommt, weiß Unternehmer Hinsenhofen. Doch gerade im Gebäudereinigerhandwerk gebe es auch viele niedrig qualifizierte Stellen, für die die Bewerber gar keine Zeugnisse mitbringen.

Beispiele für Beurteilungen nach Noten

So können die wichtigsten Beurteilungen nach Zeugniscode formuliert sein:

  • sehr gute Leistung (Note 1): Die übertragenen Arbeiten wurden stets zu unser vollsten Zufriedenheit erledigt.
  • sehr gute bis gute Leistungen (Note 1-2): Die ihm übertragenen Arbeiten wurden zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt.
  • gute Leistung (Note 2): Die übertragenen Arbeiten wurden stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.
  • befriedigende Leistung (Note 3): Die übertragenen Aufgaben wurden zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.
  • befriedigende bis ausreichende Leistung (Note 3-4): Die übertragenen Aufgaben wurden stets zu unserer Zufriedenheit erledigt.
  • ausreichende Leistung (Note 4): Die übertragenen Arbeiten wurden zu unserer Zufriedenheit erledigt.
  • mangelhafte Leistung (Note 5): Die übertragenen Arbeiten wurden zu im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt.
  • ungenügende Leistung (Note 5-6): Er war stets bemüht, ...
  • ungenügende Leistung (Note 6): Er hat sich bemüht, ...

Eine ausführliche Liste zum Zeugniscode sowie über die Bedeutung viele Formulierungen nach Helmut Dittrich können Sie downloaden.

Buchtipp: Arbeitszeugnisse schreiben und verstehen

Wer sicherer darin werden möchte, Arbeitszeugnisse auszustellen und zu interpretieren, der fährt gut mit dem Ratgeber "Arbeitszeugnisse schreiben und verstehen" von Helmut Dittrich.

Das Buch informiert darüber, auf welche Aussagen man vor allem achten sollte, was fehlende Passagen und Standardformulierungen bedeuten, was Andeutungen und indirekte Formulierungen aussagen. Arbeitgeber bekommen Handwerkszeug an die Hand, wie sie aus Textbausteinen ein aussagefähiges Zeugnis formulieren können. Der übersichtliche Ratgeber überzeugt mit vielen Musterzeugnissen, Checklisten und Anregungen.

Helmut Dittrich, "Arbeitszeugnisse schreiben und verstehen". Hannover (2008), 224 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-89994-196-8

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