Doch wie nehmen Handwerker Bürokratie wahr und woran liegt das? Eine Studie gibt dazu Antworten.
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Politik und Gesellschaft

So nehmen Betriebe Bürokratie wahr

Betriebe klagen über viel Bürokratie, die Politik verspricht Bürokratieabbau. Dass beide Parteien offenbar aneinander vorbeireden, zeigt jetzt eine Studie.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Erstmals wurde die Bürokratiewahrnehmung von Unternehmen in einer Studie untersucht. Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM) hat dazu vorwiegend kleine und mittlere Betriebe befragt.
  • Wahrnehmung ist in Betrieben deshalb wichtig, weil Unternehmer Bürokratie in Abhängigkeit von persönlichen Erfahrungen und Einflüssen bewerten. Das wirkt sich auf ihr Verhalten und ihre Strategie aus.
  • Ergebnis: Das Bürokratieverständnis von Betrieben weicht von dem der Politik ab. Daraus ergeben sich mehrere Probleme im täglichen Umgang mit Vorschriften und Regeln.
  • Die Studie beinhaltet auch Empfehlungen für Wirtschaft und Politik. Sie sollen Betrieben den Umgang mit bürokratischen Hürden künftig erleichtern.

Offenbar belastet das Thema Bürokratie Betriebe stärker als bisher angenommen. Zumindest fühlen sich mehr als die Hälfte der in dieser Studie befragten Unternehmen stark belastet. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) hat die Bürokratiewahrnehmung von Unternehmen untersucht.

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Das Ziel der Studie: Die Forscher wollten herausfinden, in welcher Weise die Bürokratiewahrnehmung den Umgang mit Bürokratie beeinflusst. Und: Welche Faktoren haben einen Einfluss auf die Bürokratiewahrnehmung? In Form von Interviews und einer Online-Befragung haben sich über 1.300 Unternehmen an der Studie beteiligt. Über 90 Prozent von ihnen sind kleine oder mittlere Betriebe. Mehr als zwei Drittel kommen aus Dienstleistungsbranchen oder gehören dem produzierenden Gewerbe an.

Drei verschiedene Wahrnehmungstypen

Unternehmer wurden über die Intensität des Belastungsempfindens befragt, über ihren wahrgenommenen Aufwand zur Erfüllung bürokratischer Erfordernisse und sie sollten ihre Emotionen beschreiben, die Bürokratie bei ihnen hervorruft. Abhängig von den Antworten wurden drei Wahrnehmungstypen identifiziert:

  • der Unbelastete Typ
  • der Pragmatische Typ
  • der Verdrossene Typ

Foto: IfM Bonn

Einige Ergebnisse:

  • Mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland zählen zum Verdrossenen Typ (53 Prozent), gefolgt vom Pragmatischen (37 Prozent) und dem Unbelasteten (10 Prozent).
  • Ein großer Teil der Unternehmen ist skeptisch gegenüber dem Nutzen von bürokratischen Regeln und Vorschriften.
  • Oftmals sind die Befragten kaum in der Lage, alle bürokratischen Erfordernisse vollumfänglich umzusetzen.
  • Ganz bewusst baut ein beträchtlicher Anteil der Unternehmen Bürokratie autonom ab.
  • Die Unternehmen zeigen eine hohe Bereitschaft, die Politik im Prozess des Bürokratieabbaus aktiv zu unterstützen.

Bürokratieverständnis aus Sicht der Betriebe

Die Forscher haben in ihren Befragungen ein Missverhältnis zwischen der gemessenen und der wahrgenommenen Bürokratiebelastung festgestellt. Die mögliche Begründung: Politik und Betriebe haben ein unterschiedliches Verständnis von Bürokratie.

Denn für die meisten Betriebe (mehr als 97 Prozent) umfasst der Begriff Bürokratie mehr, als die Politik damit meint. Unternehmen verbinden mit Bürokratie auch Regelungen und Vorschriften im privatwirtschaftlichen Bereich. Nur etwa 3 Prozent aller Unternehmen haben ein enges Bürokratieverständnis und begrenzen Bürokratie nur auf die Informationspflichten.

Der Verdrossene Typ hat laut der Studie besonders oft ein weites Verständnis von Bürokratie und nimmt somit auch Dinge als Bürokratie wahr, die strenggenommen keine sind. Möglich sei, dass dies zu seiner höheren Belastungswahrnehmung beiträgt.

Empfehlungen: Betriebe in Bürokratieabbauprozess miteinbeziehen

Eine Schlussfolgerung der Autoren der Studie lautet: „Wird der wahrgenommenen Bürokratiebelastung der Unternehmen nicht effektiv entgegengewirkt, kann dies das Vertrauen in die Regulierungskompetenz des Staates weiter reduzieren.“

Das IfM leitet deshalb aus den Studien-Ergebnissen konkrete Empfehlungen an die Politik ab. Einige Beispiele:

  • Unternehmen sollte der Nutzen und die Vorteile des deutschen Rechts- und Verwaltungssystems verdeutlicht werden. Sie sollten wissen, dass sich die Politik ernsthaft um eine Bürokratiereduzierung bemüht. Wenn diese Reduktion auch von Betrieben wahrgenommen wird, könnten dort negative Emotionen ab- und Vertrauen aufgebaut werden.
  • Mehr Transparenz und Verständlichkeit von Normen könnte bewirken, dass Unternehmen Bürokratie als überschaubarer oder beherrschbarer wahrnehmen. Das wiederum könnte die Selbstbestimmtheit und Sicherheit der Betriebe im Umgang mit Bürokratie stärken.
  • Kleinteilige Bürokratieentlastungsmaßnahmen beeinflussen die Wahrnehmung von Unternehmen nicht positiv. Innovative Ideen und konzentrierte Maßnahmen seien gefordert. Betriebe könnten beispielsweise stärker in den Bürokratieabbauprozess involviert werden und ihre unternehmerische Lösungskompetenz einbringen. In der Studie hätten die Betriebe dafür bereits eine hohe Beteiligungsbereitschaft signalisiert.

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