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Strohkoloss schlägt Stein

Beton und Stahl waren gestern: In Verden entsteht gerade das größte strohgedämmte Holzhaus Europas. Damit nachhaltiges Bauen Schule macht, setzen die Entwickler auf Lehrgänge und Forschung.

 - Ein Haus aus Stroh und Holz - mit großer Glasfassade. In Verden entsteht ein moderner Bürokomplex aus natürlichen Materialien.
Ein Haus aus Stroh und Holz - mit großer Glasfassade. In Verden entsteht ein moderner Bürokomplex aus natürlichen Materialien.
Foto: NZNB

Holz, Lehm, Kalk und Stroh – viel mehr braucht es nicht, um ein modernes Haus mit fünf Geschossen komplett aus Naturmaterialien zu bauen. Das beweist zurzeit ein Bauprojekt im niedersächsischen Verden. Der Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Lindhooper Kaserne soll das größte mit Strohballen gedämmte und direkt verputzte Holzhaus Europas werden. Das Gebäude wird ab 2014 zusammen mit einem kleineren Holzbau und einer umgebauten Panzerhalle das "Norddeutsche Zentrum für nachhaltiges Bauen (NZNB) " beherbergen.

Ein großes Ziel des Zentrums ist es, Handwerker und Planer mit dem nötigen Wissen auszustatten, um umweltfreundliche Bauprojekte durchführen zu können. Der Bedarf an Schulungen ist laut Christian Silberhorn, dem Geschäftsführer des Zentrums, gewaltig: „30 Prozent aller Bauherren wollen heute nachhaltig und ökologisch bauen. Tatsächlich tun es aber nur drei Prozent.“

Mit einem umfangreichen Schulungsprogramm und Raum für Forschungsprojekte will Silberhorn die alternativen Bauweisen populär machen. Und damit wartet er nicht bis zur Eröffnung des Zentrums im Sommer 2014: Der Umbau der ehemaligen Panzerhalle ist mittlerweile abgeschlossen. Nun läuft dort schon das Schulungsprogramm – aktuell die Ausbildung zur Fachkraft-Strohballenbau. „Sie richtet sich an Handwerker, die ganze Häuser mit Stroh bauen wollen.“ Das tragende Gerüst bei solchen Bauten ist eine Holzkonstruktion, die mit gepressten quaderförmigen Strohballen versehen wird. Wie das genau funktioniert und welche Putze sich für die pflanzlichen Baumaterialien eignen, lernen die Teilnehmer in den Lehrgängen.

Sehen Sie auf Seite 2 im Video, wie das größte Holzhaus Europas gebaut wird!

Im Video: So entsteht das größte strohgedämmte Holzhaus Europas...

Die Filmemacher von Ökofilm haben den Bau des NZNB begleitet. Auf den Trailer, den Sie hier sehen, folgt noch ein Dokumentarfilm zum Projekt. Mehr gibt es unter oekofilm.de


Einen Teil des Fertigungsprozesses können die Lehrgangsteilnehmer in der großen Halle neben den Seminarräumen auch live sehen: Die Holzbauten des NZNB bestehen aus einzelnen Wandmodulen. Diese Module sind im wesentlichen Holzrahmen, die zwei Meter breit, drei Meter hoch und 60 Zentimeter tief sind. In Halle 57 erhalten sie ihre Strohdämmung und eine erste Putzschicht.

Das im fünfstöckigen Neubau verarbeitete Stroh entspricht 3000 Standard-Strohballen, wie man sie auf Feldern findet. Nicht nur Wände und Böden sind aus Holz gefertigt, sondern auch die Treppen und selbst der Fahrstuhlschacht. Zuletzt stellten die Arbeiter die große Glasfassade des Hauses fertig – hier sorgen Konstruktionen aus Kiefer und Birke allein für einen sicheren Halt der Fenster. Einmal fertig, soll der Bau trotz Glasfassade den sogenannten Plusenergiestandard erreichen, also mehr Energie produzieren, als er selbst benötigt. „Das gesamte Gebäude hat den Wärmebedarf von einem Einfamilienhaus aus den 70er Jahren“, sagt Silberhorn.

 - Wandmodul: Jede Wand besteht  aus einem Holzrahmen, der mit Stroh gedämmt und anschließend mit Lehm verputzt wird.
Wandmodul: Jede Wand besteht aus einem Holzrahmen, der mit Stroh gedämmt und anschließend mit Lehm verputzt wird.
Foto: NBNZ

Die EU fördert das Zentrum mit 4,4 Millionen Euro

Nächsten Sommer wird das Kompetenzzentrum eingeweiht. Interessierte Betriebe können sich dort einmieten. Ein Teil des Hauses wird außerdem dauerhaft als Ausstellungsfläche zum Thema nachhaltiges Bauen genutzt. Ende 2014 folgt mit dem zweiten Neubau das Seminar- und Tagungszentrum. Zusammen mit der ehemaligen Panzerhalle bildet das NZNB dann einen europäischen Knotenpunkt für Nachhaltiges Bauen – die EU unterstützt dieses Vorhaben mit 4,4 Millionen Euro.

(Denny Gille)



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