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Träume aus Glas

Für seine Kunden erweckt Frank Schneemelcher Glas zum Leben. In seiner Werkstatt in Quedlinburg entstehen Glaselemente in allen Formen und Farben.

Für seine Kunden erweckt Frank Schneemelcher Glas zum Leben. In seiner Werkstatt in Quedlinburg entstehen Glaselemente in allen Formen und Farben.

Von Dorit Amelang

Die Augen von Frank Schneemelcher funkeln. Rastlos, fast außer Atem, beschreibt der Glasmalermeister aus Quedlinburg seine jüngsten Projekte: drei Meter hohe Stelen als Orientierungssystem vor dem Deutschen Dom in Berlin, die 800 Quadratmeter große Glasfläche im Haus des Lehrers in Berlin, die Deutsche Nationalkirche Santa Maria dell Anima mit dem größten Glasmalereibestand in Rom. Gerade ist er zurück aus Italien. Die Werkstatt, die er für den Großauftrag im Zentrum Roms aufgebaut hatte, haben die Italiener komplett übernommen. Schneemelcher strahlt. 13 Fenster mit jeweils acht Metern Höhe hat er mit acht bis zehn Mitarbeitern vor Ort restauriert in Abstimmung mit rund 50 römischen Denkmalpflegebehörden.

Foto: Schalla

Die Glaswerkstätten am Quedlinburger Harzweg gibt es schon seit 1886. Frank Schneemelcher führt sie nun in der vierten Generation. Umtriebig, clever, mit Humor, auch bei hohem Zeitdruck, und der Zigarette im Mundwinkel. Er betreut die Baustellen, tüftelt mit den Künstlern und Auftraggebern oder zieht Kunsthistoriker und Ingenieure für bestimmte Projekte hinzu. Die besten Ratgeber sind aber seine Mitarbeiter. Offen und selbstbewusst treten die 16 Handwerker und Auszubildenden ihm gegenüber auf. Es herrscht eine ungezwungene, vertrauensvolle Atmosphäre. Manches muss mal eben in aller Eile abgesprochen werden, wenn der Chef auf dem Sprung ist. Doch in der kurzen Zeit hört er konzentriert zu und fragt nach. Stundenzettel gibt es nicht und auch keinen Leistungslohn. Wir zahlen ein Grundgehalt und hinzukommen Prämien für Termintreue und Qualität, sagt Frank Schneemelcher.

Technische und rechtliche Herausforderungen

Das Geschäft ist kein einfaches, denn die Wünsche der Auftraggeber Kirchen, Städte und Gemeinden, Unternehmen und öffentliche Institutionen sind häufig einzigartig. Oft sind es technische oder rechtliche Vorgaben, die das Familienunternehmen und seine Mitarbeiter vor Herausforderungen stellen. Schusssicheres Glas, das selbst bei drei Metern Höhe Orkanböen trotzt und mit Farbenspielen, ungewöhnlichen Oberflächen oder zarten Ornamenten verziert ist. Bisher hat Schneemelcher alles realisiert, sich auch früh dem ISO-Glas geöffnet, dafür eigene Verfahren entwickelt und das alte Handwerk weiterhin kultiviert. Viele Betriebe haben sich zu spät oder gar nicht mit der großflächigen Gestaltung von ISO-Scheiben beschäftigt daran sind viele kaputt gegangen, sagt der 45-Jährige.

Es sind Künstler wie Günter Grohs, Thomas Kuzio und Mathias Horn, die gerne mit der Traditionswerkstatt zusammenarbeiten. Dann entstehen zum Beispiel in den Spitzbögen der Kirchenfenster aus leuchtenden Farbflächen moderne Mosaike. Oder eine transparente Glasfront soll eine Räumlichkeit erhalten, damit sich Besucher am Eingang nicht den Kopf stoßen. Dafür nutzt Schneemelcher eine Maschine, die in Deutschland einmalig ist. Das Glas erhält so in hohen Stückzahlen eine feine und regelmäßige Sandstrahlung. Dann entstehen milchig-raue Oberflächen, die das Licht und die Blicke von Außen nur begrenzt ins Innere lassen.

600 Jahre alte Tradition

An einem effektvollen Entwurf sitzt auch Schneemelchers Mitarbeiterin Belinda Sieber. Linientreu markiert die Glaserin mit dem Ölglasschneider die Bruchkanten auf dem Glas. Schwungvolle Gebilde hat sich der Künstler Andreas Wolf ausgedacht, die mit einer hügligen Oberfläche versehen und, auf einer zweiten Glasplatte aufgeklebt, das Licht mehrfach brechen. Nach der Ausformung des Glases bei 820 Grad werden die beiden transparenten Glasschichten verklebt. Während das heiße Glas abkühlt, zieht der Kleber in den Hohlräumen kleine Bläschen. Es scheint, als würde das Glas atmen.

Die intensivsten Farben kommen aus dem Glas, sagt Glasmalerin Petra Ulrich. Sie arbeitet graues Farbpulver in die Oberfläche ein. Nach dem Brennen soll es dunkles Schwarz sein. Ob das gelingt, ist die Kunst des gut 600 Jahre alten Handwerks. Selbst die Konkurrenz vertraut den Quedlinburgern. In ihrem Auftrag fertigt Schneemelcher Glasmalereien an, die viele Betriebe nicht mehr anbieten können. Diese Tradition und die Technik hält Schneemelcher seit jeher hoch. Als einer der letzten bildet er Lehrlinge wie Marianne Böttcher umfassend im Verbleien, Malen und Brennen zur Glasveredlerin aus. Sowohl die handwerkliche als auch die künstlerische Seite des Berufes machen mir sehr viel Spaß, sagt die 25-Jährige. Und da ist es wieder, das Strahlen in den Augen.

www.schneemelcher.de

Bald werden diese Glaselemente zu einem Kirchenfenster zusammengesetzt.
Foto: Denny Gille

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