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Jeder Fehler wird bestraft

Unternehmer knallhart kriminalisiert

Vom Gewerbeaufsichtsamt bis zum Zoll: Den Zimmerermeister Horst Fittje nervt es, wie "überheblich und intolerant" Behörden mit ihm umspringen. Eine aktuelle Strafanzeige bringt das Fass zum Überlaufen.

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Fittje (Name geändert) beschäftigt 14 Mitarbeiter und 2 Lehrlinge. Und das ist eine Hausnummer in seinem 500 Einwohner-Dorf in Niedersachsen. Respekt hat er sich deshalb offenbar nicht verdient – zumindest nicht, wenn man die Schreiben liest, die ihm Behörden und andere Institutionen schicken.

Wie der Zoll den Handwerksmeister schikaniert, lesen Sie auf Seite 2.

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Erstes Beispiel: Zoll

Anfang 2010 steht die Zollfahndung auf dem Betriebsgelände der Zimmerei. Für Fittje und seine mitarbeitende Ehefrau Conny ist das kein Problem. Sie sind der Ansicht, dass sie alle Vorschriften korrekt umgesetzt haben – zumal sie mit einem Steuerberater ihres Vertrauens zusammenarbeiten. Als Conny Fittje kurz nach der Prüfung einen Brief des Zolls öffnet, reißt es ihr "fast die Beine weg". Ermittlungsverfahren, mögliche strafrechtliche Schritte, Juristendeutsch: "Das liest man und denkt: Jetzt bist Du kriminell."

Gegen das Gesetz hatten sie tatsächlich verstoßen. "Ganz klar, wir hatten bei vier Mitarbeitern teilweise die Mindestlöhne unterschritten, um bis zu 40 Cent." Aber das war ein Versehen, ein dummer Fehler. Warum, fragt sich das Unternehmerehepaar, kann der Schaden nicht einfach beglichen werden – gerne auch mit Zinsen und einem Bußgeld? "Dann könnten wir korrekt weiterarbeiten, im Sinne der Wirtschaftlichkeit", sagt Horst Fittje.

Das Strafverfahren, dessen Ende noch offen ist, sei dagegen völlig sinnfrei – außerdem zieht Fittjes Fehler einen ganzen Rattenschwanz von Folgen nach sich.

Was Fittje von den Soka-Bau-Methoden hält, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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Zweites Beispiel: Sozialkasse Bau

Auch bemerkenswert: Für die Arbeitsplätze, um die es in diesem speziellen Fall geht, hat Horst Fittje ungewöhnlich sozial gehandelt. Denn er hat Leute aus der Region eingestellt, die auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance hatten. Aber das ist nur eine Randnotiz, die leider auf den weiteren Verlauf der Ereignisse keinen Einfluss hatte.

Dass er nicht nur an die Rentenversicherung, sondern auch an die Soka-Bau nachzahlen muss, war Horst Fittje klar – die Sozial- und Winterbauumlage überweist er von Anfang an regelmäßig. Nicht erwartet hatte er, wie ihn die Sozialkasse nach der Zoll-Geschichte angehen würde. Weil er die Mindestlöhne unterschritten hatte, sind auch der Soka-Bau Gelder entgangen. Kann man ja nachzahlen. Der Zimmerermeister schüttelt den Kopf: "Ohne Strafe geht das natürlich nicht ab."

Und auch nicht ohne eine Soka-Bau-Spezialität, über die wir auch schon an anderer Stelle berichtet haben: Fittje ist vorsorglich verklagt worden. Man weiß ja nie.

Der Handwerker und seine Aufpasser aus dem Gewerbeaufsichtsamt – lesen Sie die nächste Seite.

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Drittes Beispiel: Gewerbeaufsichtsamt

Als Fittje sein Unternehmen vor zehn Jahren gegründet hat, war er aus seiner Sicht gut vorbereitet: "Schon durch die Meisterschule." Sein Motto: "Wer ehrliche Arbeite leistet, kommt weiter". "Tatsächlich ist der Betrieb kontinuierlich gewachsen. Doch mit jedem neuen Auftrag und jedem Mitarbeiter ist auch die Zahl der Vorschriften gestiegen, die er einhalten muss: "Es ist echt ein irrer Aufwand, da mitzuhalten."

Und mal abgesehen von der leidigen Zollprüfung nervt es Fittje insgesamt, wie Behördenmitarbeiter mit ihm umspringen. Zimmerermeister müssen für jede Baustelle eine "Gefährdungsbeurteilung" zu Papier bringen. Absicherung der Dacharbeiten, Absturzsicherung – der Vorarbeiter setzt das um.

So weit, so gut – und in einigen Fällen kompliziert, schließlich steckt der Teufel nicht selten im Detail.
Wenn das Gewerbeaufsichtsamt dann eine Sicherheitslücke entdeckt, würde sich Fittje über einen freundlichen Vorschlag freuen: "So geht’s besser, wir helfen Euch dabei." Die Realität sieht anders aus: "Ihr habt das verkehrt gemacht, ich brate Euch einen über."

Kürzlich musste Fittje eine Baustelle schließen, eine satte Strafe zahlen und sich einen oberlehrerhaften Hinweis anhören: "Das hätten sie aber wissen müssen." Und was noch alles? Auf einen Betrieb, sagt Fittje, kämen mindestens fünf Institutionen, die darauf achten, dass der Handwerker alles richtig macht: "Und wehe ihm, wenn nicht!"

Wie bewerten Sie Fittjes Gedanken? Ist das Jammern auf hohem Niveau? Oder ein nachvollziehbarer Vorwurf? Schreiben Sie uns!

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(sfk)
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