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Strategie

Verkehrsinfarkt: „Wir stehen für 17.000 Euro im Stau“

Quer durch die Republik: Wir haben bei Kollegen nachgefragt, die sich in den Metropolen zum Kunden quälen müssen. Gibt es Tricks, die den Ärger erträglicher machen? Einer hatte richtig viel Zeit für die Antwort – raten Sie mal, wo er gerade gestanden hat.

Alle Infos

Auf einen Blick:

  • Mitarbeiter: Stehen auf dem Weg zum Kunden im Stau
  • Kunden: Nicht jeder will die langen Anfahrten bezahlen
  • Chefs 1: Begegnen dem Problem mit Transparenz und GPS-Systemen.
  • Chefs 2: Richten den Arbeitstag nach der Verkehrslage aus, telefonieren viel im Auto.

von Heiner Siefken

Zufälliges Gespräch mit einem SHK-Chef aus einem Vorort von Köln. Auftragsanfragen von Kunden aus der Stadt nimmt er nicht mehr an: "Meine Leute stehen morgens im Stau, wenn sie nach Köln hineinfahren. Sie stehen abends im Stau. Und zwischendurch bei jeder kleinen Fahrt eigentlich auch. Wir verplempern Stunden im Auto. Wie und wem sollte man das in Rechnung stellen?"

Ist das übertrieben? Wir haben bei Kollegen in und um Köln, Frankfurt, Berlin und Hamburg nachgehakt.

Wichtige Telefonate im Auto führen

Offenbach, 10 Kilometer bis Frankfurt. Malerbetrieb. Der Chef: Jürgen Jobmann:

Kunden in Frankfurt lassen gerne auch mal exklusivere Arbeiten machen – ein interessantes Pflaster. Der Verkehr? Das alltägliche Chaos, wir kennen die Schleichwege, wir wissen, zu welcher Uhrzeit wir welche Stellen meiden müssen.

Normalerweise fangen wir um 7 Uhr an, bei Aufträgen in Frankfurt beginnt die Arbeitszeit um 6.30 Uhr, spätestens 7.20 Uhr sind wir vom Hof. Die Mitarbeiter können dann früher Feierabend machen.

Gerade komme ich von der Baustelle und stehe im Stau, aber ich lege viele Telefonate in diese Zeit. Früher war bei uns um 16 Uhr Feierabend, dann war ich um 17 Uhr im Büro, habe bis 18 Uhr alles abtelefoniert, um 18.30 Uhr ging’s zum Kundentermin. Heute telefoniere ich vieles im Auto ab. Ich arbeite bis 17 Uhr auf der Baustelle und fahre dann direkt zum Kunden.

Frankfurt hat mehr als 700.000 Einwohner – nachts. Tagsüber kommen knapp 2 Millionen Menschen in die Stadt, aus allen Richtungen – das funktioniert trotzdem so einigermaßen. Die Kundentermine außerhalb passe ich an die Verkehrslage an. Man muss den Stau im Kopf haben, für bestimmte Zeiten vergebe ich keine Termine. Für Servicetechniker ist das natürlich schwieriger.

Jedes Auto mit Blackbox ausrüsten

Köln, mittendrin. Elektrotechnikbetrieb. Der Chef: Richard Schildgen:

Der Verkehr in Köln ist tatsächlich eine Katastrophe, auch außerhalb des Berufsverkehrs. Und es stimmt: Die Zeit im Auto will keiner bezahlen. Der Kunde nicht. Aber ich als Unternehmer auch nicht. Und die Mitarbeiter möchten ja auch ihr Geld für die Zeit hinter dem Lenkrad, von ihrem Lohn möchte wiederum die Krankenkasse etwas haben. Und so weiter und so weiter. Da bleibt mir nur die Aufklärung des Kunden im Vorfeld. Und eine klare Ansage: Fahrtzeit ist Arbeitszeit.

Wir haben ein GPS-System installiert, jedes Auto hat eine Blackbox bekommen. Kilometerstand, Motordaten, ich sehe, wer wann losfährt und das Auto wieder abstellt. Die Daten laufen bei dem Provider auf, ich kann mich mit meinem Rechner auf deren Server einwählen.

Den Fahrtenbericht drucken wir aus und legen ihn der Rechnung bei. Wenn sich ein Kunde trotzdem beschwert, kann ich nur sagen: „Sorry, beschwere Dich bei der Stadt Köln.“

Ich habe das ausgerechnet, grob überschlagen stehen wir jährlich für 15.000 bis 17.000 Euro im Stau. Das müssen wir einfach auf die Kunden umlegen.

Bestimmte Bezirke meiden

Berlin, mittendrin. Bautischlerei. Der Chef: Thomas Seeger:

Wir sitzen zu lange im Auto, wir suchen zu lange nach Parkplätzen. Im klassischen Reparaturbereich müssen wir nah an den Objekten sein, das ist halt fummeliger als beim Neubau, die Arbeiten sind kaum zu kalkulieren. Oma ruft an, Opa ist gestorben, halbiert mir mal das Doppelbett – hatten wir neulich tatsächlich.

Bei Kleinaufträgen in Berlin Mitte winke ich ab. Und auch die Kunden winken ab, wenn ich denen erkläre, dass ich zwei Stunden für die Parkplatzsuche veranschlagen muss und zwei Minuten, um ihre Schaube festzuziehen. Die Leute verstehen das, die finden ja selbst keine Parkplätze.

Es gibt Bezirke, da müssen sie gar nicht hinfahren, und wenn, dann nur mit zwei Leuten, einer springt raus, einer fährt weiter. Müssen wir Material in kleinen Straßen anliefern, kommt keiner mehr durch. Aber eine 200 Kilo-Tür trage ich ja nicht zwei Häuserblöcke weiter.

Wenn sie dreimal um den Block fahren müssen, ist die nervliche Belastung heftig, wir sind sowieso im Stress, wir haben ordentlich zu tun. Dann klingelt das Telefon: „Wo bleiben sie?“ Was soll ich dann antworten? „Ich sitze hier rum, weil mein Auto so schön ist?“

Nachtext im Angebot erweitern

Lüneburg, 50 Kilometer bis Hamburg, Malerbetrieb. Der Chef: Achim Aschenbrenner:
Alle naselang Baustellen auf der A39, ständig wird irgendetwas am Maschener Kreuz umgebaut – die Fahrt nach Hamburg ist eine Quälerei. Selbst wenn wir extrem früh losfahren. Bei 4 Mann im Auto kostet so ein Stau locker zwischen 200 und 400 Euro.

Man muss mit den Kunden klar darüber reden und alles aufschreiben. Der Nachtext im Angebot war früher ein Zweizeiler, heute sind es fast zwei Din A4-Seiten. Eine Liste der Unwägbarkeiten: „Wir wollen, dass unser Angebot ein Höchstmaß an Transparenz hat und Sie nicht Leistungen erwarten, die in diesem Angebot nicht enthalten sind. Deshalb die nachfolgenden Ergänzungen.“

Der Verkehr ist eine der Unwägbarkeiten: „Die Verkehrssituation ist nicht einschätzbar, aus diesem Grund können wir Ihnen keine Pauschalen anbieten, sondern müssen nach tatsächlichem Fahraufwand abrechnen.“

Und die Parksituation ist da noch gar nicht berücksichtigt, kürzlich haben wir 6 Euro die Stunde bezahlt. Alle Stunde rennt einer hin, füttert den Automaten und kullert das Auto vor und zurück, weil die Politessen die Ventilstände markieren. Höchstparkzeit! Ein Parkscheinwechsel genügt nicht, sie kriegen einen reingewürgt, weil sie zu lange auf einem Platz gestanden haben.

Wie reagieren Sie auf den Stau in den Städten? Schreiben Sie uns oder kommentieren Sie hier!

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