Handwerker Stephan Krusch hat „Depressionshelden“ gegründet und 
Foto: Privat
Handwerker Stephan Krusch hat „Depressionshelden“ gegründet.

Panorama

Vom Chef zum Depressionshelden

Stephan Krusch ist ein erfolgreicher Handwerker – bis er nicht mehr kann und die Notbremse zieht. Heute sensibilisiert er andere als „Depressionsheld“.

  • Nach Jahren der Selbstständigkeit leidet Stephan Krusch an Schlaflosigkeit und hat Suizidgedanken. Er geht davon aus, dass er einen Burn-Out hat und gibt seinen Betrieb auf.
  • Der Handwerker geht auf Reisen. Dabei entdeckt er, dass er Depressionen hat und lernt mit seiner Krankheit umzugehen.
  •  Mit dem Projekt „Depressionshelden“ leistet Krusch nun auf Instagram Aufklärungsarbeit.

Auf sein Unternehmen ist Stephan Krusch immer stolz gewesen. 2008 übernimmt der Gas-Wasser-Installateur den Betrieb von seinem Stiefvater. Er ist 26 Jahre alt und hat jetzt zwei Mitarbeiter: seinen Stiefvater und eine Aushilfskraft. Krusch arbeitet viel, die Aufträge werden größer und er und stellt immer mehr Mitarbeiter ein. Schließlich beschäftigt er neun Angestellte. „In der Woche habe ich mit auf der Baustelle gearbeitet und am Wochenende habe ich die Arbeit im Büro erledigt“, erzählt der heute 39-Jährige. „Arbeitstage mit zehn bis zwölf Stunden sind keine Seltenheit gewesen.“

Doch 2017 geht dem Macher die Kraft für seinen Betrieb aus: Er leidet an Schlaflosigkeit, und ist antriebslos. Krusch vermutete einen Burn-out, weil er sich nach dem Tod seines Stiefvaters und seiner Mutter Monate lang in Arbeit gestürzt hat, anstatt zu trauern. „Ich habe in dieser Zeit sogar Angebote geschrieben, auch wenn ich die Aufträge gar nicht erfüllen konnte“, erinnert er sich. „Als dann auch noch erste Suizid-Gedanken kamen, wusste ich dass es so nicht weitergehen kann.“

[Tipp: Weitere Work-Life-Balance-Tipps für Ihren Betrieb liefert der kostenlose handwerk.com-Newsletter. Jetzt hier anmelden!]

Auf Reisen zur Erkenntnis: Depression statt Burnout

Krusch sucht einen Ausweg, verkauft den Betrieb und geht auf Reisen, quer durch Europa. Dabei lernt er andere Reisende kennen. „Durch die Gespräche wuchs in mir der Verdacht, dass ich keinen Burn-Out sondern Depressionen habe“, sagt der Handwerker. Da er habe angefangen, sich mit der Krankheit zu beschäftigen. Heute kennt er die typischen Warnsignale, die auf eine Depression hindeuten. Dazu gehöre zum Beispiel anhaltende Antriebslosigkeit, die einen daran hindere morgens aufzustehen und am normalen Leben teilzunehmen.

Krusch lernt mit seiner Krankheit umzugehen, treibt viel Sport. „Das Surfen tut mir unglaublich gut, das ist mein Ventil“, sagt der Handwerker. Trotzdem gebe es immer wieder Phasen, in denen es ihm psychisch nicht gut geht. Wenn es ganz schlimm wird, nehme er Kontakt mit einem Psychologen auf: „Manchmal hilft es, mit jemandem über die Situation zu sprechen.“

Der Installateur weiß inzwischen, dass das Surfen seine Psyche gut tut.
Foto: Privat
Der Installateur weiß inzwischen, dass das Surfen seiner Psyche gut tut.

„Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach in mein altes Leben zurückkehren könnte“, sagt der 39-Jährige, der noch immer am Handwerk hängt. Dann würde er auch eine Therapie beginnen, denn die sei schwierig auf Reisen. Doch noch ist Krusch nicht soweit, zurückzukehren.

Heute geht er davon aus, dass ihm 2017 eine Therapie geholfen hätte. Doch damals habe er nichts von seiner Depression gewusst. Und selbst wenn: Krusch hat Zweifel, ob er sich damals darauf eingelassen hätte. „Eine Therapie dauert und mit der Verantwortung für einen Kleinbetrieb kann man nicht einfach wochenlang aussetzen.“

"Ich brauche Euer Mitleid nicht"

Ein Handwerksunternehmer steht auf: In einem Blog rechnet der Mann öffentlich mit zwei Auftraggebern ab, er gibt den Bauträgern die "Mitschuld" an seiner Insolvenz.
Artikel lesen

Neue Mission: Das Aufklärungsprojekt „Depressionshelden“

Für ihn sei der Verkauf die richtige Entscheidung gewesen. „Durch meine Erkrankung habe ich die Freiheit gewonnen, neue Dinge zu lernen und mich weiterzuentwickeln“, sagt Krusch. Dazu gehört auch sein Projekt „Depressionshelden“. Vor knapp acht Monaten hat er den Kanal auf Instagram ins Leben gerufen. Er will damit depressiv erkrankte Menschen unterstützen und Aufklärungsarbeit leisten. Der Handwerker veröffentlicht regelmäßig nützliche Infos zum Thema Depressionen wie Notrufnummern, Therapieverfahren, Übungen für den Alltag oder Buchtipps.

Außerdem lässt Krusch bei Instagram regelmäßig Menschen zu Wort kommen, die ebenfalls an Depressionen erkrankt sind. In den Posts berichten sie zum Beispiel über ihren Leidensweg, wie sie sich Hilfe geholt haben und wie sie heute mit ihrer Krankheit leben. Außerdem sprechen sie anderen Betroffenen Mut zu, eine Therapie zu machen und nicht aufzugeben. Krusch ist sich sicher, dass das Projekt Depressionshelden vielen Menschen helfen kann. Inzwischen hat Installateur mehr als 2.600 Abonnenten und eine Mission: „Mit den Depressionshelden versuche ich das Thema mentale Gesundheit für Erkrankte und Angehörige greifbar machen und so in der Gesellschaft zu entstigmatisieren.“

Tipp: Sie wollen für eine bessere Work-Life-Balance sorgen? Der handwerk.com-Newsletter informiert Sie zu Themen wie Arbeitsorganisation und Stressabbau. Jetzt anmelden!

Auch interessant:

Depressionen: Wie man sie erkennt und richtig handelt

Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung. Psychologin Sandra Jankowski verrät im Interview, was typische Symptome sind und was Betroffene tun können.
Artikel lesen

Corona-Krise stresst Auszubildende stark

Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Depressionen, Angst vor der Zukunft: Junge Menschen leiden besonders stark unter den Unsicherheiten in der Pandemie.
Artikel lesen

Depressionen schützen nicht vor Erbschaftsteuer

Wer ein Familienheim steuerfrei erbt und es wegen Krankheit wieder verkauft, muss Erbschaftsteuer nachzahlen. Davon gibt es nur eine Ausnahme.
Artikel lesen

Fehlzeiten-Analyse: Warum sich Handwerker krank melden

Atemwegserkrankungen sind der häufigste Grund für eine Krankmeldung bei Handwerkern. Doch die meisten Fehltage haben einen anderen Grund – vor allem in den Bau- und Ausbaugewerken.
Artikel lesen

Wir haben noch mehr für Sie!

Praktische Tipps zur Betriebsführung und Erfahrungsberichte von Kollegen gibt es dienstags und donnerstags auch direkt ins Postfach: nützlich, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.

Corona

Depressionen: Wie man sie erkennt und richtig handelt

Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung. Psychologin Sandra Jankowski verrät im Interview, was typische Symptome sind und was Betroffene tun können.

    • Corona, Panorama, Psychologie, Work-Life-Balance
Handwerk Archiv

Archiv

So stoppen Sie Depressionen

Depression kann eine Antwort auf Überforderung sein. Ziehen Sie die Notbremse, wenn Sie Symptome spüren. Das ist gar nicht so schwer, weiß Friseurmeister Duyar aus Aurich.

    • Archiv
Handwerk Archiv

Technik und Internet

Daten, Diebe, Depressionen

Ohne es zu wissen, präsentieren Betriebe Gaunern sensible Daten auf dem Silbertablett. Wir bringen Betroffene und Sicherheitsexperten an einen Tisch.

    • Archiv
Handwerk Archiv

Mittelstand ins Netz

Mittelstand ans Netz

Mit der Aktion "Mittelstand ans Netz" will das Bundeswirtschaftsministerium kleine und mittlere Unternehmen für das Thema Internet sensibilisieren.

    • Archiv