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Problemfälle in der Ausbildung

"Was vorher war, ist mir egal."

Würden Sie freiwillig einen Problemfall ausbilden? Holger Eschen schon: "Wichtig ist nicht die Vorgeschichte eines Jugendlichen, sondern was er will", sagt der Metallbaumeister. Wie funktioniert das in der Praxis?

Holger Eschen sieht nicht nur Probleme, sondern auch Chancen für den Betrieb.
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Holger Eschens Betrieb EBE - Eschen Bauelemente in Wiesmoor fertigt Wintergärten, Fenster und Türen aus Aluminium. „Eine technisch sehr anspruchsvolle Aufgabe und eine anspruchsvolle Ausbildung“, betont der 44-Jährige.

Dafür eignet sich nicht jeder Jugendliche. Dennoch nimmt Eschen immer wieder Azubis in die Lehre, die als Problemfälle gelten und von anderen Betrieben kaum zum Vorstellungsgespräch eingeladen würden. Wie funktioniert das?

Herr Eschen, worauf achten Sie bei der Auswahl von Azubis?
Für uns zählt nicht die Vorgeschichte eines Jugendlichen. Wichtig ist, was er erreichen will. Wenn ich den Eindruck habe, dass er es schaffen will und das im Praktikum auch zeigt, dann gebe ich ihm eine Chance. Dann ist für mich ganz egal, was für Noten er in der Schule hatte oder wie oft er sitzengeblieben ist.

Also ein echter Neuanfang für Problemfälle - alles auf Null?
Was vorher war, ist mir egal. Von dem Jugendlichen, der im August bei uns seine Ausbildung beginnen wird, kenne ich die Vorgeschichte nicht. Ich weiß, dass er Probleme in der Schule hatte. Aber die Einzelheiten kenne ich nicht. Das spielt für uns auch keine Rolle.

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Das Risiko

Ist das nicht etwas riskant? Vielleicht holen Sie sich auf diese Weise jemanden mit langen Fingern und Drogenproblemen in den Betrieb?
Entscheidend ist doch, ob ein Jugendlicher seine Probleme soweit bewältigt hat, dass er bereit ist für eine Ausbildung. Dabei verlassen wir uns auf ein Patennetzwerk, mit dem wir zusammenarbeiten. Dieses Netzwerk stellt solchen Jugendlichen schon während der Schulzeit einen ehrenamtlichen Paten als Coach zu Seite. Der Pate hilft dem Jugendlichen dabei, seine Probleme in den Griff zu bekommen. Wenn das gelingt, dann vermittelt das Netzwerk diese Jugendlichen in geeignete Betriebe und achtet darauf, dass beide Seiten zusammenpassen. Der Jugendliche hat dann vielleicht trotzdem noch schlechte Noten – nicht alle Probleme lassen sich auf einmal lösen. Aber durch dieses Coaching ist er auf dem richtigen Weg und ausbildungsfähig.

Warum machen Sie das? Wäre es nicht leichter für Sie, sich um weniger problematische Fälle zu bemühen?
Ich habe ein ganz großes Herz für solche Jugendlichen. Aber als Obermeister weiß ich auch, dass unsere Betriebe Nachwuchsprobleme bekommen werden. Daher sehe ich meinen Betrieb in einer Vorreiterrolle. Ich bin davon überzeugt, dass schlechte Schüler zu guten Gesellen werden können. Das will ich beweisen.

Eine Ausbildung ist zeit- und kostenintensiv. Ist die Gefahr bei Problemfällen nicht größer, dass sich der Aufwand nicht lohnt?
Wir bilden seit zwölf Jahren aus. Das Risiko besteht immer, dass ein Jugendlicher sich nicht eignet. Das sieht man ihm leider nicht sofort an. Manchmal merkt man das erst nach einem Jahr. Das ist bei diesen sogenannten Problemfällen nicht anders. Sie unterscheiden sich von anderen Azubis meist nur dadurch, dass sie einen schlechten Start hatten. Aber das liegt nicht an den Jugendlichen, sondern oft am Elternhaus Die Jugendlichen leiden darunter meistens selbst und wollen etwas ändern – dabei brauchen sie nur etwas mehr Hilfe.

Nächste Seite: Wie aufwendig ist die Ausbildung eines „Problemfalls“ für den Betrieb konkret?

Der Aufwand

Wie sieht diese Hilfe in Ihrem Betrieb aus?
Zum einen unterstützt der Pate den Jugendlichen auch während der Ausbildung. Außerdem stellen wir jedem Azubi einen Mentor zur Seite. Dieser Mentor ist der feste Ansprechpartner für den Jugendlichen bei allen Problemen der täglichen Arbeit und auch bei privaten Sorgen.

Wer übernimmt diese Aufgabe als Mentor?
Das ist ein Geselle, der selbst gerade die Ausbildung absolviert hat. Der weiß mit Jugendlichen umzugehen. Es würde keinen Sinn machen, wenn der Mentor schon 60 ist oder ich das als Chef selbst mache. Dann wäre der Abstand in der Gedankenwelt einfach zu groß. Ein Azubi wird sich eher einem jungen Gesellen anvertrauen als einem Meister, der doppelt so alt ist, wie er selbst.

Bildet der Mentor auch aus?
Nein, wir haben das Fachliche und das Persönliche bewusst getrennt. Die fachliche Ausbildung ist Sache der Altgesellen und des Meisters. Wir haben auch einen Werkstattmeister, der sich zusätzlich um die Ausbildung kümmert und abends eine halbe Stunde mit den Azubis arbeitet.

Nächste Seite: Der Lohn der Anstrengung für den Betrieb.

Der Lohn der Anstrengung

Das klingt alles nach sehr viel Aufwand ...
Diese Jugendlichen brauchen mehr Führung als andere und wollen an die Hand genommen werden. Aber an die Hand nehmen muss man doch jeden Auszubildenden. Das ist eine Aufgabe, für die sich nicht jeder Betrieb eignet. Man muss schon Interesse an den Jugendlichen haben und selbst etwas pädagogisch geschult sein.

Lohnt sich der Aufwand? Oft beklagen sich Meister darüber, dass die mühsam ausgebildeten Jugendlichen schnell in die Industrie abwandern.
Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und übernehmen Azubis meistens, zumindest immer dann, wenn es die wirtschaftliche Lage hergibt. Gerade Jugendliche, die einen schwierigen Start hatten, sind sehr viel dankbarer und loyaler, wenn man gemeinsam mit ihnen ein Ziel erreicht hat. Diese Jugendlichen bleiben dann im Betrieb und wandern nicht ab.

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 (jw)

 

 

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