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Kritik an der Ausbildung im Handwerk

Zahlt das Handwerk einfach zu wenig?

Stimmt etwas nicht mit der Ausbildung im Handwerk? Zwei Ex-Azubis klagen an: harte Arbeit, miese Löhne, unbezahlte Überstunden! Dann doch lieber gleich zu Lidl oder Aldi, da stimme wenigstens das Geld! Kann man das auch anders sehen?

Inhaltsverzeichnis

Bei Aldi Süd verdienen angehende Verkäufer 850 Euro im ersten Ausbildungsjahr. Bei Lidl bekommen sie sogar bis zu 1000 Euro monatlich während der Ausbildung. Damit werden die Discounter auch 2012 wieder leichtes Spiel im Kampf um die Bewerber haben.

Doch warum zahlen die Discounter so viel? Weil man sich in dieser Branche für 850 Euro im Monat Azubis kaufen kann, die schnell voll mitarbeiten und wenig über ihre Zukunft nachdenken.

"Lidl, lass die Finger von den Azubis" haben wir darum schon Anfang des Jahres gefordert - und zur Ausbildung im Handwerk geraten. Das hat uns seitdem einige böse Kommentare eingebracht - auch von ehemaligen Handwerks-Azubis. Und die machen klar: Es liegt nicht nur an der Ausbildungsvergütung, wenn Handwerker keine Azubis finden.

Niedrige Löhne und unbezahlte Überstunden

handwerk.com-User "Rudi Ruddel" zum Beispiel klingt ziemlich enttäuscht vom Handwerk, obwohl er dabeigeblieben ist. Ruddel schreibt auf handwerk.com: "... Toll ist es, 3 Jahre ein Handwerk zu lernen. Unbezahlte Überstunden in Kleinbetrieben oder undankbaren Berufen ... Hatte ca 50-60 Stunden in der Woche im 3ten Lehrjahr, 620 DM netto und bekam 50 extra die Woche, weil ich es gut stehen hatte. ..."

Nach der Ausbildung dann die Festanstellung: "1400 DM netto....Festlohn für 50-60 Stunden /Woche. Kein Nachtzuschläge, Feiertagszuschläge nix....gar nix, geschweige denn Weihnachtsgeld. Also erzähl mir keiner was vom Handwerk."

Und heute? "Bin immer noch drin. Die letzten 3 stellen, wo ich mich beworben habe, max. 1800 brutto bei der 6-Tage-Woche und ab und zu sonntags. In der Industrie hat man doch etwas mehr. Ich übe meinen Beruf gerne aus und bin da auch voll dahinter. Nur verstehe ich die Leute, die aus dem Handwerk raus wollen in die Industrie. Mittlerweile bin ich über 40 und werde nicht mehr so einfach was finden. Kleinere betriebe können nicht zahlen und stellen fast nur Neulinge ein. Ich arbeite zurzeit bei ca 50 Std. in der Woche für 1700 brutto.... Ich verstehe die ,die bei Lidl gehen."

Keine beruflichen Perspektiven im Handwerk?

handwerk.com-User Iverson hat auch so seine Erfahrungen gemacht. Er ist gelernter Mechatroniker, hat die Branche aber nach eigenen Angaben nach 5 Jahren verlassen. Er lässt kein gutes Haar am Handwerk! Weil sein Kommentar so lang ist, haben wir ihn ein wenig durch Zwischentitel aufgelockert, inhaltlich dabei aber nichts geändert.

Iverson schreibt auf handwerk.com: "Ausbildung im Handwerk? Ich komme aus dem Handwerk und interessanterweise ist mir und vielen Hundert anderen genau das wiederfahren, was in diesem Bericht gegen Lidl angeprangert wird. ... Meine Ausbildung im Handwerk als Mechatroniker begann im Jahre 2005. Es sollten die 3,5 schlimmsten Jahre meines Lebens werden. Obwohl ich als Jahrgangsbester abschloss, kann ich keinem halbwegs gebildeten Menschen diese Arbeit empfehlen! Echte Perspektive im Handwerk!? Dass ich nicht lache. Aus meiner Klasse sind 80% nach der Ausbildung arbeitslos geworden!"

Wer will das denn, ein Leben lang für Lidl arbeiten?

Iverson: "Oh ja, ich will unbedingt mein Leben lang im Öl wühlen, Reifen die so schwer sind wie ein kleiner Mensch im Akkord wechseln, den netten Dieselruß einatmen und unter dem ständigen Zeitdruck mein Werk verrichten. Immer mit dem Hintergedanken, bloß keine Überstunde bezahlt zu bekommen. DAS (!) ist trauriger Alltag im Handwerk. "

Berufliche Perspektiven?

Iverson: "Und ja, die armen Lidl-Mitarbeiter. Kriegen jede Minute bezahlt, dort kann bei genug Fleiß jeder Marktleiter werden (Gehalt über dem eines Meisters ohne den Meister blechen zu müssen!) und man hat echte Perspektiven. Spreche aus Erfahrung."

Thema Arbeitszufriedenheit?

Iverson: "Apropos graue Mäuschen an der Kasse. Schonmal die fröhlichen Gesichter unter den Hebebühnen gesehen? Naja vielleicht Zufall das von meinen Mitabsolventen heute nur noch etwa 1/3 ihren eigentlichen Ausbildungsjob ausüben. Bestimmt weil sie alle so zufrieden mit der Belastung, der Bezahlung und den guten Aufstiegsmöglichkeiten waren."

Ausbildungsqualität im Handwerk?

Iverson: "Bei den hohen Durchfallquoten bei den Prüfungen (über 50% teilweise), hätte man sich vielleicht mal Gedanken machen sollen (die Handwerkskammer), was die jungen Menschen dort in den Betrieben noch lernen!? Oder könnte es wohlmöglich sein, dass die Azubis nur Reifen einlagern müssen oder stundenlang an der Waschstraße stehen, sprich: Nicht Aufgaben die dem eigentlichen Ausbildungsprofil entsprechen tätigen?!"

Thema Kreatiität?

Iverson: "Wenn ich solche Berichte wie den da oben lese, kommts mir echt hoch. Kreativität?? Viele Handwerksbetriebe knapsen an der Existenz, die anderen holen den letzten Schweißtropfen aus ihren Mitarbeitern, wo ist da denn Platz für Kreativität?!? Kreativ musste ich werden, wenn es darum ging, 4 Fahrzeuge gleichzeitig zu machen. Solche Märchen haben mich damals in das Handwerk verleitet, wie auch viele meiner Kollegen."

Ihr Fazit, Iverson?

Iverson: "Naja wenigstens habe ich diese großartige Erfahrung bei 5 Jahren Handwerk gesammelt und weiß was es bedeutet: Rückenschmerzen zu haben, mit dem Geld vorne und hinten nicht hinzukommen, ewig auf Weiterbildungen zu gehen, Überstunden grundlos gestrichen zu bekommen und am Ende des Monats weniger aufm Konto zu haben, als ein Bekannter von mir, der nix gelernt hat und den Müll beseitigt (ohne das in irgendeiner Weise zu diffamieren). Danke deutsches Handwerk! Viele werden jetzt sagen: "Haste halt Pech gehabt mit deinem Betrieb." Nein, bei dem was ich von anderen gehört hab, muss ich ja noch fast dankbar sein!"

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