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Panorama

Zweites Standbein: Abenteuerwerkstatt

Dieses Ehepaar bringt interessierten Neulingen die hohe Kunst des Langbogenbaus bei. Das hat sich für die Drechslerei zu einem lukrativen Geschäft entwickelt.

Auf einen Blick

  • Die Mischung macht's: Meike und Gerhard Butzer sind Drechsler, Tischler, Pädagogen. Das bringt Abwechslung in den Arbeitsalltag.
  • Mit Kunsthandwerk und individuellen Möbeln hat das Ehepaar sich neben der Drechslerei ein solides Geschäft aufgebaut. Das Highlight aber sind die Bogenbaukurse.
  • Holzhandwerk in Vollendung: Selbst nach 20 Jahren als Tischlermeister muss man für den Bogenbau noch einiges dazulernen, sagt Gerhard Butzer. Denn ein kleiner Fehler kann das ganze Werk zerstören.
  • Dem Ehepaar ist es auch ein persönliches Anliegen, traditionelles Handwerk weiterzugeben, um seinen Fortbestand zu sichern.

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Ein paar Hühner, Pferd, Gemüsegarten – und mittendrin die blaue Holzfassade eines geräumigen Einfamilienhauses. Der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von Gerhard und Meike Butzer mag abgelegen in einem Dorf nördlich von Wolfsburg liegen. Doch hat man die richtige Straße erst gefunden, erkennt man das Ziel sofort. Aus der Werkstatt-Scheune dringt der Klang einer Bandsäge. Hier riecht es nach Natur und Sägespänen – nach Abenteuer.

Wenn ein Hobby zur Geschäftsidee wird

Meike und Gerhard Butzer sind Holzhandwerker aus Leidenschaft. Das leben die Drechslerin und der Drechsler- und Tischlermeister in Barwedel eindrucksvoll aus. Sie fertigen Kunsthandwerk und bauen individuelle Möbelstücke, die die natürliche Form markanter Hölzer mit funktionellem Design verbinden.

Internationale Bekanntheit aber hat das Paar mit einem anderen Standbein erlangt: dem Bogenbau. Die Eheleute sind Profis darin, aus ausgewählten Rohlingen durchschlagsstarke Jagd- und Langbögen herzustellen. Das Besondere: In dreitägigen Wochenendkursen dürfen auch Laien sich in Kleingruppen ihren Kindheitstraum vom professionellen eigenen Bogen erfüllen.

Nach aktuell 123 Kursen hat das Paar inzwischen eine kleine Armee von Bogenbauern angelernt. „Das ist aus einem persönlichen Hobby entstanden“, erzählt Meike Butzer. Erst baue man einen Bogen für sich selbst, dann für den Sohn, seinen Freund und schließlich noch den Vater des Freundes. „So haben sich die Kurse ganz natürlich aus der Nachfrage heraus entwickelt“, erzählt die Drechslerin und Diplomdesignerin. Über sie läuft das Bogenbaugeschäft. Ihr Mann Gerhard ist dagegen mit der Drechslerei eingetragen. Kaufmännisch sind die Betriebe getrennt – fachlich bildet das Paar eine Einheit.

Das Holz bestimmt den Bogen – gnadenlos

„Als Bogenbauer lernt man nie aus“, sagt Gerhard Butzer. Selbst nach 20 Jahren als Tischlermeister habe er noch einmal einiges dazulernen müssen. „Nirgendwo sonst achtet man so genau auf die Jahresringe des Holzes“, sagt Butzer. Beim Bogenbau sei diese Präzision eine technische Notwendigkeit. Wer über ein Astloch einfach hinwegsägt, zerstört den Bogen. Wer die falsche Faser durchtrennt, zerstört den Bogen. „Das Holz bestimmt das Werk – und hier ist es gnadenlos wichtig, Rücksicht auf die Natur zu nehmen“, sagt Butzer.

Dabei entscheidet schon die Wahl des Holzes, ob ein Bogen gelingt. Heimische Arten wie Ulme, Esche und Robinie kommen in Frage. Die Rohlinge dürfen nicht – wie beim Möbelbau üblich – Brett für Brett aus dem Holz gesägt werden. Stattdessen werden die Stämme in der Mitte gespalten. Dann trocknet das Holz vier Jahre. Rund 20 Kilogramm wiegt ein einzelner Rohling. „Daraus entsteht ein Bogen mit vielleicht 700 Gramm Gewicht“, erklärt Meike Butzer. Das Ehepaar hat sich mit der Beschaffung der Hölzer und Herstellung geeigneter Rohlinge einen Namen gemacht. Die Kundschaft ist international.

Solides Geschäft, pädagogisch wertvoll

Das Geschäft floriert. Mittlerweile hat sich der Bogenbau wirtschaftlich zum wichtigsten Standbein entwickelt. Diese Diversifizierung hat bei den Butzers System. Denn allein als Drechslerei sei es heutzutage schwer, seinen Schnitt zu machen. „Da geht es um Cent-Beträge“, sagt Gerhard Butzer. Bei diesem Wettrennen mag der Betrieb nicht mitmischen. „Wir arbeiten lieber bunter, breiter und ursprünglicher.“

Und für das Paar ist es eine Berufstugend, seine Leidenschaft und sein Fachwissen weiterzureichen. „Als Drechsler ist man froh, Wissen weiterzugeben, damit das Handwerk nicht ausstirbt“, sagt Gerhard Butzer, der lange Zeit Werkunterricht gegeben hat.

Zu zehn Bogenbaukursen lädt das Ehepaar jedes Jahr ein. Ihre Schützlinge sind Handwerker, Ärzte, Architekten – Kinder oder Rentner von neun bis 85 Jahren. Abends wird Pizza gebacken. „Die Kurse sind wie ein Kurzurlaub“, sagt Erlebnispädagogin Meike Butzer.

Trotz des anspruchsvollen Handwerks sei in zwölf Jahren kein Teilnehmer ohne Bogen nach Hause gegangen. Dabei haben die Handwerker einen hohen Qualitätsanspruch. „Wer so einen Bogen sieht, soll nicht sagen: ‚Mensch, den hast du toll gebastelt‘“, sagt Handwerksmeister Gerhard Butzer. „Sondern: ‚Wow, wo hast du den denn her?‘“

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