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7 Tipps: So verhindern Sie Ausbildungsabbrüche vor Ausbildungsbeginn

Erster Arbeitstag und der neue Azubi kommt doch nicht. Wie können Handwerksbetriebe Vertragsauflösungen vor Ausbildungsbeginn vermeiden? Wir haben 7 Tipps für Sie!

Auf einen Blick:

  • Viele Jugendliche bewerben sich um mehrere Ausbildungsstellen und entscheiden sich zunächst für das erste Angebot. Kommt noch ein besseres, geben sie Handwerksbetrieben manchmal in letzter Minute einen Korb.
  • Arbeitsrechtlich können sich Betriebe nicht davor schützen, dass ihnen der Azubi nach Unterschrift des Ausbildungsvertrags noch abspringt.
  • Trotzdem können Betriebe etwas dagegen tun, dass Ihnen Lehrlinge kurzfristig wieder abspringen. Gewinnen Sie die Jugendlichen mit starken Vorbildern und den richtigen Anreizen für das Handwerk.
  • Knüpfen Sie rechtzeitig Kontakt zu geeigneten Kandidaten und halten diesen dann auch zwischen Vertragsunterschrift und Ausbildungsbeginn. Dadurch erhöhen Sie die Hürden für eine kurzfristige Absage deutlich.

Inhaltsverzeichnis

Die Unterschrift unter dem Lehrvertrag ist längst trocken. Alles könnte so schön sein. Im Betrieb ist alles für den neuen Auszubildenden vorbereitet: der Willkommensgruß von den Kollegen, die Betriebsführung durch den Chef und die Sicherheitseinweisung durch einen Gesellen. Und was passiert? Nichts! Der Azubi, der vor Wochen schon fest zugesagt hatte, kommt nicht. Für Betriebe ist das ein Horrorszenario. Doch warum wird genau das für manche Betriebe Realität?

Absprung vor dem 1. Tag: Das ist die Wurzel des Problems.

„Jugendliche bewerben sich oftmals auf mehrere Ausbildungsstellen“, sagt Karen Justa, Ausbildungsberaterin bei der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Bad Bentheim. Wenn dann nach einer bereits erteilten Zusage noch ein vermeintlich besseres Angebot komme, springe mancher Lehrling im letzten Moment noch ab.

„Schützen kann man sich davor aber kaum“, sagt Markus Glasl vom Ludwig Fröhler Institut (LFI) in München. Vor allem arbeitsrechtlich könnten Betriebe kaum etwas ausrichten. Das heißt nicht, dass Handwerksunternehmer gar nichts machen können, um Ausbildungsabbrüchen vor Ausbildungsbeginn vorzubeugen. Beide Experten sehen sieben mögliche Stellschrauben für Handwerksbetriebe.

Tipp 1: Mit einem guten Ruf ziehen Sie neue Azubis an

Ein guter Ruf ist für Betriebe ein besonders schlagkräftiges Argument im Werben um neue Azubis. Wenn ein Jugendlicher stolz „Ich fange bei … an“, sagt und jeder anerkennend nickt – dann wird er nicht einfach noch kurz vor Ausbildungsbeginn abspringen. Doch was müssen Sie machen, um in Sachen Ausbildung einen guten Ruf zu bekommen?

Ausbildungsberaterin Karen Justa hat darauf eine ganz einfache Antwort: „Bilden Sie gut aus!“ Dann kommt der gute Ruf ganz von allein. „Mitarbeiter und Auszubildende berichten von der guten Ausbildung oftmals im Freundes- und Bekanntenkreis“, sagt die Expertin. Durch diese Mundpropaganda werden erfahrungsgemäß andere Jugendliche auf den Betrieb aufmerksam, berichtet die Ausbildungsberaterin. Viele Unternehmen rekrutieren auf diese Weise regelmäßig ihre neuen Lehrlinge.

Tipp 2: Starke Typen ziehen an – Handwerker als berufliche Vorbilder

Jugendliche suchen Vorbilder – Menschen, an denen sie sich orientieren können, von denen sie lernen wollen und mit denen sie zusammenarbeiten möchten. Die erste Gelegenheit, sich so bei jungen Leuten als berufliche Vorbilder zu präsentieren, bieten Infoveranstaltungen an Schulen.

„Das sind ideale Plattformen für Betriebe, um Jugendlichen einen Ausbildungsberuf und das Unternehmen vorzustellen“, ist der Handwerksforscher Markus Glasl überzeugt. Doch damit diese Maßnahme auch erfolgreich ist, müssen Betriebe die Präsentation gut vorbereiten. Sie sollte kurz und prägnant sein. Dennoch gehören der Ausbildungsplan und auch die Entwicklungsmöglichkeiten nach Abschluss der Lehre in den Vortrag.

Wichtig ist nach Einschätzung von Glasl aber vor allem, dass der Vortragende bei den Schülern sympathisch rüberkommt. Schließlich soll er die Jugendlichen für den Beruf und eine Ausbildung im Handwerk begeistern.

Tipp 3: Binden Sie die Azubis durch positive Erfahrungen

Je intensiver und positiver der Kontakt vor der Ausbildung ist, desto größer ist die Chance, dass der Azubi nicht kurzfristig absagt. Betriebspraktika sind ideal, um einen solchen Kontakt aufzubauen.

„Sowohl für Betriebe als auch für Jugendliche sind Praktika eine Chance“, sagt Glasl. So könnten Jugendliche dadurch herausfinden, ob ihnen der Ausbildungsberuf gefällt und ob sie sich im Handwerksbetrieb wohlfühlen. Gleichzeitig haben Betriebe die Gelegenheit, zu testen:

  • ob sich der Praktikant für eine Ausbildung im Handwerk eignet,
  • wie belastbar und selbstständig er ist,
  • ob der Bewerber mit der Kundschaft des Unternehmens umgehen kann und
  • ob der Jugendliche ins Team des Handwerksbetriebs passt.

„Wichtig ist, dass das Praktikum nicht zu kurz ist“, sagt der LFI-Experte. Doch wie lange sollte ein Praktikum dauern? Mindestens zwei Wochen, rät Glasl. Denn nur so könnten beide Seiten einen realistischen Eindruck voneinander gewinnen. Und der ist wichtig. „Während des Praktikums sollten Betriebe den Praktikanten deshalb nicht die heile Welt vorgaukeln, sonst kann sich das später bitter rächen“, warnt der Wissenschaftler. Zum Arbeitsalltag gehören schließlich in jedem Beruf Dinge, die niemand gerne macht.

Tipp 4: Nutzen Sie den Einfluss der Eltern auf die Berufswahl ihrer Kinder

Häufig haben Eltern noch einen großen Einfluss auf ihren Nachwuchs, also auch auf eine Absage kurz vor Ausbildungsstart. Eine positive und zuversichtliche Einstellung der Eltern kann Jugendlichen helfen, wenn sie plötzlich an ihrer Entscheidung zweifeln.

Doch damit Betriebe den Einfluss der Eltern überhaupt nutzen können, müssen sie diese erst einmal von der Ausbildung im Handwerk überzeugen. Und das ist nicht immer einfach. Laut Markus Glasl sei gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu beobachten, dass Eltern ihren Kindern von einer Lehre im Handwerk abraten. Aber auch wenn Eltern dem Handwerk gegenüber zunächst skeptisch sind, muss das kein K.o.-Kriterium sein. Doch was können Handwerker tun?

„Elterngespräche und Betriebsführungen helfen in vielen Fällen“, sagt der Experte. Eltern ist es in der Regel wichtig, dass ihr Kind einen Beruf mit Perspektive ergreift. Entscheidend sei daher, Eltern die Karrieremöglichkeiten im Betrieb und auch darüber hinaus aufzuzeigen. „Dabei geht es nicht in erster Linie um Geld sondern vielmehr die Entwicklungsmöglichkeiten, die der Beruf langfristig bietet“, meint Glasl.

Tipp 5: Setzen Sie Azubis wirtschaftliche Anreize

Geld ist nicht alles, aber eine Rolle spielt es schon. Im Kampf um Azubis ziehen viele Unternehmen alle Register. Damit Ihr Azubi nicht noch kurz vor dem ersten Tag die Reißleine zieht, können Anreize helfen. Mögliche Beispiele sind ein Zuschuss zum Führerschein oder ein Firmenwagen, der auch privat genutzt werden kann.

„Solche großen Dinge müssten es aber nicht sein“, meint Glasl. Wichtig sei etwas ganz anderes: „Betriebe müssen den Jugendlichen etwas Besonderes anbieten“ sagt der LFI-Experte. Setzen alle Betriebe auf die gleichen wirtschaftlichen Anreize, verpuffe deren Wirkung.

Tipp 6: Nehmen Sie Azubi die Ängste vor der Ausbildung

Mit dem ersten Arbeitstag beginnt für Azubis in der Regel ein völlig neuer Lebensabschnitt. Zweifel und Ängste sind da normal. Werde ich die Ausbildung packen? Ist sie vielleicht zu schwer? Das sind Fragen, die sich viele stellen. Zweifelt ein Azubi zu sehr an seinen Chancen, wird er eher einen Rückzieher machen. Doch genau solche Ängste können Sie nehmen.

„Signalisieren Sie den Jugendlichen rechtzeitig, wie Sie Ihre Auszubildenden während der Ausbildung fördern und wie Sie sie auf die Abschlussprüfung vorbereiten“, rät Karen Justa von der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Bad Bentheim. Als Beispiel für mögliche Angebote nennt die Ausbildungsberaterin:

  • regelmäßige Übungsaufgaben,
  • die Simulation der Abschlussprüfung im Betrieb und
  • Nachhilfe nach Feierabend für Azubis mit Problemen.

Tipp 7: Lassen Sie den Kontakt nicht abreißen

Hat der neue Auszubildende den Lehrvertrag unterschrieben, können sich Handwerksunternehmer noch immer nicht ruhig zurücklehnen. Das Problem: Zwischen Vertragsunterschrift und Ausbildungsbeginn vergehen in der Regel einige Wochen – Zeit, in der sich der Jugendliche alles noch einmal anders überlegen kann.

Damit genau das nicht passiert, hat Markus Glasl noch einen weiteren Tipp für Unternehmer: „Lassen Sie den Kontakt nicht abreißen, damit Ihr neuer Azubi gar nicht auf die Idee kommt, noch woanders zu unterschreiben.“ Zwar könne dann immer noch etwas Unvorhergesehenes passieren, aber durch regelmäßigen Kontakt sei die Hürde für junge Menschen höher, den Ausbildungsplatz noch vor Ausbildungsbeginn zu kündigen.

Doch wie kann nun so ein regelmäßiger Kontakt aussehen? Ausbildungsberaterin Justa hat einige Tipps für Betriebe:

  • Laden Sie den neuen Azubi schon zu Betriebsveranstaltungen ein, zum Beispiel zum Sommerfest.
  • Bieten Sie Ihrem neuen Azubi einen Ferienjob an.
  • Gratulieren Sie dem neuen Azubi zu seinem Schulabschluss. Bei der Gelegenheit können Sie gleich auch nach seinem Zeugnis fragen. Für die Unterlagen brauchen Sie das Dokument später sowieso.
  • Nennen Sie dem neuen Lehrling einen direkten Ansprechpartner. Damit fühlen sich Jugendliche viel wohler.
  • Wenn Sie mehrere Auszubildende haben, organisieren Sie ein Event für die Azubis. So können sich die Lehrlinge untereinander schon besser kennenlernen.

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