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Fachkräfte gewinnen

Flüchtlinge: So klappt die Ausbildung besser

Die Ausbildung von Flüchtlingen verläuft nicht immer reibungslos. Integrationsberater Carsten Berenstecher rät, Probleme offen anzusprechen.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Anders als deutsche Azubis sind Flüchtlinge oft schon erwachsenen, wenn sie ihre Ausbildung beginnen.
  • Stimmen Sie sich mit Ihrem Team ab. Wenn nicht alle mitziehen, kann es Probleme geben. Über ein Praktikum können Sie prüfen, ob die Zusammenarbeit klappt.
  • Sprechen Sie Probleme offen an. Oft stecken Missverständnisse dahinter.
  • Geben Sie sich und Ihren Mitarbeitern Zeit. Gerade sprachliche Schwierigkeiten lassen sich nicht von heute auf morgen lösen.
  • Suchen Sie sich Unterstützung, wenn Sie Probleme mit Ihrem Mitarbeiter oder den Behörden nicht allein lösen können.
  • Hilfe bietet beispielsweise das Integrationsprojekt für Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber (IHAFA) des niedersächsischen Handwerks.

Fachkräftemangel ist eines der wichtigsten Themen im Handwerk. Auch deshalb haben sich Betriebe für Flüchtlinge geöffnet, um sie zu Fachkräften auszubilden. Keine andere Branche hat so viele von ihnen als Auszubildende in Lohn und Brot gebracht. „Allein in diesem Jahr wurden im Bereich unserer Handwerkskammer 83 Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen abgeschlossen“, sagt Carsten Berenstecher, Integrationsbeauftragter der Handwerkskammer für Ostfriesland in Aurich. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es ist nicht immer einfach. Kulturelle Unterschiede und Sprachprobleme können für Missverständnisse im Betrieb sorgen. Zudem sind die Menschen durch ihre Flucht-Erlebnisse und Sorge um zurückgebliebene Angehörige psychisch oft stärker belastet als deutsche Azubis. Wie kann dennoch eine gewinnbringende Zusammenarbeit entstehen? Berenstecher kann wichtige Tipps geben.

Stellen Sie sich auf erwachsene Azubis ein

Anders als die deutschen Azubis sind Flüchtlinge, die eine Ausbildung aufnehmen, erwachsen. „99 Prozent der von mir vermittelten Verträge gehen an Erwachsene“, berichtet Carsten Berenstecher. Damit ist auch ein anderer Umgang mit den Menschen erforderlich. „Viele haben schon in einem Beruf in ihren Heimatländern gearbeitet oder sogar einen akademischen Abschluss.“ Wenn dann Fegen oder Aufräumen auf dem Arbeitsplan steht, kann dies zu Missverständnissen führen. „Wir hatten einen Fall, da hat der Auszubildende geglaubt, diese Arbeit sei eine Strafe und war entsprechend frustriert.“

Tipp: Erklären Sie in Ruhe, dass vermeintlich niedrige Aufgaben nicht abwertend gemeint sind, sondern von allen übernommen werden und zum Arbeitsalltag gehören.

Bereiten Sie Ihr Team vor

Für Sie mag es kein Problem sein, einen Flüchtling einzustellen, aber vielleicht hat Ihr Team Berührungsängste? Schließlich sind es eher Ihre Mitarbeiter, die dann mit dem neuen Kollegen zusammenarbeiten und vielleicht unsicher sind, ob die Verständigung klappt. „Das Team muss mitziehen“, sagt Integrationsbeauftragter Berenstecher. „Dann lassen sich auch Schwierigkeiten, die eventuell auftreten, leichter lösen.“

Tipp: Lassen Sie den Bewerber ein Praktikum von ein bis zwei Wochen machen. So können Ihre Mitarbeiter Vorbehalte abbauen und Sie können sehen, ob der Bewerber in den Betrieb passt.

Sprechen Sie Unsicherheiten offen an, bevor Probleme entstehen

Die Ehefrau Ihres ausländischen Mitarbeiters war beim Betriebsfest miteingeladen, ist aber nicht gekommen. Statt Mutmaßungen anzustellen, sprechen Sie den Vorfall offen an und fragen nach den Gründen. „In diesem Fall stellte sich heraus, dass die Ehefrau schon hätte mitkommen wollen. Sie konnte aber den Betrieb nicht erreichen, weil sie nicht Fahrrad fahren kann“, berichtet Berenstecher.

Bei solchen Vorkommnissen sollten Sie unbedingt nachfragen, rät der HWK-Experte. „Oft handelt es sich um Missverständnisse oder die Flüchtlinge wissen einfach nicht, wie bestimmte Dinge in Deutschland gehandhabt werden“, so Berenstecher. Gerade das Bildungssystem sei vielen Zuwanderern fremd. „In den meisten Ländern zählt, was man kann. Dass in Deutschland immer ein Schein erforderlich ist, ist vielen völlig unverständlich.“

Tipp: Nehmen Sie sich Zeit für Gespräche und fragen Sie offen nach, wenn Ihnen etwas ungewöhnlich erscheint.

Haben Sie Geduld

Kommen Flüchtlinge in Deutschland an, haben sie meist eine lange und gefahrvolle Reise hinter sich. „Die Menschen sind oft traumatisiert“, sagt Carsten Berenstecher. Und die Probleme sind mit der Ankunft nicht vorbei. „Viele haben den Kopf nicht frei“, so der Berater der HWK. „Sorgen um die Familie, die noch irgendwo festhängt, Schulden bei Schleusern – über so etwas reden die Menschen nicht. Aber es belastet sie natürlich auch bei der Arbeit.“

Eine weitere große Herausforderung ist die Sprache. Viele Flüchtlinge müssen außer sprechen, auch lesen und schreiben lernen – nicht überall nutzt man lateinische Buchstaben. Und je älter jemand ist, desto länger dauert es, eine neue Sprache sicher zu erlernen.

Tipp: Geben Sie sich und Ihrem geflüchteten Mitarbeiter Zeit. Und wenn ein Problem auftritt, das Sie allein nicht lösen können, suchen Sie sich Unterstützung. Das Integrationsprojekt für Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber (IHAFA) beispielsweise hat Berater, die Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch Initiativen wie die auf Länderebene organisierten Flüchtlingsräte können Ihnen helfen.

Verzweifeln Sie nicht an den Behörden

Der Umgang mit Behörden kann Sie vor große Herausforderungen stellen, wenn Sie einen Flüchtling beschäftigen. Die rechtliche Lage ist oft kompliziert, manchmal fehlen Papiere oder wichtige Dokumente. Aus Unwissenheit geschehen Fehler. Verzweifeln Sie nicht, sondern halten Sie durch und suchen externe Unterstützung, wenn Ihnen der Behördenaufwand über den Kopf wächst. Auch hier können die Flüchtlingsräte Hilfe vor Ort vermitteln. Auch kirchliche Institutionen wie die Caritas oder die Diakonie können Kontakte vermitteln

Helfen Sie bei sozialen Kontakten

„Viele Flüchtlinge klagen, dass es sehr schwer ist, mit Deutschen in Kontakt zu kommen“, weiß Berenstecher aus seinem Arbeitsalltag. Dabei helfen Sozialkontakte nicht nur, um in der fremden Sprache sicherer zu werden. Wer Kontakte hat, fühlt sich willkommen, kann sich besser integrieren und lernt auch, die deutschen Eigenheiten kennen.

Tipp: Beziehen Sie Ihren ausländischen Mitarbeiter aktiv ins Betriebsleben ein. Vielleicht findet sich auch jemand, der ein Sprachtandem bilden will? Dabei lernt einer die Sprache des anderen. Unter https://www.tandempartners.org/ kann man Kontakte in seiner Region finden.

„Das Engagement für einen geflüchteten Mitarbeiter zahlt sich aus“, ist Carsten Berenstecher überzeugt. „Von den 350 Flüchtlingen, die ich bislang vermittelt habe, ist keiner negativ aufgefallen.“

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