Foto: Dennis Gauert

Fuhrpark

Japanischer Wein

Robuste Pick-ups mit Lifestylecharakter, dafür kennt man die Franzosen – nicht. Umso mehr überrascht Renault mit dem Alaskan, dem Franzosen mit japanischen Genen. Wir waren mit ihm unterwegs.

Auf einen Blick

  • 5,40 Meter lang, 1,85 Meter breit, 2,2 Tonnen schwer – mit dem Alaskan stellt Renault einen ausgewachsenden Pick-up auf die mächtigen All-Terrain-Pneus.
  • Japanische Gene: Der Franzose baut auf dem Nissan Navara auf und erbt dessen Tugenden. Angereichert mit französischem Charme setzt sich der Renault aber deutlich von seinem japanischen Urvater ab.
  • Kraftvoller Begleiter: Der 190 PS starke Diesel wuchtet bis zu 450 Nm auf die Antriebseinheit. Das reicht für zuverlässiges Vorankommen auch abseits befestigter Wege – und für satte 3,5 Tonnen Zugkraft an der Anhängerkupplung. Dabei gönnt sich der Selbstzünder im Test durchschnittlich 8,5 Liter Kraftstoff.

Die moderne Optik des 5,40 Meter langen Nissan-Derivats gefällt. Mit einem geschwungenen Chromgrill, der die Scheinwerfer verbindet und in der Mitte das gigantische Renault-Emblem herausstellt, ist der Alaskan ein solider Blickpunkt. Chromelemente wie die seitlichen Nebelscheinwerfer-Umrahmungen stehen ihm gut. Spätestens wenn die LED-Scheinwerfer beim Drücken der Funkfernbedienung aufleuchten, zählen aber die praktischen Qualitäten. Über Einstiegsleisten wird die Fahrgastzelle bequem erreicht, die massiven Türen wollen dabei aber beherzt angefasst werden. Auch die Motorhaube und die gedämpfte Ladeklappe (125 Euro Aufpreis) zeigen, dass zierliche Hände vom Alaskan eher unbeabsichtigt angezogen werden.

Breiter Einsatzbereich

Das Nutzfahrzeug können und wollen auch die romantischen Franzosen dem Pick-up nicht aberziehen. Mit 3.500 Kilogramm Anhängelast, fünf Sitzplätzen, einer Ladefläche und zuschaltbarer Allraduntersetzung stehen die Zeichen auf Transport. Boote aus dem Wasser ziehen, in unwegsamem Gelände den Vortrieb behalten und dabei noch gut aussehen, das kann er.

Zusammen mit dem zuschaltbaren Allradantrieb und zwei Sperrdifferenzialen gelingt auch an staubigen und matschigen Anstiegen der Spurt nach oben. Mit einer Steigfähigkeit von 50 Prozent ist der Alaskan zwar kein Vollblut-Offroader, meistert aber mittleres Gelände –dank enger Untersetzung und Bergabfahrhilfe – mit Bravour. Die Wattiefe von 45 Zentimetern macht auch Durchquerungen von Schlammlöchern möglich. Der lange Pick-up-Radstand begrenzt das Fahrzeug allerdings bei der Überquerung von Kuppen. So kann der Franzose mit seinen japanischen Genen aber in jedem Fall als Fahrzeug auf Baustellen und in mittlerem Gelände eingesetzt werden.

Sparsam, flott, agil

Doch auch im Handling kann der Renault etwas bieten. Wie schon der Nissan Navara macht der Pick-up auch im Alltag Spaß und übersteigt beim Handling die Erwartungen. Das Bremspedal ist vorbildlich dosiert und bietet gute Rückmeldung. Bei unserem Testwagen schlichen sich allerdings schon bei langsamen Geschwindigkeiten leichte Quietsch- und Schleifgeräusche in die Bremsungen. Das mag dem Gewicht und dem motivierenden Diesel geschuldet sein.

Der 190 PS starke 2,2-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel macht besonders in den eng übersetzten unteren Gängen akustisch auf sich aufmerksam. Mit dem Sechs-Gang-Schaltgetriebe ist er Transporter-typisch zu schalten. Dabei beschleunigt er in 10,9 Sekunden auf Tempo 100 Kilometer pro Stunde. Auf der Autobahn fährt die Nadel an der Marke 190 km/h vorbei. Das sind Fahrleistungen, die dem Auflader aus Boulogne besondere Langstreckenqualitäten attestieren. Bei hohen Geschwindigkeiten sind allerdings baugruppenbedingt deutliche Pfeifgeräusche aus dem Heck zu vernehmen.

Im Innenstadtverkehr ist der Alaskan mit Schaltgetriebe hingegen mit mehr Einsatz zu fahren. Die Schaltwege sind lang, die Schaltvorgänge im Antriebsstrang deutlich zu spüren. Bei jedem Gangwechsel blasen die beiden Lader hörbar ab. Das ist puristisch und man muss es mögen. Das ebenfalls lieferbare Sieben-Gang-Automatikgetriebe sollte man deshalb als Option im Hinterkopf behalten. Wenn der Gang drin ist, spielt der dCi 190 seine Stärken nämlich aus. Der Turbodiesel lässt das Drehmoment in dem eng übersetzten Getriebe nahtlos durch und zieht gut an. Überholvorgänge auf der Autobahn gelingen in solider Pkw-Manier. Hier begeistert der Alaskan mit Komfort und Durchzug. Das Drehmoment von 450 Newtonmeter ermöglicht gutes Vorankommen auch im Hängerbetrieb.

Extras auf Mittelklasse-Niveau

Manch einer mag seine Reiselimousine mit dem Alaskan ersetzen. Kann man machen. Exklusiv als Crew-Cab lieferbar bietet der große Franzose im Innenraum viel Platz und auch Komfort. Mit Zwei-Zonen-Klimatronic, elektrisch verstellbaren Teilledersitzen, Lenkradfernbedienung und Touchscreen-Naviceiver mit integrierter 360-Grad-Rückfahrkamera ist unser Testwagen gut ausgestattet. Speziell das Einparken gelingt im Alaskan so einfach, wie mit einem normalen Pkw – die Maße mal außen vor. Der Wendekreis von 13,4 Metern ist allerdings alles andere als Innenstadt-freundlich.

Auf hochwertige Materialien im Interieur verzichten die Boulonnais. Der Klavierlack und die in Silber lackierten Leisten wirken zwar im Augenwinkel modern, sind bei genauerer Betrachtung aber eher billig. Das können der Konkurrent Volkswagen Amarok und das zweite Navara-Derivat, die Mercedes-Benz X-Klasse, besser. Auf dem Sozius geht es vergleichsweise spartanisch zu. Die hinteren Passagiere sitzen aufrecht und wenig komfortabel. Da sind andere Crew-Cabs aber auch nicht bequemer.

In der Arbeitspraxis wird sich der Renault Alaskan als angenehmes Zugfahrzeug erweisen, das aber auch als Einzelgänger zum Transport begrenzt großer Gegenstände geeignet ist. Speziell Garten- und Landschaftsbaubetriebe und Baudienstleister werden den Alaskan als Gefährten zu schätzen wissen. Die hohe Anhängelast führt ebenfalls in Versuchung. Und für die Caravan-Fans stehen erste Aufbauten bereit.

Der Kraftstoffverbrauch hält sich mit acht bis neun Litern in Grenzen. Auf der Autobahn können es aufgrund der großen Stirnfläche und des eng übersetzten Getriebes auch 9,5 Liter werden, wenn der Fuß schwer wird.

Fazit

Wer dem Alaskan seine kleinen Eigenheiten verzeihen kann, findet in ihm den Nissan Navara Plus. Renault hat die Japaner mit dem Alaskan auf der eigenen Achse überholt. Das elegante Design, die auf der Plattform einzigartige Dämpfung der Ladeklappe, das Fahrverhalten und auch die Offroadqualitäten überzeugen. Auch als komfortabler Langstreckenläufer kann sich der Alaskan beweisen, das wohlgeformte Armaturenbrett könnte jedoch hochwertigere Elemente und ein schöneres Bedienkonzept beherbergen. Wer den Alaskan fährt oder vorbeifahren sieht, kann sich seinem gereiften Charme aber kaum entziehen. Es scheint, als wären französische Pick-ups wie japanischer Wein.

 

Daten

Name: Renault Alaskan 190 dCi

Maße: 5,39 x 1,85 x 1,81 Meter

Motor: Vierzylinder-Turbodiesel, 2298 ccm

Leistung: 190 PS (140 kW) bei 3750 U/min

Max. Drehmoment: 450 Nm bei 2500 U/min

Höchstgeschwindigkeit: 184 km/h

Beschleunigung 0-100 km/h: 10,8 Sek.

Verbrauch (EU-Norm): 6,3 Liter

Testverbrauch: 8,5 Liter

CO2-Emissionen: 167 g/km

Leergewicht: 2200 Kg

Zuladung: 949 kg

Max. Anhängelast: 3500 kg

Basispreis: 41.507 Euro

Testwagenpreis: 45.839 Euro

 

Auch interessant:

VW Amarok Aventura im Praxistest

Eine Woche lang hat Jörg Lindemann seinen Firmenwagen gegen den VW Amarok Aventura getauscht und den großen Pick-up getestet. Wie der Testwagen sich geschlagen hat, lesen Sie hier.
Artikel lesen >

Praxistest: Lastenräder bei Betrieben beliebt

Sie ersetzen nicht den Transporter, sind aber eine willkommene Ergänzung im Fuhrpark von Handwerkern: Drei Unternehmer berichten von ihrem Lastenrad-Praxistest. Auch Sie können Tester werden.
Artikel lesen >

-Anzeige-

Fuhrpark

Der wüsteste aller Volkswagen

Der Amarok ist der Vorzeige-Offroader der Wolfsburger. Jetzt wurde der kantige Pickup technisch ordentlich aufgerüstet. Wir nutzten die Möglichkeit einer ersten Probefahrt im artgerechten Umfeld.

Fuhrpark

VW Amarok Aventura im Praxistest

Eine Woche lang hat Jörg Lindemann seinen Firmenwagen gegen den VW Amarok Aventura getauscht und den großen Pick-up getestet. Wie der Testwagen sich geschlagen hat, lesen Sie hier.

Fuhrpark

Überblick: Die Nutzfahrzeug-Neuheiten 2017

Neue Fahrzeuge, nützliches neues Zubehör, interessante neue Konzepte: Die Hersteller passen ihre Angebote immer genauer an die Bedürfnisse des Handwerks an.

Fuhrpark

Im Fahrtest: Nissan NV300 punktet mit durchdachten Details

Gute Ausstattung, akzeptabler Verbrauch, Top-Verarbeitung, hoher Fahrkomfort. Michael Kellner kommt aus dem Schwärmen kaum heraus. Der Handwerker hat den neuen Nissan NV300 getestet. Und war durchweg überzeugt.