Marco Weiß unter dem Dach der St. Marienkirche in Göttingen. Auch der verdeckte Ausstieg stammt von ihm.
Foto: Denny Gille

Panorama

Denkmalschutz-Dachdecker: vom Handwerk nur das Beste

Das Herz von Marco Weiß schlägt für alte Gebäude und anspruchsvolles Handwerk. Damit begeistert er seine Auftraggeber und tausende Social-Media-Nutzer.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Dachdecker Marco Weiß hat sich mit Liebe zum Handwerk einen Namen in der Denkmalschutz-Szene gemacht.
  • Ein halbes Jahr kann es schon mal dauern, bis eine Baustelle des Dachdeckers abgeschlossen ist.
  • In den sozialen Netzwerk zeigt Weiß seine Arbeiten und erlebt, dass gutes Handwerk auch beim Nachwuchs beliebt ist.

Göttingen an einem typischen Wochentag. Kolonnen von Fahrzeugen und Fahrrädern schieben sich durch die Straßen. Studenten, Rentner und Touristen schlendern durch die Fußgängerzonen, blicken in Schaufenster, schießen Selfies. Es herrscht der ganz normale Großstadttrubel. Wofür die meisten gar keinen Blick haben: Alle paar Meter begegnet man hier Gebäuden, die ähnlich alt sind, wie die Stadt selbst.

Mir werden heute dafür die Augen geöffnet: Dachdecker Marco Weiß führt mich durch Göttingen und zeigt mir ein paar historische Schätze der Stadt. Der 39-Jährige hat sich auf denkmalgeschützte Gebäude spezialisiert und darin seine Berufung gefunden. „Ich liebe Arbeiten, die noch richtig mit Handwerk zu tun haben“, sagt Weiß. Sein Betrieb liegt in Sachsen-Anhalt, viele Aufträge aber nimmt er in Niedersachsen wahr – und immer wieder ist er dabei auch in Göttingen.

„Alte Gebäude verdienen Sachverstand“

Wir erreichen die St. Marienkirche am Altstadt-Rand. Ihr Bau begann im Hochmittelalter 1290. Zu dieser Zeit streiften noch Ritter durch die Lande, sind der trockene Kompass und die mechanische Uhr entwickelt worden und Göttingen hatte erst 60 Jahre zuvor Stadtrecht erlangt. Marco Weiß hat Respekt vor der langen Geschichte solch alter Bauwerke. „Ich beschäftige mich gerne mit ihnen. Diese Gebäude haben eine Seele und sie verdienen es, mit Sachverstand behandelt zu werden.“

Diese Einstellung hat den Unternehmer in die auf Denkmalschutz spezialisierten Architektenkreise gebracht, die heute 80 Prozent seiner Auftraggeber ausmachen. Dazu zählt auch die Dachsanierung der St. Marienkirche in Göttingen. Ein halbes Jahr lang hat Marco Weiß auf der Baustelle gearbeitet. „Ich habe das alte Dach abgerissen, die Notabdeckung für die Zimmerer gemacht und dann komplett neu eingedeckt, inklusive Lattung, Ziegel, Wandanschluss.“

Allein die Qualität zählt

Das Beste für den Dachdecker: Bei solchen Aufträgen zählt nicht, wie viele Quadratmeter man am Tag deckt, sondern dass die Arbeit sauber, sorgfältig und mit Liebe zum Detail ausgeführt wird. So entstehen Ausführungen, die man nicht täglich sieht: Weiß hat für den Wandanschluss des Daches 240 Ziegel einzeln mit Blei ummantelt. Die Anschlussfuge wurde nicht einfach mit Mörtel zugeschmiert, sondern aufwendig mit Bleiwolle abgedichtet. Auch die Klempnerarbeiten für das optisch ansprechende Entwässerungssystem hat Weiß erledigt. Dazu gehören vier kupferne Wasserkessel, die er in seiner Werkstatt in Elbingerode gebaut hat. „In jedem Kessel steckt eine Woche Arbeit.“ Aufwendige Sonderwünsche sind für den Dachdecker kein Problem. Sein Credo: „Soll es hochwertiger sein als üblich, mach ich das gerne! Nur wer Pfusch will, ist bei mir an der falschen Adresse.“

Follower lieben Handwerkskunst

Mit seiner Begeisterung für das Handwerk steckt der Selbstständige auch andere Menschen an. Seit ein paar Jahren ist Weiß auf Instagram und Facebook aktiv. „Ich mach’ das nur zum Spaß“, sagt der Dachdecker. Weiß postet Schieferprojekte, Bleischweißarbeiten, Details von seinen Sanierungsfortschritten. Und die Fans sind begeistert. Tausende Follower haben die Accounts des Dachdeckers. Sie liken und kommentieren, stellen Fragen zu den Techniken: auf deutsch, englisch, französisch. Das ist kein Zufall. „Auf Facebook bin ich in britischen und französischen Dachdeckergruppen. Dort hat alte Handwerkskunst noch einen höheren Stellenwert als bei uns.“

Freude am Handwerk

Über die Social-Media-Rückmeldungen merkt der Dachdecker auch, dass viele junge Menschen sich noch für schönes Handwerk begeistern. „Sie schreiben mich an, fragen mich aus und wünschen sich, in ihren Betrieben solche Arbeiten machen zu können.“ Umso mehr weiß der Unternehmer es zu schätzen, dass er sich im Bereich denkmalgeschützter Sanierungen einen Namen machen konnte. „Ich darf handwerklich auf höchstem Niveau arbeiten. Das bringt nicht mehr Geld ein, aber ich bekomme die nötige Zeit, um in einem Projekt voll aufzugehen.“

Das nächste Projekt des Dachdeckers ist eine Dorfkirche in Barterode bei Göttingen, die für 1,2 Millionen Euro saniert werden soll. Marco Weiß freut sich schon auf die Arbeit mit vertrauten Handwerkskollegen, die seine Begeisterung teilen und auf die Gespräche mit den Dorfbewohnern. Denn: „Auf dem Land kennen sie die Geschichte ihrer Gebäude bis ins letzte Detail.“

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