Der Autor und Redner sieht Mitarbeitergewinnung als Gesamtkonzept.
Foto: Bischof & Broel

Interview

Fachkräfteformel: So geht Mitarbeitergewinnung!

Wie gelingt Mitarbeitergewinnung im Handwerk in Zukunft noch – trotz immer schärferem Wettbewerb durch die Industrie? Jörg Mosler hat dafür eine „Fachkräfteformel“ entwickelt.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Ob Mitarbeitergewinnung einem Handwerksbetrieb in Zukunft noch gelingt? Das hängt vom Gesamtkonzept des Unternehmens ab, sagt Experte Jörg Mosler: Attraktiv werden nur solche Betriebe sein, die Mitarbeiter emotional packen und an sich binden.
  • Geld und Sicherheit sind auch wichtig, doch die bieten auch andere Branchen, warnt der Experte. Die Vorteile des Handwerks: Die Betriebe sind kleiner und dichter dran an den Menschen. Also können sie Menschen schneller und direkter bei ihren Emotionen packen.
  • Eine Warnung zum Schluss: So wichtig die Imagekampagne des Handwerks ist – bei der Mitarbeitergewinnung kämpft jeder für sich allein.

Früher hat Jörg Mosler selbst einen Dachdeckerbetrieb geleitet, inzwischen ist er einer der gefragtesten Experten für Mitarbeitergewinnung im Handwerk: In seinem neuen Bestseller „Die Fachkräfteformel“ erklärt der Dachdeckermeister, wie Handwerksbetriebe ihr Fachkräfteproblem lösen. Hier verrät er schon einmal vorab, woraus diese Zauberformel besteht – und warum Mitarbeitergewinnung keine Chef-Aufgabe wie alle anderen ist.

Mitarbeitergewinnung als Gesamtkonzept

Es gibt so viele Bücher zum Thema Fachkräftemangel. Brauchen wir wirklich noch einen Ratgeber, Herr Mosler?

Jörg Mosler: Ich meine, dass die meisten Ratgeber dieses Thema nicht aus der richtigen Richtung betrachten. Das Thema Mitarbeitergewinnung wird immer noch damit gleichgesetzt, Stellenanzeigen zu optimieren oder sie ins Internet zu verlagern. Das mit dem Internet ist ja schon mal keine schlechte Idee, aber das ist nicht das Problem mit diesen Ratgebern. Das Problem ist, das sie Mitarbeitergewinnung behandeln wie andere Teilbereiche des Unternehmens, wie Controlling oder Beschaffung.

Was ist daran falsch?

Jörg Mosler:Controlling oder Beschaffung sind Aufgaben, die man abarbeiten oder auch delegieren kann. Mitarbeitergewinnung ist anders. Sie ist meine ureigenste Aufgabe als Unternehmer, weil sie nicht mit der Stellenanzeige losgeht, sondern viel früher, mit meinem Gesamtkonzept für das Unternehmen. Das ist entweder für andere Menschen anziehend – oder es ist es nicht. Wenn es anziehend ist, dann lockt es auch Mitarbeiter an. Beim Gesamtkonzept geht es darum, warum es dieses Unternehmen gibt, was sein Sinn, seine Bedeutung für die Gesellschaft, die Kunden und die Mitarbeiter ist. Menschen sind ständig auf der Suche nach Sinn und Zugehörigkeit. Wer ihnen einen Sinn bietet und die Chance, dazu zu gehören, der ist anziehend, auch als Arbeitgeber.

Warum brauchen wir eine Formel für die Mitarbeitergewinnung?

Ihr Buch heißt „Die Fachkräfteformel“: Was ist denn nun die Formel?

Jörg Mosler: Ich bezeichne es als Formel, weil Mitarbeitergewinnung vier Bereiche betrifft und es dabei wie in der Mathematik ist. Wenn ich nur einen Teil löse und einen anderen Bereich nicht beachte, komme ich nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Die Fachkräfteformel besteht aus vier Bereichen, die ich lösen muss: (A) Ich muss mich als Unternehmer mit Veränderungen auseinandersetzen, also auch damit, dass jetzt wir die Bewerber sind und nicht mehr die Fachkräfte. (B) Ich muss meine Leidenschaft finden, denn ohne Leidenschaft finde ich keinen Sinn und wenn ich den nicht finde, dann bin ich da nicht richtig. (C) Ich muss Geschichten finden, die dazu gehören. Und (D) muss ich diese Geschichten nach außen tragen. Das zusammen ergibt eine unfassbare tolle Version meines Unternehmens und wenn ich die nach außen trage, dann ist sie auch für Menschen anziehend – für Fachkräfte wie auch für Kunden.

Mit Geschichten Menschen aufmerksam machen

Handwerker sollen Geschichten erzählen – was meinen Sie damit?

Jörg Mosler: Ich kann auf andere nur anziehend wirken, wenn sie von mir und meinem Unternehmen erfahren und ich sie dabei emotional berühre. Das gelingt besser mit Geschichten als mit Fakten. Menschen lieben Geschichten, die für sie Sinn ergeben, die sie emotional bewegen. Das ist im Handwerk relativ einfach. Ich habe in der „Fachkräfte-Formel“ sieben Geschichten-Formate zusammengestellt, die man auf den unterschiedlichsten Wegen kommunizieren kann. Zum Beispiel die Mitarbeiter-Helden-Geschichte. Da geht es darum, Geschichten über seine Mitarbeiter als Helden des Alltags zu erzählen, auf Facebook oder in einem Blog-Artikel. Wenn einem Chef das gelingt, ist das ein unfassbar motivierender Faktor. Denn danach sehnt sich jeder: nach Bedeutung, auch bei der Arbeit.

Aber davon habe ich noch nicht einen neuen Mitarbeiter …

Jörg Mosler:Aber Menschen sehen das, solche Geschichten werden gefunden und geteilt. Und es gibt eine Menge gute Fachkräfte, die in ihren Unternehmen nicht glücklich sind, sich aber nicht verändern, weil der Leidensdruck nicht groß genug ist. Das ist ein riesiges Potenzial. Wenn ich ein tolles Unternehmen habe und das nach außen transportiere, dann können diese Leute auf mich stoßen. Und warum sollte ich Menschen nicht auf charmante Art darauf hinweisen, dass ich ein attraktiver Arbeitgeber bin?

Die Vorteile des Handwerks bei der Fachkräftegewinnung

Reden wir über Geld: Das wirkt auch anziehend auf die Menschen – und da ist die Industrie klar im Vorteil.

Jörg Mosler: Geld spielt auch eine Rolle, aber nicht alleine. Warum entscheide ich mich für eine Arbeitsstelle? Das sind fünf Faktoren: Geld, Sicherheit, Spaß, Sichtbarkeit und Anerkennung. Sichtbarkeit bedeutet: Kann ich am Ende des Tages sehen, was ich getan habe? Das macht zum Beispiel die Image-Kampagne des Handwerks richtig groß mit der Frage, „Und was hast Du heute getan?". Das ist für viele Menschen unheimlich wichtig. Auch ganz wichtig ist die Anerkennung, nicht nur vom Chef, sondern von den Menschen, für die ich meine Arbeit mache – und die bekomme ich im Handwerk ganz direkt, aber nicht in der Industrie.

Wo sehen Sie das Handwerk noch im Vorteil gegenüber der Industrie?

Jörg Mosler: Das Handwerk hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens ist es viel näher an den Menschen dran, es bietet also mehr Sichtbarkeit und Anerkennung! Und das Handwerk besteht aus inhabergeführten, kleinen Betrieben. Die Chefs können sofort loslegen, die brauchen sich nicht erst in 15 Abteilungen das „go“ zu holen, wenn sie Mitarbeitergewinnung die erste Priorität geben und eine klare Strategie entwickeln wollen.

Mitarbeitergewinnung: Jeder kämpft für sich alleine

Sie haben die Imagekampagne angesprochen. Die erzählt auch Geschichten und zeigt Wirkung. Genügt das nicht, müssen die einzelnen Betriebe da jetzt noch selbst Geschichten erzählen?

Jörg Mosler: Was die Aussagen der Imagekampagne angeht: Mit denen gehe ich absolut konform und sie leistet einen wichtigen Beitrag, um das Image des gesamten Handwerks zu verbessern. Aber das befreit die Betriebe nicht davon, selbst aktiv zu werden, jeder für sich alleine. Die Herausforderungen der Mitarbeitergewinnung kann nicht das Handwerk als Ganzes lösen, das wird nicht funktionieren, so sehr ich dieses „Wir sind das Handwerk“ liebe. Aber Mitarbeitergewinnung ist immer unternehmensbezogen. Da gibt es kein „wir“, da gibt es nur das „ich“.

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