Foto: Denny Gille

Strategie

Natur-Dämmstoff: Hanf am Haus

Rauchen war gestern. Als Dämmstoff hat Cannabis eine viel größere Zukunft. Dieser Handwerksmeister hat schon sein Eigenheim damit verpackt – und ist begeistert.

Auf einen Blick:

  • Bisher hat Malermeister Gerd Feldmann beim Dämmen auf Polystyrol gesetzt. Kein Naturdämmstoff konnte ihn überzeugen. Eine neue Dämmplatte aus Hanf hat das geändert.
  • Vor- und Nachteile: Die Hanfdämmung schluckt Schall, sie ist diffusionsoffen und beugt Algenwachstum vor. Sie ist in der Verarbeitung aber anspruchsvoller und hat einen etwas niedrigeren Dämmwert.
  • Die Kosten der Hanfdämmung liegen pro Projekt bisher gut 30 Prozent höher als bei Polystyrol. Das macht sie aktuell eher zum Nischenprodukt für ökologisch orientierte Einfamilienhausbesitzer.
  • Bildergalerie: Das ist Hanfdämmung.

Bauen mit Hanf – noch vor einem Jahr war das für Gerd Feldmann überhaupt kein Thema. Und jetzt? Gerade dämmt der 47-jährige Malermeister sein eigenes Einfamilienhaus mit dem Naturdämmstoff. „Hanf als Dämmstoff ist unheimlich vielseitig“, schwärmt Feldmann. „Leicht zu verarbeiten, schwer entflammbar und speichert anders als Polystyrol auch noch Wärme.“

Naturmaterialien setzt der Malermeister ohnehin gern ein: „Meist erreicht man damit mehr Komfort.“ Vor 17 Jahren hat Gerd Feldmann den Familienbetrieb in Osnabrück übernommen und seitdem immer ein offenes Auge für besondere Materialien und Techniken. So gehört Lehmputz in sein Programm oder auch ausgefallene Materialien wie Zellulose-Spachtelmassen, die in Innenräumen alternativ zur Tapete angebracht werden können. Allen ist eines gemeinsam: „Sie sind hoch diffusionsfähig und können Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben“, erklärt der Unternehmer. Das erhöhe den Wohnkomfort und beuge Schimmelbildung vor.

Hanfdämmung – eine Alternative zu Polystyrol

Da passt Hanf als Dämmstoff gut ins Konzept des Malermeisters. Bisher hat Feldmann aber klassisch auf Polystyrol gesetzt. Warum? Der Meister ist die Vor- und Nachteile der Polystyrol-Alternativen durchgegangen und hat abgewägt. Ergebnis: „Keine der Alternativen hat mich wirklich überzeugt.“ Das änderte sich, als er im Sommer 2016 von einer neuen Hanfdämmung erfahren hat. Feldmann folgte einer Einladung nach Hanfthal in Österreich. Dort hatte der Dämmstoffhersteller Caparol gerade sein erstes Werk für Hanfdämmung eingeweiht und stellte die Neuentwicklung nun ausgewählten Malern wie Feldmann vor.

Produktion in Hanfthal

In Hanfthal stehen Versuchsfelder voller mannshoher Cannabispflanzen. Ganz unterschiedliche Sorten, um zu erforschen, welche sich für den Dämmstoffeinsatz am besten eignen. Und hier werden aus dem Rohstoff Dämmplatten gepresst. Die sehen anderen Dämmplatten nicht unähnlich, sind ein gutes Stück schwerer und enthalten nahezu ausschließlich Hanffasern. „Nutzhanf, versteht sich“, sagt Feldmann, „als Rauschmittel ist der so wirkungslos wie Weizen.“

Der Unternehmer war begeistert. Als Dämmstoff reicht die Hanfplatte mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,42 bis 0,39 W/m²K recht nahe an die Dämmwerte von Polystyrol heran. Das Material nimmt nur begrenzt Feuchtigkeit auf, ist sehr robust und durchlässig für Wasserdampf, also diffusionsfähig. Gleichzeitig ist Hanf unschlagbar ökologisch. „Die Pflanze wächst sehr schnell, bindet viel CO2 und braucht kein zusätzliches Wasser, Dünger oder sonstige Pflege“, sagt Feldmann.

Praxiserfahrung mit der Hanfdämmung

Hält das Material auch den Anforderungen der Praxis stand? Das wollte Gerd Feldmann direkt ausprobieren. Da traf es sich gut, dass er gerade sein Einfamilienhaus renovierte, das reif für eine neue Dämmung war. Mittlerweile ist das Haus fertig eingepackt. Erfahrung: Die Verarbeitung ist etwas aufwendiger. Zum Schneiden der stabilen Platten braucht es eine elektrische Säge mit gegenläufigen Sägeblättern. „Das ist etwas ungenauer“, sagt Feldmann. Dafür kann er von den Platten bei Bedarf Überreste abzupfen, um damit kleine Lücken zu stopfen. „Mit Polystyrol ist das undenkbar“, sagt Feldmann.

Aktuelle Kosten: 30 bis 40 Prozent höher als Polystyrol

Pro Projekt liegen die Gesamtkosten durch Hanf wohl 30 bis 40 Prozent höher als bei Polystyrol. „Für den Massenmarkt eignet es sich damit zum aktuellen Zeitpunkt nicht“, weiß der Meister. Dafür ist das System noch nicht weit genug verbreitet – in Deutschland gebe es aktuell nur 20 bis 30 hanfgedämmte Häuser. Feldmann aber ist von der neuen Naturdämmung überzeugt. „Es ist einfach ein sympathischer Dämmstoff“, urteilt der Unternehmer. Und er habe auch praktische Vorteile. „Die Hanfplatte ist extrem schalldämmend – ein großes Plus bei Häusern an vielbefahrenen Straßen.“ Zudem beuge das Material Algenwachstum vor.

Der Malermeister sieht potenzielle Kundschaft vor allem im Bereich ökologisch orientierter Einfamilienhausbesitzer. Er nimmt den neuen Dämmstoff jetzt fest in sein Angebot auf. Die nötigen Erfahrungen in der Verarbeitung hat er ja schon gesammelt. Und mit der Auswahl seines eigenen Hauses als Pilotprojekt zeigt er jedem Kunden, dass er der Ökodämmung vertrauen kann.

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