Bald werden diese Glaselemente zu einem Kirchenfenster zusammengesetzt.
Foto: Denny Gille

Strategie

Preiskampf? Nicht auf Kosten der Qualität!

Andrea Wilde baut und restauriert Kirchenfenster. Trotz des Preiskampfs in den Ausschreibungen macht sie bei einem Thema keine Kompromisse: der Qualität.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick

  • Ursprüngliche Materialien, traditionelle Handwerkstechniken: In der Denkmalpflege wird viel Wert auf Authentizität gelegt.
  • Frei von Wettbewerb ist aber auch dieses Betätigungsfeld im Handwerk nicht, weiß Glasermeisterin Andrea Wilde. Preise spielten eine Hauptrolle bei der Vergabe. Auf gewissenhafte Arbeit will sie aber nicht verzichten.
  • Die Glasermeisterin punktet mit langjährigen Kontakten und profiliert sich durch gute Arbeit und Referenzen.

Sie sind echte Unikate, mundgeblasen, brechen Licht wie es Fensterglas nie könnte. Dutzende, oft über Hundert Glaselemente formen ein einzelnes farbenfrohes Werk. In der Werkstatt von Andrea Wilde werden sie liebevoll von Hand zugeschnitten, in Blei zu einem Fenster eingefasst und mit Leinölkitt abgedichtet.

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Die Glaserei Glas Wilde II aus Tangerhütte in Sachsen-Anhalt ist spezialisiert auf Restauration und Bau von Kirchenfenstern zum Erhalt von Denkmälern. Mit zwei Mitarbeitern sorgt Glasermeisterin Andrea Wilde dafür, dass die alten Gläser wieder in frischen Farben leuchten. Das Team bereitet auf, was erhalten werden kann, und tauscht aus, was gesprungen ist.

„Jeder Auftrag ist sehr individuell“, sagt die Unternehmerin. Oft müsse man sich die genauen Anforderungen vor Ort anschauen, um die nötigen Maßnahmen richtig zu bestimmen und die Kosten kalkulieren zu können. Dafür ist Andrea Wilde viel unterwegs, nicht nur im eigenen Bundesland. „Wir machen auch viel in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und waren auch schon weit im Süden bei München aktiv“, erzählt die Meisterin. Namhafte Bauwerke wie der Magdeburger Dom zählen ebenso zu den Referenzen ihres Betriebs, wie unzählige kleine Dorfkirchen.

Spezialisierung in der Werkstatt

Aktuell liegt auf dem Werktisch von Mitarbeiter Karsten Wolbach ein Fenster aus vielen gläsernen Rauten. Abgesehen von einem großen Loch in der Mitte, sieht es ziemlich neu aus. Schadensursache: Vandalismus. „Das Fenster hatten wir erst vor einem Jahr installiert“, sagt Andrea Wilde. Jemand habe es mit einem Gartengerät eingeschlagen. Der Täter wurde gefasst und Glas Wilde II wurde mit der Schadensbehebung beauftragt.

Die Arbeit in der Werkstatt teilt sich das Team gerne auf. Andrea Wilde reißt auf einem Glasstreifen die Bruchstelle für das nächste Rautenelement an, dann bricht sie es sauber heraus. Den Vorgang wiederholt sie, bis genügend Rauten vorhanden sind. „Wir haben hier alle eine gewisse Spezialisierung“, sagt Wilde. Jeder mache das, worin er am besten ist. Karsten Wolbach setzt die neuen Rautenelemente in den beschädigten Bereich des Fensters ein. Dazu schneidet er H-Profile aus Blei zurecht, in die die Scheiben eingesetzt werden. Sobald die Konstruktion verlötet ist, kommt sie zu Mitarbeiterin Ute Strozyk, die die Verbindung aus Blei und Glas sauber mit einer Dichtungsmasse auf Leinölbasis verkitten wird.

Qualität trotz Preiskampf

Andrea Wilde ist es wichtig, neben ihren unternehmerischen Aufgaben, möglichst viel in der Werkstatt zu arbeiten. „Das macht am meisten Spaß und die Arbeit hilft bei der korrekten Kalkulation unserer Angebote“, sagt sie. Bei der Ausführung aller Arbeitsschritte legt sie großen Wert auf Professionalität. Das ist eine bewusste Entscheidung, die in der Auftragsakquise nicht nur Vorteile bringt. An die allermeisten Aufträge gelangt der Betrieb über die Teilnahme an Ausschreibungen im Bereich Denkmalpflege. „Konkurrenz gibt es genug, da ist der Preis immer ein Entscheidungskriterium“, sagt die Glasermeisterin. Kosten ließen sich leicht durch verdeckte Mängel sparen, etwa indem man die Felder im Fenster nur einseitig oder gar nicht verkittet. „Wir machen aber nur gewissenhafte Arbeit, so wie ich es von meinem Vater von der Pike auf gelernt habe“, erklärt Wilde.

So kam es schon vor, dass die Glaserei den Zuschlag für eine Nacharbeit bekommen hat, nachdem der günstigste Anbieter am Auftrag gescheitert ist. „Das ist zwar selten, aber auch eine gewisse Bestätigung für uns“, sagt die Meisterin. Die Gewissenhaftigkeit der Unternehmerin zahlt sich auch im täglichen Geschäft aus, denn nicht alles in ihrer Branche wird über den Preis bestimmt. Das ist ein Vorteil der Arbeit im Bereich Denkmalpflege, den öffentliche Ausschreibungen nicht haben: Die Projekte werden häufig über beschränkte Ausschreibungen vergeben. Das heißt, Unternehmen müssen Referenzen vorweisen, die ihre Eignung für den Auftrag belegen.

Gute Arbeit zahlt sich aus

„Es hilft, einen guten Namen und ein Netzwerk zu haben“, weiß die Meisterin. Den guten Namen pflegt sie seit der Ausgründung aus der väterlichen Glaserei Wilde in ihrem Betrieb Glas Wilde II. Das passende Netzwerk aus Kontakten knüpft die Unternehmerin bereits seit ihrer Zeit im Betrieb des Vaters. „Denkmalpflegeämter, Kirchenämter und Architekten kennen und schätzen uns“, sagt Wilde.

Und auch mancher Kirchengemeinde ist das Unternehmen gut im Gedächtnis. Die Gemeinde der Marienkirche Greifswald etwa hat der Glaserei anlässlich eines Auftrags einen Besuch in Tangerhütte abgestattet und sich die Arbeit der Handwerker erklären lassen. Da konnten sie einiges lernen, über den Aufbau historischer Kirchenfenster, die verschiedenen Montagemöglichkeiten und die ursprünglichen Materialien, die der Betrieb bei der Denkmalpflege einsetzt. „Wir bieten solche Besuche gerne an – und natürlich freuen wir uns über die Anerkennung der Besucher für unser Handwerk“, erzählt die Meisterin.

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