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Drei Abschlüsse auf einen Streich

Triales Studium

Geselle, Meister, Bachelor of Arts­ – drei Abschlüsse, während eines Studiums. Jessica Müller hat es getan und ist bereit, den Malerbetrieb ihres Vaters zu übernehmen.

Sie hat sich entschieden: - Jessica Müller will Malerin und Lackiererin werden. Und gleichzeitig einen Bachelorabschluss machen.
Jessica Müller will Malerin und Lackiererin werden. Und gleichzeitig einen Bachelorabschluss machen.
Foto: privat

„Wieso soll ich ins Handwerk gehen, wenn ich Abitur habe?“ – Eine Frage, die sich viele Schulabsolventen stellen. Vier Jahre ist es her, seit Jessica Müller vor eben dieser Frage stand. Die 24-jährige Kölnerin stammt aus einer Handwerksfamilie. Ihr Vater ist Geschäftsführer der Malerwerkstätten Karl Müller in Pulheim. Nach ihrem Abitur ist sie zunächst unschlüssig, ob sie wirklich den Weg ins Handwerk einschlagen soll.

Dann hört ihr Vater von dem Trialen Studiengang Bachelor of Arts (B.A.) Handwerks­management, ein Angebot von der Handwerkskammer Köln und der ansässigen Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Das Triale Studium integriert drei Abschlüsse: Geselle, Meister und den Bachelor of Arts. Erworben werden sie über einen Zeitraum von mindestens 48 Monaten.

Jessica Müller entscheidet sich für das Angebot. Sie beginnt eine Ausbildung zur Maler- und Lackiererin und bereitet sich gleichzeitig durch Vorlesungen und E-Learning auf den Bachelorabschluss vor. Ihr Ziel: Eines Tages das Unternehmen ihres Vaters übernehmen.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Studienangebote es bislang in Deutschland gibt.

Abiturienten im Handwerk halten
Mit Abitur ins Handwerk? - Den Weg dorthin ebnet ein Triales Studium.
Den Weg dorthin ebnet ein Triales Studium.
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Das Triale Studium im Handwerk in Köln ist bisher einzigartig in Deutschland. Nun soll es auch in den Norden kommen. Die Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Hannover bietet in Kooperation mit der Handwerkskammer ab August 2014 den Bachelor-Studiengang an. „Wir brauchen dringend Führungskräfte “, betont. Dr. Carl-Michael Vogt, Geschäftsführer der Handwerkskammer Hannover. Bei dem Projekt gehe es nicht darum, ein politisches Alibimodell zu schaffen, sondern vielmehr der Aussage „Du hast doch Abi, warum lernst du dann ein Handwerk?“ entgegenzuwirken. Die Abiturientenquote im Handwerk liegt nur bei 11 Prozent. „Daher wollen wir leistungsstarken Jugendlichen ein attraktives Angebot machen, um sie dauerhaft im Handwerk zu halten, erläutert Vogt.

Modellversuch in Köln
Dass die Idee eines Trialen Studiums im Handwerk durchaus Potenzial hat, zeigt der im Jahr 2010 gestartete Modellversuch in Köln, an dem auch Jessica Müller teilnimmt. „Wir sehen daher gute Chancen, dass das Projekt auch in Hannover mit Erfolg durchgeführt werden kann. Wir freuen uns, mit der Handwerkskammer Hannover einen kompetenten Partner gefunden zu haben“, betont Prof. Dr. Wolfgang Krüger, Leiter der FHM Hannover. Die Ergebnisse der Gesellenprüfungen seien trotz komprimierter Ausbildungs- und Studienzeit sehr gut gewesen.

Und was kommt bei Jessica Müller nach dem Abschluss? Die Lust am Studieren scheint ihr geblieben zu sein, denn ein Master-Studium schließt sie nicht aus. „Das würde ich jedoch nur in Teilzeit machen“, ergänzt die Studentin. Nebenbei will sie sich auf die Arbeit im Betrieb ihres Vaters konzentrieren. „Er wird froh sein, wenn ich endlich richtig dabei bin, mit anpacke und eines Tages den Betrieb übernehmen werde.“

Genaueres zu den Studiengängen in Hannover und Köln erfahren Sie auf Seite 3.

Triales Studium in Hannover und Köln

Wer das Triale Studium B.A. ­Handwerksmanagement beginnen möchte, benötigt das (Fach-) Abitur oder eine vergleichbare Hochschulzugangsberechtigung sowie einen Ausbildungsvertrag im Handwerk. Die Interessenten können sich für einen von 20 Handwerksberufen entscheiden.

In Hannover beginnt das Triale Studium B.A. Handwerksmanagement erstmals am 1. August 2014. Die Dauer ist abhängig vom jeweiligen Gewerk, vorgesehen sind viereinhalb Jahre. Die Kosten betragen monatlich rund 400 Euro. Eine Ausbildungsvergütung wird während der Lehrzeit gezahlt, eine weitere Förderung ist möglich. Die Ausbildung muss nicht im Kammerbezirk Hannover stattfinden. Für die Präsenztage (Freitag und Samstag) müssen die Studenten aber alle zwei Wochen in die niedersächsische Landeshauptstadt kommen. Das Vollzeitstudium findet ebenfalls in Hannover statt.

Informationen und Kontakte:


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