Betriebliche Sozialarbeit passt zum Handwerk
Im Betrieb von Julia Specht gehört Sozialarbeit zum Alltag. Wie die Inhaberin das umsetzt und die Mitarbeiter davon profitieren.
Auf einen Blick
- In ihrem SHK-Betrieb profitiert das Team von regelmäßiger Betrieblicher Sozialarbeit.
- Specht gibt Tipps, wie die Sozialarbeit im Handwerk stärker etabliert werden könnte und erläutert, was Betriebe davon haben.
Heute geht es nicht auf die Baustelle. Denn einmal im Monat trifft sich das vierköpfige Team um Julia Specht zu einer Workshoprunde. „Zuerst gibt’s Frühstück“, erzählt die 30-jährige Inhaberin von Julia Specht Sanitär- und Heizungstechnik in Wolfenbüttel. „Und dann arbeiten wir an Themen wie ‚Unser Auftritt beim Kunden: Was ist uns wichtig?‘ oder ‚Leitlinien für die Teamarbeit im Betrieb‘. Jeder kann sich einbringen und mitdiskutieren.“
Für einen Handwerksbetrieb sind das ungewöhnliche Arbeitsinhalte. Aber Specht bringt gute Voraussetzungen mit: Sie ist Sozialarbeiterin mit Schwerpunkt „Betriebliche Sozialarbeit“. Zudem hat sie als Quereinsteigerin einen Installateur- und Heizungsbau-Meisterkurs absolviert. Seit April 2023 führt sie nun ihren eigenen Betrieb.
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Sozialarbeit bereichert das Team
Ein Baustellen-Imbiss oder ein Betriebsausflug: Specht zählt weitere Möglichkeiten auf, das Teamleben durch Sozialarbeit zu bereichern. Bei vielen Mitarbeitern komme das gut an. Das belegen auch die Ergebnisse ihrer praktischen Bachelorarbeit: „Die habe ich über einen SHK-Betrieb geschrieben, in dem ich sechs Jahre lang als Bürokraft mit Schwerpunkt Sozialarbeit tätig war.“
Specht kennt aber auch kritische Reaktionen auf ihren sozialen Ansatz: „Mit meiner Untersuchung habe ich zwar gezeigt: Soziale Arbeit passt sehr gut in Handwerksbetriebe.“ Aber das sei in der Branche noch zu wenig bekannt und die Skepsis oft recht groß.
So war es auch bei ihrem Lebenspartner Marcin Godek. Der Installateur- und Heizungsbaumeister hat Specht als Auszubildender in ihrem Bachelorarbeitsbetrieb kennengelernt. „Ich fand das zunächst alles viel zu psychologisch“, gibt er zu. Aber Godek merkte schnell, dass Spechts Bemühungen viel Positives im Team bewirkten. „Einige fühlten sich dadurch überhaupt erst wahrgenommen“, betont der 39-Jährige.
Das A und O: eine gute Gesprächskultur
Bestehende Konflikte ließen sich dank der besseren Kommunikation einfacher lösen. Ein Beispiel sei das bei den Azubis verhasste Abwaschen der Tassen älterer Mitarbeiter. „In gemeinschaftlicher Runde haben wir mit Julias Hilfe schließlich die Betriebsregel aufgestellt: Jeder wäscht seine Tasse selbst ab“, berichtet Godek.
Besonderen Fokus legt Specht auf Mitarbeitergespräche, in denen sie zu beruflichen, aber auch privaten Zielen motiviert. „Eine gute Gesprächskultur im Betrieb ist das A und O für eine konstruktive Zusammenarbeit. Ich setze eine zielgerichtete Gesprächsführung ein, in Kombination mit Methoden der sozialen Arbeit“, beschreibt sie. Oft reichten auch Tipps zur Selbsthilfe. Einem Mitarbeiter mit großer Zahnarzt-Angst ermöglichte sie so eine Zahnbehandlung, nach der er auch die Kunden wieder offen anlächeln konnte.
Gerade bei den Auszubildenden sieht Specht ein großes Potenzial durch Sozialarbeit: „Die jungen Menschen wollen mehr gehört werden.“ Eine besondere Geschichte könne beispielsweise hinter dem Thema Fehlzeiten stehen. Gespräche auf Augenhöhe seien dann dringend angeraten, aber auch eine gute Zusammenarbeit mit der Berufsschule. Bei schlechteren Noten käme man mit regelmäßigen Lernzielgesprächen oft ein großes Stück voran.
Externe Sozialarbeiter sinnvoll
Aber nicht in jeder Betriebssituation sei Sozialarbeit ausreichend. „Schließlich sind wir keine Psychologen", fügt Specht an. „Und dann gibt es ja auch noch die Zahlen, an die man denken muss", stellt Godek fest, der als Betriebsleiter bei Specht arbeitet. Am besten treffe man sich in der Mitte, denn eine passende Dosis Sozialarbeit könne jeder Handwerksbetrieb gebrauchen. „Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig“, betont Specht.
Zum Abschluss formuliert Julia Specht ihre Zukunftsvision: „Das wäre ein Netzwerk externer Sozialarbeiter, die die Betriebe bei Bedarf heranziehen könnten." Denn nur einer außenstehenden Person sei es möglich, an eine Betriebssituation objektiv heranzugehen.
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