Image
Wer von Kunden Vorkasse verlangt, muss sich rechtlich absichern oder ein gutes Kommunikationsgeschick haben.
Foto: mapoli-photo - stock.adobe.com
Wer von Kunden Vorkasse verlangt, muss sich rechtlich absichern oder ein gutes Kommunikationsgeschick haben.

Rechtlich absichern

Vorkasse von Kunden verlangen: Diese Möglichkeiten gibt es

Rein rechtlich ist es schwer, von Kunden bei Vertragsabschluss eine Vorauszahlung zu verlangen. Doch es gibt Ausnahmen, die Handwerker nutzen können.

  • Für Handwerker ist es nicht immer leicht, mit Kunden Vorauszahlungen zu vereinbaren – vor allem, weil rechtlich einige Fallstricke lauern.
  • Doch gerade in Zeiten von schnell steigenden Materialpreisen und langen Lieferzeiten ist Vorkasse eine Option, damit Betriebe nicht über längere Zeit in Vorleistung gehen müssen.
  • Rechtlich haben Handwerker nicht viel Spielraum, doch einige Möglichkeiten gibt es, erläutert Baurechtsanwalt Bernd Hinrichs.
  • Er weist auch darauf hin, dass Betriebe Kunden besonders jetzt ausführlich beraten und über die Lage informieren sollten, das erhöhe die Chance auf freiwillige Vorauszahlungen.

In Zeiten von rasch steigenden Materialpreisen und Lieferengpässen fällt es Handwerksbetrieben manchmal schwer, über einen längeren Zeitraum hinweg in Vorleistung zu gehen und hohe Beträge auszulegen. „Die Corona-Krise hat vielen Betrieben in Sachen Liquidität zugesetzt“, weiß auch Bernd Hinrichs, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht aus Aurich. Warum nicht einfach Kunden bei Vertragsabschluss zur Kasse bitten und eine Vorauszahlung vereinbaren? „Das ist rechtlich schwer abzusichern“, betont der Rechtsanwalt. Denn nach § 641 BGB sind Handwerker generell vorleistungspflichtig und dürfen erst nach geleisteter Arbeit Abschlagszahlungen verlangen.

[Tipp: Sie wollen keine wichtigen Infos zum Thema Baurecht verpassen? Dann abonnieren Sie hier den handwerk.com-Newsletter. Jetzt hier anmelden!]

Vorauszahlung als AGB-Klausel im Vertrag unwirksam

Hinrichs weist darauf hin, dass Vorauszahlungen als AGB-Klausel in einem Vertrag vor Gericht in der Regel nicht standhalten. Schreibe ein Handwerker beispielsweise in die AGBs (Allgemeinen Geschäftsbedingungen) eines Vertrages „Der Auftraggeber zahlt bei Vertragsabschluss Summe X an den Betrieb Y“, sei diese Klausel unwirksam und der Kunde müsse in dem Fall keinen Cent vorab zahlen. „Der Rest des Vertrages bleibt aber dennoch bestehen und der Handwerker kann mit seinem Auftrag starten“, stellt Bernd Hinrichs klar.

Kommunikationsgeschick zahlt sich beim Thema Vorkasse aus

Der sicherste Weg, Vorkasse zu vereinbaren, sei eine „Individuallösung“. „Wichtig ist, dass Sie mit dem Kunden reden und die Vorauszahlung individuell vereinbaren“, betont Hinrichs. Das sei im Einzelfall aber schwer nachzuweisen. Denn rechtlich seinen Kunden nicht verpflichtet, eine Vorauszahlung an den Handwerker zu leisten. Es komme also auf das Kommunikationsgeschick des Unternehmers an, ob der Kunde ein Einsehen hat oder nicht.

Muster-Formulierungen: So vereinbaren Sie mit Kunden Materialpreissteigerungen

Die Preise für Baustoffe explodieren, Handwerker müssen die Kosten an die Kunden weitergeben. Mit diesen Mustern vereinbaren Sie Preissteigerungen mit Kunden.
Artikel lesen

Generell sei der Beratungsbedarf in Zeiten von steigenden Materialpreisen und Lieferengpässen gestiegen, weiß der Baurechtsanwalt aus seiner täglichen Praxis. „Die lange Corona-Krise macht einigen Betrieben finanziell zu schaffen. Es fällt ihnen zunehmend schwerer, für Aufträge mit großem Materialbedarf in Vorleistung zu gehen“, sagt Hinrichs. Einigen Kunden helfe es, wenn Handwerker die individuelle Situation erläutern. Schriftlich festhalten könnten Betrieb und Kunde dann, dass die Vorauszahlung für ein Einkauf von Material X am Tag Y verwendet wäre und damit sichergestellt wird, dass die Preise dafür nicht weiter steigen und die Arbeiten beim Kunden zeitnah beginnen können.

Vorkasse gegen Bürgschaft – möglich, aber kompliziert

Eine rechtlich sichere, aber nicht immer einfache Möglichkeit ist, Vorkasse gegen eine Bürgschaft zu vereinbaren. Das sei nach §16 Abs. 2 Nr.1 VOB/B nach Vertragsabschluss dann möglich, wenn der Betrieb dem Kunden mittels Bankbürgschaft eine Sicherheit stellt. „Das Problem hierbei ist, dass die Bank oft nicht so rasch mit einer Bürgschaft rausrückt, wie der Handwerksbetrieb sie braucht“, betont Rechtsanwalt Hinrichs.

Entscheiden sich Betrieb und Kunde dennoch für diesen Weg, rät Hinrichs Handwerkern, sich professionelle Unterstützung zu holen. „Lassen Sie sich den Text, wie Sie die Vorkasse im Zusammenhang mit der Bankbürgschaft regeln, von einem Anwalt rechtssicher formulieren.“ Dann seien Sie rechtlich abgesichert, wenn doch etwas nicht so läuft, wie geplant.

Tipp: Sie wollen keine wichtigen Infos zum Thema Baurecht verpassen? Dann abonnieren Sie hier den handwerk.com-Newsletter. Jetzt hier anmelden!

Auch interessant:

Bei ihm zahlen die Kunden gerne 50 Prozent Vorkasse!

Manche Handwerker tun sich schwer, eine Anzahlung zu fordern. Michèl Müller hat einen einfachen Trick, um seine Kunden davon zu überzeugen.
Artikel lesen

Liquidität sichern – was kann ich selbst tun?

Wird die Liquidität knapp, können Handwerksbetriebe einiges selbst tun, um die finanzielle Lage zu verbessern. 8 Tipps für Ihre Liquidität – nicht nur in der Corona-Krise.
Artikel lesen
Image
protokoll.jpeg
Foto: Gajus - Fotolia

Urteil

Ist ein Termin im Baustellenprotokoll verbindlich?

Verträge sind verbindlich. Doch was ist mit Fertigstellungsterminen, die die Vertragsparteien im Baustellenprotokoll festgehalten haben?

Image
drohung.jpeg
Foto: fpic - stock.adobe.com

Eigentumsvorbehalt

Ich baue das wieder aus, wenn du nicht zahlst!

Das Werk beim Kunden wieder abbauen, weil der die Rechnung nicht zahlt? Klingt nach einer guten Idee! Aber dürfen Handwerker das auch?

Image
sicherheit-web.jpeg
Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

§ 650f BGB

3 Gründe, die Bauhandwerkersicherung zu fordern

Eine Bauhandwerkersicherung können Sie vom Kunden während und sogar noch nach Abschluss der Arbeiten fordern. Warum sich das lohnt.

Image
Gebäude vor 1994 errichtet? Auch in bisher „unverdächtigen“ Bauprodukten wie Fliesenklebern  kann laut BG Bau Asbest enthalten sein.
Foto: htpix - stock.adobe.com

Bauen im Bestand

Neue Handlungshilfe zum Umgang mit Asbest

Beim Bauen im Bestand können Handwerker noch heute mit Asbest in Kontakt kommen und das birgt Gesundheitsgefahren. Eine Handlungshilfe zeigt, wie Sie sich schützen können.

Wir haben noch mehr für Sie!

Praktische Tipps zur Betriebsführung und Erfahrungsberichte von Kollegen gibt es dienstags und donnerstags auch direkt ins Postfach: nützlich, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.