„Handwerk braucht keine Tritte gegen das Schienbein“
Appelle für mehr Arbeitsvolumen und Entlastung der Handwerksbetriebe: Wirtschaftsministerin Reiche hat mit ZDH-Präsident Dittrich die „Zukunft Handwerk“ eröffnet.
Auf einen Blick
„Das Land ist noch nicht resilient genug“, sagt Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), beim Auftakt der Kongressveranstaltung „Zukunft Handwerk“ und der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München. Resilienz bedeute laut Definition, Krisen auch mal durchhalten zu können – und dies sei nicht gegeben, so Dittrich. Er übt scharfe Kritik an den bürokratischen Anforderungen, die Investitionen im Handwerk hemmten.
Mit einem Zitat von Kurt Tucholsky appelliert Dittrich an die Bundespolitik: „Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb“ und er fordert die Bundesregierung auf, diesen Papierkorb nun mit Überflüssigem zu füllen. Bürokratieabbau, Dokumentations- und Berichtspflichten – die Liste des ZDH-Präsidenten mit Appellen an Berlin liest sich lange. Entlastungen nur anzukündigen, reiche nicht mehr aus – sie müssten nun auch bei den mittelständischen Betrieben und im Handwerk ankommen.
Das Handwerk brauche Luft, um zu atmen – das betont Dittrich mit Blick auf steuerliche Eingriffe in die Betriebsvermögen durch die Pläne zur Erbschaftsteuer. „Beim Handwerk liegt das Vermögen nicht auf dem Konto, sondern steht in der Werkstatt“, sagt er. Notwendige Investitionen und Unternehmensnachfolgen könnten durch eine Neuregelung der Erbschaftsteuer gefährdet sein. Und Dittrich warnt: „Wenn das Handwerk niest, bekommt Deutschland eine Lungenentzündung.“ Demnach sei mehr Resilienz und Entlastung wichtig für das Handwerk, schlussfolgert der ZDH-Präsident.
Höheres Arbeitsvolumen
„Deutschland ist nicht nur ein Land der Dichter und Denker, sondern auch der Tüftler und Meister, Gesellen und Familienunternehmen“, sagt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Das Handwerk sei eine tragende Säule der Volkswirtschaft. Handwerksbetriebe tragen laut Reiche Verantwortung im Eigentum und für die Region. Sie blieben, rappelten sich auf und investierten, während andere zögerten. „Sie übernehmen ein Risiko, damit Wohlstand entsteht“, so Reiche. Es gelte, Betriebsvermögen zu schützen und es nicht wegzunehmen. „Wir müssen danke sagen und Ihnen nicht täglich gegen das Schienbein treten“, appelliert Reiche.
Sie greift zudem die Kritik von ZDH-Präsident Dittrich in Richtung Berlin auf. Dabei geht ihr Blick auf die deutsche Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich. „Wir brauchen mehr Arbeit“, fordert Reiche. Deutschland müsse das Gesamtvolumen der Arbeitszeit erhöhen, um den Wohlstand zu sichern.
Reiche: Weniger Bürokratie
Steuererhöhungen oder zusätzliche bürokratische Hürden seien eine Belastung für die Lebensleistung der Unternehmer sowie das Familienvermögen. Reiche verspricht zudem, sich darum kümmern zu wollen, dass Meisterinnen, die Kinder bekommen, besser unterstützt werden. Zudem will sie künftig Betriebsübergaben erleichtern – dabei nimmt sie steuerliche Hürden und überzogene Auflagen in den Blick. Sie werde alles tun, dass Vermögen- und Erbschaftsteuer nicht kommen, so die Ministerin.
Reiche kündigt darüber hinaus Bürokratieentlastungen an. Dabei erwähnt sie den Wegfall der Pflicht zur Bestellung eines Sicherheitsbeauftragten für Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten sowie erleichterte Dokumentationspflichten im Fleischerhandwerk. „Bürokratieabbau ist konsequentes Abtragen“, sagt sie. Dies erfolge Stück für Stück. Dazu müssten Steuern und Abgaben so gestaltet sein, dass sich Leistung lohne. „Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer, die direkt gegen Ihre Betriebe geht, lehne ich ab“, betont sie. Lohnzusatzkosten sollen darüber hinaus gesenkt werden, Neueinstellungen belohnt werden. Zudem fordert Reiche eine Reform des Arbeitszeitrechts mit flexibleren Regeln an, um Spitzen wie sie im Handwerk entstünden besser auffangen zu können.

Söder: Fokus auf Leistung
Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) pocht wie Bundeswirtschaftsministerin Reiche auf mehr Arbeit: „Leistung muss mehr in den Fokus gerückt werden.“ Arbeit müsse sich lohnen – unter der Woche etwas mehr zu tun, wäre gut. Eine deutliche Ansage des CSU-Politikers: „An mir wird man sich bei der Erhöhung der Erbschaftsteuer die Zähne ausbeißen.“
Mit Blick auf den internationalen Wettbewerb, der hart geworden sei, spricht sich Söder für Technologieoffenheit, etwa beim Verbrennungsmotor aus. Märkte sollten nicht kampflos an chinesische Wettbewerber abgetreten werden.
Söder richtet auch ein paar Worte direkt ans Handwerk: „Ich schätze das Handwerk. Ohne Handwerk geht es nicht.“ Er fordert eine deutschlandweite Gebührenbefreiung von der Meisterpflicht. Bayern habe dies bereits umgesetzt. Zudem betont Söder, dass die Firmeninhaber in Deutschland bleiben und sich um ihre Arbeitnehmer kümmern. „Wir unterstützen Sie“, so Söder.
Tipp: Sie wollen mehr Nachrichten lesen, die das Handwerk betreffen? Im kostenlosen handwerk.com-Newsletter finden Sie sie. Melden Sie sich jetzt an!
-1-square.jpg&w=1080&q=75)



