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Bürgerpflicht Schwarzarbeit

Ohne Rechnung? Für gute Bekannte allemal!

"Der Staat verzockt in der Bankenkrise unser Geld, also ist Steuerhinterziehung geradezu eine Bürgerpflicht. Und Schwarzarbeit legitimiert das allemal." Diese Meinung ist weit verbreitet. Eine Stippvisite in ein Netzwerk aus klammen Kunden und kreativen Buchhaltern.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Eine Kundin bekommt einen Kostenvoranschlag vom Handwerker. Ganz schön teuer findet sie den und schaut sich zusammen mit einer ZDF-Redakteurin nach Alternativen um.
  • Sie stößt auf einen polnischen Handwerker, der für Wohnungen „zu einem Festpreis“ renoviert. Stundensatz: 15 Euro. Das kann er anbieten, weil er fast keine Steuern zahlt.
  • Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit trifft immer öfter Selbstständige, die angeblich nur minimale Einnahmen haben. Folge: Sie zahlen kaum Steuern und Sozialabgaben.
  • In der ZDF-Reportage stößt die Redakteurin auf ein quasi-geheimes Netzwerk. Es besteht aus Menschen, die Dienstleistung mal schwarz, mal auf Rechnung anbieten.
  • Die Kundin entscheidet sich letztendlich gegen Schwarzarbeit sondern für einen örtlichen Handwerker, mit Gewährleistung.

Ortstermin. Eine Kundin will ihr Badezimmer aufhübschen und fragt den Malermeister: "Was wird's kosten?" Von diesem Punkt an gerät das Kundengespräch zum Eiertanz. Der Unternehmer rechnet vor: „Wir brauchen drei Tage, kalkulieren 45 Euro, mal 21, da sind 945 Euro. Plus Mehrwertsteuer.“ Die Kundin schluckt: „Ganz schön stolzer Preis.“

Der Malermeister, der jetzt in der ZDF-Reportage gefilmt worden ist, geht sofort in die Defensive. Er verdiene sich „keine goldene Nase“. Und überhaupt, die 45 Euro Stundenlohn blieben nicht bei ihm hängen, er habe Abgaben ohne Ende: "Werkstattmiete, Fuhrpark, Bürokraft, Reinigungskosten, Betriebsmittel, Miete, Urlaubskasse, Rente, Steuern, Sozialabgaben, vermögenswirksame Leistungen.“ Die Liste ist geradezu endlos.

Weil die Kundin mit einem Fliesenleger den „nächsten Preisschock“ erlebt, guckt sie gemeinsam mit der ZDF-Redakteurin in die Kleinanzeigen einer Tageszeitung – und entdeckt überaus interessante Angebote.

Kleine Unternehmer, kaum Steuern

Der Anbieter einer Annonce ist nur per Handy erreichbar. Die Kundin ist interessiert, weil der Mann „zu einem Festpreis“ Wohnungen renoviert. Neuer Ortstermin. Der polnische Handwerker Andrzejs hat viel zu tun, könnte aber in zwei Wochen loslegen. Sein Stundensatz: 15 Euro.

Wie kann das sein? Zahlt er keine Steuern oder Sozialabgaben? Seine Antwort: „Ich bin selbstständig.“ Gegenfrage: Wieviel Steuern zahlt er denn von den 15 Euro? Dann gerät der Dialog zur Farce.

„Normalerweise so 300 Euro“, sagt Andrzejs.

„Im Monat?“, fragt die ZDF-Redakteurin.

„Nein, im Jahr!“

„Im Jahr?“

„Ja, ich bin Kleinunternehmer.“

„ Aber wie machen Sie das, dass Sie nur 300 Euro Steuern bezahlen, das müssen Sie mir erklären.“

„Später, ohne Kamera.“ Allgemeines Gelächter.

Und weil er schon einmal da ist, bietet der Alleskönner auch gleich seine Dienste für die Gartenarbeit an. Der Stundenlohn: 12 Euro.

Was weniger lustig ist: Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit trifft immer öfter Selbstständige, die angeblich minimale Einnahmen haben und deshalb kaum Steuern und Sozialabgaben zahlen. „Wer gewinnbringend arbeiten will, kann mit diesen Leuten nicht konkurrieren.“ Das sagt eine Fahnderin des Zolls.

Klamme Kunden, kreative Buchhalter

Die ZDF-Redakteurin setzt für ihre Reportage auf Empfehlungsmarketing. Die Kunden von Dumpingfliesenlegern schicken sie zu Billig-Frisörinnen, von dort aus geht’s weiter in die Autowerkstatt, vor dort zur Putzkolonne. Sie stößt auf ein quasi-geheimes Netzwerk aus Menschen, die sich vertrauen. Die sich Geheimtipps zuraunen.

Ein Kfz-Mechaniker sagt: „Das wird mehr, dass Leute kommen und Geld sparen wollen – oder auch müssen, weil das Geld im Monat nicht mehr langt.“ In seiner Branche, tippt er, arbeitet jeder zweite ohne Rechnung. Nur das Finanzamt bremst ihn aus, so ganz ohne Gewinn, das ist verdächtig: „Immer nur plusminus geht nicht, da muss auch mal was übrig bleiben, man muss das ein bisschen steuern, wieviel übrig bleibt.“ Kreative Buchführung? „Genau!“

Ein Malermeister aus dem Netzwerk der Schwarzarbeit spricht von „Notwehr“. Aber: Er arbeitet nicht für jeden. Eher für gute Bekannte und Freunde. Auch Schwarzarbeit ist Vertrauenssache.

Zum guten Schluss will die Kundin vom Anfang der ZDF-Reportage übrigens doch lieber die örtlichen Handwerker beschäftigen. Die, von deren Können sie gehört hat. Die mit der Gewährleistung. Die Meisterbetriebe, denen wiederum sie mehr vertraut.

Dagegen sagt die Kundin einer Billig-Frisörin: „In der Bankenkrise wird unser Geld verzockt. Warum soll man da Steuern bezahlen?" Was würden Sie der Frau antworten? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge, schreiben Sie uns!

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