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Azubis im Fleischerhandwerk dringend gesucht!

"Von der Supermarkt-Theke befreit"

Dramatischer Rückgang: Die Zahl der Azubis im Fleischerhandwerk hat sich in zehn Jahren mehr als halbiert. Doch ein Praxisbeispiel macht Hoffnung.

Ihr neuer Laden ist erst seit knapp vier Wochen offiziell eröffnet. Doch schon jetzt haben Fleischermeister Jörg Förstera und sein Kompagnon Hendrik Haase mit ihrem Geschäft „Kumpel amp; Keule“ in Berlin ihren Businessplan übertroffen. Die Zahlen sind überragend. Nicht so hingegen die Zahl der Jugendlichen, die dieses Jahr in Berlin eine Ausbildung in dem Handwerk begonnen haben. Ganze acht Azubis gebe es in der Vier-Millionen-Stadt in dem Gewerk, berichten die Chefs von „Kumpel amp; Keule“. Sechs bis sieben von ihnen würden hinter der Theke von großen Supermärkten landen.

In Berlin-Kreuzberg stehen die Kunden Schlange, ebenso die Medienvertreter. Wieso? Weil die Macher des Ladens das Handwerk wiederbeleben wollen. Sie zeigen, dass der Fleischerberuf erfüllend ist, Kreativität, Wertschätzung und Innovation mit­einander verbindet. Und dass der Dialog mit Kunden und dem Fleischer ausdrücklich erwünscht ist. Die beiden Unternehmer setzen auf Transparenz: Der 38 Quadratmeter große Laden in der „Markthalle Neun“ in Berlin Kreuzberg ist komplett verglast. Kunden können den Fleischern bei der Arbeit zuschauen.

„Wir wollen, dass die Leute sehen, was wir machen. Und dass sie mit uns ins Gespräch kommen über Fleisch, Rezepte und gutes Essen“, sagt Hendrik Haase. Der 31-Jährige hat Kommunikationsdesign studiert und setzt sich seit Jahren für die Slow-Food-Organisation in Deutschland ein. Fleischermeister Förstera hat er auf einer Veranstaltung kennengelernt. Schnell war klar, dass die beiden gemeinsame Sachen machen wollen.

Förstera ist 27, war mit 18 Jahren Deutschlands jüngster Meister in seinem Gewerk. Die Ausbildungszahlen für Berlin verwundern ihn nicht. „Wir müssen mehr tun, die Jugendlichen vom Wert des Berufs überzeugen. Dafür gehe ich gern mit gutem Beispiel voran“, sagt er. Seine beiden Gesellen habe er vom Supermarkttresen „befreit“. Viel mehr als ein Schnitzel abzuschneiden hätten sie da nicht gelernt.


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und, bei Kumpel amp;Keule stehen schon die ersten Bewerber Schlange.

"Die ersten Bewerber haben wir schon"

Traurig ist die Geschäftsführerin des Fleischerinnungsverbandes Niedersachsen-Bremen vor allem darüber, dass die Mehrzahl der Landes- und Bundessieger im Fleischerhandwerk von großen Handelsketten kommen. „Wir wollen die kleinen handwerklichen Betriebe unterstützen. Es ist schade, dass sich das nicht in den Ergebnissen widerspiegelt“, sagt Isabella Dohm.

In Niedersachsen habe die Zahl der Azubis in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent abgenommen. „Das führt dazu, dass Betriebe und Berufsschulstandorte geschlossen werden“, betont sie. Die weiten Wege machen die Ausbildung für die jungen Leute nicht attraktiver.

Ein ähnlicher Trend in Sachsen-Anhalt: „Wir sind in großer Sorge, weil wir immer weniger Nachwuchs für die Betriebe finden“, sagt Carmen Bau. Die Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes führt das zum einen auf sinkende Schülerzahlen zurück. Aber zum anderen darauf, dass nahezu alle guten Schüler ans Gymnasium gehen oder studieren wollen. „Viele Abiturienten sind sich nicht bewusst, dass der Beruf des Fleischers attraktiv ist“, sagt sie. Nachwuchswerbung sei das eine. Aber auch die Betriebe müssten sich aktiver positionieren und in die Öffentlichkeit tragen, was ihren Beruf attraktiv macht.

So wie die Gründer von „Kumpel amp;Keule“ in Berlin. Sie nutzen momentan die große Bühne, um für das Fleischerhandwerk zu werben. Jörg Förstera möchte im kommenden Jahr in dem gläsernen Betrieb auch ausbilden. Interessenten hätten sich schon gemeldet, berichtet er.




(ja)

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