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„Ich genieße meine Freiheiten“

Aus der Musikbranche in die Fleischerei: Vor vier Jahren wagte Petra Wolff einen beruflichen Neustart.

Von Martina Jahn

Dienstags ist Weißwursttag in Northeim. Diese Spezialität frisch und warm auf dem Brötchen ist was Feines, schwärmt Petra Wolff. Einmal in der Woche gönnt sich die Fleischermeisterin diesen Genuss obwohl sie sich des Fettgehalts bewusst ist.

Die Ernährungsberaterin kennt sich aus mit den Nährwerten ihrer Produkte. Und empfiehlt die richtige Kost. Zur Stammkundschaft der Spezialitäten-Fleischerei Bruno Wolff in Northeim gehören Senioren, aber auch viele junge Familien. Ich möchte, dass meine Kunden Spaß am gesunden Essen haben. Und dazu gehört auch gutes Fleisch, sagt Wolff.

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Ihren Berufsalltag verbringt sie erst seit 2004 im Handwerksbetrieb. Damals begann sie dort eine Ausbildung zur Fleischerin. Dass ihre Arbeit nicht hinter dem Tresen enden soll, sondern auch die Produktion umfasst, stand für sie von Beginn an fest. Ich wollte mich später nicht auf fremdes Know-how stützen müssen, betont die heutige Junior-Chefin des Handwerkbetriebs. Vor Beginn ihrer Ausbildung hat Wolff jedoch erstmal ein ganzes Jahr geschnuppert, ob der Beruf etwas für sie ist.

"Flexibilität war gefragt"

Denn von der Musik- und PR-Branche in die Fleischerei zu gehen, war eine 180-Grad-Drehung, erinnert sich die gelernte Industriekauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin. Der Tagesablauf war ganz anders. Alles fing später an und ging oft bis tief in die Nacht. Flexibilität war gefragt. Sieben Jahre arbeitete Wolff in München. Zuvor war sie dienstlich auch in den USA unterwegs.

Mit der Flexibilität war es plötzlich vorbei, als die Northeimerin schwanger wurde. Von einem Tag auf den anderen war ich abgeschrieben, erinnert sich die 39-Jährige alleinerziehende Mutter.

Heute genießt die Unternehmerin ihre beruflichen Freiheiten: Kein Mann kann mir mehr sagen, ,nur weil du Kinder hast, kannst du weniger leisten , sagt sie. Ihre Zwillinge gehen mittlerweile in die erste Klasse. An Nachmittagen und Wochenenden brauchen sie viel Zuwendung. Diese Zeit ist für mich Luxus.

In der Woche sieht es anders aus: Zwischen vier und fünf Uhr steht Wolff auf und beschäftigt sich bis halb sieben mit der Buchhaltung. Bis um acht Uhr bin ich dann Mutter, schmunzelt die Northeimerin. Danach geht sie in den Laden, bevor sich die Unternehmerin am Nachmittag und Abend wieder ihrem Nachwuchs widmet.

Die Branche stärken

In den vergangenen Jahren hat Wolff gelernt, Arbeiten zu delegieren. In die Chef-Position bin ich hereingewachsen. Ihr Vater ist in der Produktion noch voll dabei. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie den betriebseigenen Party-Service aufgebaut. Im kommenden Jahr steht die Betriebsübernahme an.

Ob sie Angst davor hat? Noch nicht! Die erforderlichen Strukturen seien vorhanden. Die einzige Sorge: der Fachkräftemangel. Hier in der Region fehlt einfach der Nachwuchs. Das liegt an dem schlechten Ruf, den der Beruf des Fleischers hat. Dem will die Fleischermeisterin entschlossen entgegentreten. Ich lege nicht die Hände in den Schoß und jammere, betont sie. Daher will sie in diesen Sommer erstmalig selbst ausbilden. Dass der Lehrling nach der Prüfung im Betrieb bleibt wünscht sie sich schon, ist aber nicht entscheidend. Wichtig für Wolff: Die Branche stärken.

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