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Arbeitgeber vor Gericht?

„Da muss man kalt sein wie eine Schlange“

Wissen Sie eigentlich, was in einem Rechtsstreit auf Sie zukommt? Prozesse sind eine hoch emotionale Sache. Hoffentlich brennt Ihnen dann keine Sicherung durch.

Eigentlich sollte es in einem Rechtsstreit um die Sache gehen. Doch die Praxis sieht ganz anders aus, weiß Christoph Hensel: „Die meisten stehen schon unter Dampf, wenn sie den Gerichtssaal betreten – und dann wird alles noch viel schlimmer.“

Hensel beobachtet das seit 20 Jahren. Der Elektromeister ist nicht nur Chef eines Handwerksbetriebs in Berlin, sondern auch ehrenamtlicher Arbeitsrichter.

Prozesse scheinen ziemlich an den Nerven zu zehren. Woran liegt das, Herr Hensel?
Christoph Hensel: Meistens geht es ja um Kündigungsschutzklagen. So eine Kündigung ist nun einmal eine emotionale Sache. Das nehmen beide Seiten persönlich. In kleinen Betrieben haben die Leute meistens lange eng zusammengearbeitet. Da hat es Höhen und Tiefen gegeben. Vor einer Kündigung haben sich meistens viele kleine Vorfälle aufsummiert.

Dann kommt noch eine Kleinigkeit dazu und der Chef sagt sich: „Jetzt ist das Fass voll.“ Der Arbeitnehmer empfindet die Kündigung als persönlichen Angriff und klagt. Und der Arbeitgeber denkt sich: „Den habe ich rausgeschmissen, weil er so viel Sch… gebaut hat, und jetzt will er mir auch noch das letzte Geld aus der Tasche ziehen.“

Großes Problem: Die Vorgeschichte will keiner hören!

Die Vorgeschichte will keiner hören!

Gerichte müssen sachlich entscheiden. Kommt man in so einer Atmosphäre nicht automatisch wieder runter?
Hensel: So einfach ist das nicht. Oft wird den Parteien vor Gericht erst richtig bewusst, was alles vorher passiert ist. Wie oft man sich gegenseitig verletzt hat. Da kommen Sachen hoch, die teilweise jahrelang verdrängt wurden. Diese Vorgeschichte wollen die Parteien natürlich darlegen – und müssen feststellen, dass das meistens nicht gerichtsrelevant ist. Dann kochen die Emotionen noch mehr hoch, weil diese Vorgeschichte aus Sicht der Streitparteien natürlich wichtig ist.

Wieso ist die Vorgeschichte nicht gerichtsrelevant?
Hensel: Relevant ist nur, was beide Seiten beweisen können. Das ist in Arbeitsgerichtsprozessen oft ein Problem. Diese Vorgeschichte, die vielen kleinen Vorfälle, hätte man schriftlich festhalten müssen. Wenn der Chef den Mitarbeiter seit Jahren beleidigt, hätte der Mitarbeiter den Chef in einem Brief mal auffordern müssen, das zu unterlassen. Aber wenn das nicht passiert ist, spielt diese Vorgeschichte vor Gericht keine Rolle. Umgekehrt ist es ja genauso: Wenn der Mitarbeiter dauernd zu spät gekommen ist, aber nie abgemahnt wurde, dann ist das für das Urteil auch nicht relevant.

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Wenn Emotionen im Gerichtssaal teuer werden

So ein paar Emotionen sind doch nicht schlecht: Wer auch mal Dampf ablässt, lebt länger.
Hensel: Emotionen bringen vor Gericht nichts. Wenn man so unter Adrenalin steht, dann kann man nicht mehr klar denken. Man muss sich richtig vorbereiten auf so einen Prozess und dabei kalt sein wie eine Schlange. Sonst macht man sich zum Nappel.

Das ist doch schnell wieder vergessen ...
Hensel: Aber es kann auch richtig teuer werden. Arbeitsrichter versuchen fast immer, einen Vergleich herbeizuführen. Da muss man rational entscheiden können: Was kostet mich der Vergleich? Wie groß ist das Risiko, zu verlieren und wie teuer würde das? Ich habe schon oft erlebt, dass Arbeitgeber aus dem Bauch heraus einen Vergleich abgelehnt haben, verurteilt wurden und am Ende sehr viel mehr zahlen mussten.

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Warnung vor dem eigenen Anwalt!

Wäre es nicht Sache des Anwalts, seinen Mandanten in so einer Situation runterzuholen und entsprechend zu beraten?
Hensel: Arbeitgeber treten viel zu oft mit ihrem Haus- und Hof-Anwalt an. Der hat von Arbeitsrecht keine Ahnung, ist nicht richtig vorbereitet und dann geht es eben schief. Wir sehen das zwar, aber als Richter können wir dazu nichts sagen – auch wenn es die Mandanten selbst nicht merken. Darum rate ich Kollegen privat immer dazu, sich einen Fachanwalt zu suchen.

Das klingt alles sehr erfahren und abgeklärt. Standen Sie selbst schon vor Gericht?
Hensel: Ja, das Adrenalin geht da schon hoch, das ist klar. Wenn man vor Gericht steht, dann weiß man nicht, wie die Richter drauf sind, wie sich die Gegenseite verhält, die Anwälte … Und natürlich wird da gelogen – vor allem, wenn man nichts Schriftliches vorlegen kann als Beweis. Da sind mir auch schon die Emotionen durchgegangen, da hab ich schon Lehrgeld bezahlt.


(jw

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