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Die Qual nach der Wahl

Zwischen Jubel und Jammer: Die handwerk.com-Redaktion hat die Handwerksmeister unter den aussichtsreichen Bundestagskandidaten durch die Wahlnacht begleitet.

Zwischen Jubel und Jammer: Die handwerk.com-Redaktion hat die Handwerksmeister unter den aussichtsreichen Bundestagskandidaten durch die Wahlnacht begleitet.

19.23 Uhr. Der niedersächsische Glasermeister und CDU-Kandidat Eckhard Pols zwischen Hoffen und Bangen: "Rufen Sie mich bitte um kurz nach acht an, dann weiß ich mehr."

19.28 Uhr. Der Bündnis 90/Die Grünen-Kandidat Klaus Möhle ist sich sicher: "Ich werde kein Mandat erhalten. Dass Platz 2 der Landesliste in Bremen nicht reichen würde, hatte der Unternehmer und Spezialist für Altbausanierung erwartet.

19.39 Uhr. Eigentlich war Manfred Todtenhausen chancenlos, die nordrhein-westfälische FDP hatte den Wuppertaler Elektrotechnikermeister lediglich auf Listenplatz 22 gewählt. Nach der ersten Hochrechnung glaubt er wieder an Wunder: "Wenn wir die 15 Prozent knacken, könnte es passen." Todtenhausen ist gerade auf dem Weg zu einem Interview im WDR-Fernsehen und sichtlich nervös: "Vielleicht muss ich ja doch noch das Köfferchen für Berlin packen."

19.40 Uhr. "Wir feiern zwar unser Ergebnis, zittern aber noch um unser zweites Mandat", sagt Mario Bender von den Saarland-Linken. Dass er es auf Listenplatz 4 nicht in den Bundestag schaffen würde, war dem Bauunternehmer klar.

20.08 Uhr. Glasermeister Eckhard Pols hat es nach einer langen "Zitterpartie" geschafft, er wird zu den neuen Abgeordneten des Deutschen Bundestages gehören. Jetzt ist Pols voller Tatendrang. "Als Chef eines ,klassischen' Handwerksbetriebes mit fünf Mitarbeitern geht es mir vor allem um steuerliche Themen. Die Kalte Progression muss beendet und die Mehrwertsteuer neu diskutiert werden."

20.17 Uhr. Listenplatz 2 der FDP in Mecklenburg-Vorpommern. Der Maurer- und Betonbauermeister und Bauunternehmer Hagen Reinhold hatte sich eine "kleine Chance" ausgerechnet. "Das Bundesergebnis ist toll, aber es hat wohl nicht gereicht für mich."

20.20 Uhr. "Ja, ich habe den Wiedereinzug geschafft", sagt der sächsische Elektrohandwerksmeister und CDU-Politiker, Klaus Peter Brähmig. Entgegen des bundesweiten Trends liege er sogar fünf Prozent über dem Ergebnis der vorigen Bundestagswahl. Sein Erfolgsrezept: "Ich habe den Menschen nichts versprochen und ihnen von Anfang an reinen Wein eingegossen."

20.31 Uhr. Von der Wahlparty in Desden auf dem Weg zur Wahlparty in Berlin: Der sächsische Elektrohandwerksmeister Heinz-Peter Haustein verkündet seinen Wahlsieg am Autotelefon: "Ich bin sicher wieder drin." Und seiner Stimme ist anzuhören, wie der FDP-Politker auf die erste Prognose und die erste Hochrechnung des Wahlabends reagiert hat: "Jubelnd, minutenlang." Für das Handwerk habe er gleich mitgejubelt, sagt Haustein. Warum? "Weil ich selber Handwerker bin und weiß, wo es brennt. Und weil ich weiß, wo wir ansetzen können." Hausteins Versprechen: "Wir werden die Unternehmenssteuer grundlegend reformieren das wird wirklich höchste Zeit, die Betriebe müssen endlich entlastet werden."

21.05 Uhr. Der Bäckermeister Jörg von Polheim hat für den Oberbergischen Kreis in Nordrhein-Westfalen kandidiert. Sein Platz in der Landesliste der nordrhein-westfälischen FDP: 21, exakt vor Todtenhausen. "Es steht Spitz auf Knopf", sagt von Polheim. Dass der Landeswahlleiter wahrscheinlich erst um zwei Uhr in der Nacht verkünden wird, ob's für ihn gereicht hat, stört ihn nicht sonderlich. "Wach bin ich dann sowieso, mein Wecker schreit mich wie jede Nacht halbzwei an. Ich werde in der Backstube stehen, rufen Sie dann ruhig noch einmal an."

21.12 Uhr. Der Müllermeister und CSU-Politiker Michael Glos verbringt den Wahlabend in einer Gaststätte in Schweinfurt: "Nein noch kenne ich das genaue Ergebnis nicht. Aber ich bin sicher drin." Michael Glos strahlt am Telefon Ruhe aus. Kein Wunder, immerhin zieht der Bundeswirtschaftsminister a.D. bereits zum zehnten Mal in den Deutschen Bundestag ein. Das vergleichsweise schlechte Abschneiden "seiner" CSU in Bayern ist für Glos eine "herbe Enttäuschung".

21.20 Uhr. Im Saarland ist noch lange nicht klar, ob es für den Maler- und Stuckateurmeister Alexander Schirrah gereicht hat. "Die Linke ist hier traditionell sehr stark. Es sieht so aus, als hätten die den Oskar gewonnen", sagt der SPD-Kandidat mit einem Augenzwinkern.

21.23 Uhr.Der Bäckermeister und CSU-Politiker Ernst Hinsken hat den Wiedereinstieg geschafft. Er sichert sich trotz eines Verlustes von 12,6 Prozent der Erststimmen eines der besten Unions-Ergebnisse überhaupt: 55,4 Prozent der Wähler im Wahlkreis Straubingen haben ihn gewählt.

21.35 Uhr. "Jetzt geht es meinen Nerven wieder gut", sagt Lena Strothmann. Die Damenschneidermeisterin und Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld hat an diesem Abend eine lange Zitterpartie hinter sich. Listenplatz 15, noch dazu in einer roten Hochburg keine ganz leichte Ausgangslage für die CDU-Politikerin. Doch das Bangen hat sich für Strothmann gelohnt. "Ich kann es noch gar nicht fassen", platzt es aus ihr heraus als um kurz nach neun endgültig feststeht, dass sie seit 1983 das erste Direktmandat für die CDU in Bielefeld holt. Was hat sie in der zurückliegenden Legislaturperiode für das Handwerk erreicht? Die Absetzbarkeit von Handwerkerrechnungen, das Konjunkturpaket war auch positiv für die Betriebe viel mehr war in der großen Koalition nicht drin." Unter schwarz-gelb soll das anders werden.

21.51 Uhr. "Ja, für mich reichts. Der Listenplatz 4 ist in Brandenburg eine ziemlich sichere Sache", sagt der Elektrohandwerksmeister Jens Koeppen. Der Unternehmer und CDU-Politiker setzt auf funktionierende Netzwerke: "Ich will stärker auf den ZDH und die Kammern zugehen." Seine Forderung: Die Interessenvertretung sollte nicht nur den Kontakt zur Ministerebene suchen, sondern auch aktiv die Handwerksmeister unter den Parlamentarien ins Boot holen. Einen neuen Anlauf will Koeppen für die Einführung eines reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Handwerksleistungen unternehmen. Die Chancen dafür stehen nach seiner Einschätzung nicht schlecht schließlich wolle die neue Bundesregierung die Wirtschaftskrise vor allem durch Wachstum überwinden.

22.30 Uhr. Auf der Rückfahrt von einem Interview mit regionalen Medien in seinem Wahlkreis sagt Ernst Hinsken: "Ich freue mich vor allem über die Koalition von Union und FDP." Nach der Wahl will er sich dafür stark machen, dass die "Staatsfinanzen wieder in Ordnung gebracht werden". Dass auch im neuen Bundestag die Zahl der Handwerker im Bundestag überschaubar sein wird, wundert den CSU-Politiker nicht. "Handwerker sehen nun einmal zuerst zu, dass es ihrem Betrieb gut geht. Politik von innen heraus zu gestalten, da stecken viele Kollegen lieber zurück."

22.35 Uhr. Die letzte SPD-Hoffnung unter den Handwerksmeistern hat das Nachsehen. Malermeister Alexander Schirrah: "Wir haben hier alle vier Direktmandate verloren. Mensch, ist das ärgerlich."

2.05 Uhr. Bäckermeister von Polheim hat sich zur Sekunde informiert: "Das Ergebnis steht immer noch nicht fest, die Warterei macht einen kirre." Die FDP liegt in Nordrhein-Westfalen bei 14,9 Prozent. "Mein Mandat steht exakt auf der Kippe."

4.20 Uhr. Es hat nicht gereicht: Jörg von Polheim (Listenplatz 21) und Manfred Todtenhausen (Listenplatz 22) haben den Einzug in den Bundestag denkbar knapp verpasst. Platz 20 in Nordrhein-Westfalen ist drin. "Mit etwas Glück könnte ich ich noch nachrücken. Falls einer der Plätze vor mir Staatssekretär wird, müsste der sein Mandat aufgeben", sagt von Polheim. Bis dahin heiße es: "Brötchen backen."

Übrigens: Dass ihn die Redaktion nach den ersten 100 Tagen der schwarz-gelben Koalition wieder anrufen will, um zu hinterfragen, was er und seine Parteikollegen bis dahin erreicht haben, quittiert FDP-Politiker Heinz-Peter Haustein mit einem Lachen: "Gerne. Kommen Sie doch einfach nach Berlin dann können wir uns gleich mit den anderen Handwerksmeistern im Bundestag treffen." Abgemacht.

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