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Ausbildung

Nicht gleich das Handtuch werfen

Seit zehn Jahren steigt die Zahl der Ausbildungsabbrecher. Zwei Projekte setzen nun auf Vorsorge und Krisenvermittlung.

Seit zehn Jahren steigt die Zahl der Ausbildungsabbrecher. Zwei Projekte setzen nun auf Vorsorge und Krisenvermittlung.

Immer wieder kommt es zwischen Torben Biallas und seinem Chef zum Krach. Der 20-jährige Metallbauer-Azubi klagt, sein Chef beschimpfe ihn. Der wiederum hält Biallas für nicht ausbildungsfähig und wäre seinen Azubi am liebsten los. Auch Biallas möchte seine Lehre am liebsten hinschmeißen.

Ein derartiger Konflikt ist kein Einzelfall. Inzwischen wird jeder vierte Ausbildungsvertrag in Deutschland vorzeitig gelöst, errechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Besonders betroffen ist das Handwerk: Laut IW wurden hier 33,6 Prozent aller im Jahr 2001 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, das Handwerk selbst geht von einer Abbrecherquote von zehn Prozent aus. Meist sind es die Jugendlichen, von denen der Wunsch nach einer Vertragslösung ausgeht, die meisten begründen dies mit Konflikten mit ihren Ausbildern.

"So ein Abbruch ist ein Drama für alle Beteiligten", weiß Anne Grotrian, Mitarbeitern des Projekts "Ausbildung - bleib dran"in Bremen. "Er kostet die Betriebe Zeit und Geld. Und beide Seiten haben das Gefühl des Scheiterns." Viele, vor allem die kleinen Betriebe, zögen sich aufgrund der schlechten Erfahrung ganz aus der Ausbildung zurück. Ihre Stellen fehlen künftig auf dem sowieso schon engen Lehrstellenmarkt.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, hat sich vor drei Jahren das Projekt "Bleib dran" gegründet. Die Einrichtung der Akademie für Arbeit und Politik der Universität Bremen unterstützt als Vermittlungs- und Beratungsstelle Betroffene dabei, eine Lösung für verfahrene Ausbildungssituationen zu finden. 85 Prozent aller Fälle, in denen die drei "Bleib dran"-Mitarbeiter eingeschaltet werden, stammen aus dem Handwerk. Sie arbeiten eng mit Innungen, Fachverbänden und Berufsschulen zusammen.

"Bei vielen Abbrüchen hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass sie zu vermeiden gewesen wären", sagt Anne Grotrian. Daher sei den "Bleib dran"-Mitarbeitern der Bereich der Vorsorge mindestens ebenso wichtig wie die Vermittlung in Krisen: "Die vielen Vertragsauflösungen in der Probezeit gehen zu einem erheblichen Teil auf unerfüllte Erwartungen zurück - auf beiden Seiten." Daher sei die Auswahl der Bewerber von entscheidender Bedeutung: "So können zum Beispiel Praktika unter realen Bedingungen schon im Vorfeld viel Zoff vermeiden."

Das Handwerk in Nordrhein-Westfalen will mit dem Projekt "Ziellauf" ebenfalls verhindern, dass Azubis vorzeitig das Handtuch werfen. "Der Umgang mit den Auszubildenden wird für die Betriebe immer schwieiriger", hat Peter Maaser beobachtet, "Ziellauf"-Mitarbeiter und Ausbildungscoach der Handwerkskammer Düsseldorf. So seien heutige Auszubildende im Durchschnitt älter als früher. Ein 20-Jähriger habe ein anderes Selbstverständnis und stelle ganz andere Ansprüche als ein 16-Jähriger, betont Maaser: "In seiner Rolle als Auszubildender empfindet er sich plötzlich wieder als das schwächste Glied in der Kette, hinzu kommt die relativ niedrige Ausbildungsvergütung. Das führt leicht zu Unzufriedenheit."

Er rät allen Betriebsinhabern, auf entsprechende Signale zu achten: "Wenn der Lehrling immer wieder verschläft und auch sonst unpünktlich ist, sich oft krank meldet und überhaupt einen genervten Eindruck macht, können das Zeichen einer sich anbahnenden Verweigerungshaltung sein." Um so wichtiger sei, dass Chef und Auszubildender regelmäßig miteinander redeten. "Man wundert sich oft, wie wenig beide Seiten voneinander wissen, da klaffen riesige Kommunikationslücken", hat Maaser beoachtet.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid zufolge setzen nur fünf Prozent aller Abbrecher ihre Ausbildung nach einiger Zeit im einmal begonnenen Beruf fort. Mehr als jeder vierte wechselte den Beruf. Mit ihnen gehen dem Handwerk viele potenzielle Fachkräfte verloren. Auch Azubi Torben Biallas hat lediglich seinen Eltern zuliebe die Lehre als Metallbauer begonnen, stellte sich im Beratungsgespräch mit dem Bremer "Bleib dran"-Team heraus. Torbens Traum war ein Job in der Landwirtschaft.Nun besucht er das Berufsgrundbildungsjahr in dieser Branche.

Weitere Informationen:

www.bleibdran.uni-bremen.de

Kontakt "Ziellauf": Handwerkskammer Düsseldorf, Peter Maaser, Telefon (02 11) 87 95-625, E-Mail: Maaser@hwk-duesseldorf.de

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