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Inhaltsverzeichnis

Förderung für die Ausbildung

Ausbildung: Darf‘s auch ein bisschen älter sein?

Ausbildungsplätze im Handwerk sind nicht immer leicht zu besetzen. Betriebe öffnen sich daher neuen Wegen: Erwachsene ohne Berufsausbildung werden per Umschulung noch zur Fachkraft. Förderprogramme der Arbeitsagenturen unterstützen dabei.

Auf einen Blick

  • Um Fachkräfte im Handwerk auszubilden, können auch Erwachsene eingestellt werden.
  • Für die Qualifizierung von Helfern und die Umschulung erwachsener Arbeitsloser gibt es Unterstützung von den Arbeitsagenturen.
  • Betriebe können von der Lebenserfahrung der „alten Azubis“ profitieren. Sie sind meist sehr motiviert und bleiben im Beruf.

Nicht jeder Handwerksbetrieb schafft es, seine Ausbildungsplätze zu besetzen. Zu wenig Bewerbungen, die Qualifikation der Jugendlichen reicht nicht für den Beruf – Gründe gibt es viele, warum Stellen offen bleiben. Um trotzdem an selbst ausgebildete Fachkräfte zu kommen, gehen Unternehmen neue Wege: Sie öffnen sich für ältere Bewerber ab 25 Jahren, die noch keinen Berufsabschluss haben. Unterstützung gibt es von der Handwerkskammern und den Arbeitsagenturen.

Wie gibt man Älteren eine Chance?

„Ich kann die Ausbildung von Erwachsenen nur empfehlen“, sagt Thomas Abeln. Der Geschäftsführer von Elektro Tasko in Wüsting bei Oldenburg bildet seit 25 Jahren Lehrlinge zu Elektroinstallateuren aus. Sechs Auszubildende beschäftigt Abeln in seinem Betrieb, und auch er kämpft mit der Schwierigkeit, alle Lehrstellen zu besetzen. „Im vergangenen Jahr hatten wir nur eine Bewerbung“, berichtet er. Auch deshalb gibt er älteren Bewerbern ein Chance.

Und er ist nicht der Einzige: Von den 7.800 eingetragenen Ausbildungsverhältnissen im Bereich der Handwerkskammer Oldenburg sind derzeit 370 junge Menschen älter als 27 Jahre. „Bei ihnen handelt es sich entweder um ungelernte Mitarbeiter eines Betriebes, die sich nach mehreren Jahren Berufserfahrung zur Fachkraft qualifizieren möchten, oder um arbeitslose Erwachsene, die mit einer Berufsausbildung einen Neustart wagen“, erläutert Wolfgang Jöhnk, Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer Oldenburg

Unterstützung von den Arbeitsagenturen

Rat und Hilfe gibt es bei den Arbeitsagenturen. „Wenn ein Betrieb jemanden ausbilden will, der bereits als Geringqualifizierter beschäftigt ist, erarbeiten wir gemeinsam, wo die Potenziale liegen“, erklärt Matthias Jantos, Qualifizierungsberater im gemeinsamen Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven und des Jobcenters Oldenburg. „Reicht es, wenn jemand zum Beispiel ein neues Schweißverfahren lernt, kommt also eine Weiterbildung in Frage?“ Oder müsse mehr getan werden? Dann sei die Frage: „Wie kriegen wir es hin, dass er einen Berufsabschluss in dem Unternehmen macht?“ Das könne im Rahmen einer Umschulung stattfinden.

Finanzielle Förderung ist möglich

Über das Projekt "Wegebau" (Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen), das seit 2006 existiert, übernehmen die Arbeitsagenturen Lehrgangskosten und einen Teil der Fahrtkosten für Pendelfahrten. Der Betrieb kann zudem einen Zuschuss zu den Lohnkosten erhalten. Der Arbeitsvertrag zwischen Handwerker und Beschäftigten bleibt bestehen, denn die Umschulung findet in der normalen Arbeitszeit statt. Die Agenturen zahlen zudem eine Weiterbildungsprämie an die Umschüler: 1.000 Euro für eine erfolgreiche Zwischenprüfung, 1.500 Euro für einen Abschluss.

Etwas anders sind die Bedingungen, wenn der Betrieb einem Arbeitslosen eine Umschulung anbietet, der älter als 25 Jahre ist. „In diesem Fall bekommt der Umschüler sein Arbeitslosengeld weiter, das sind 60 Prozent des letzten Netto-Lohns und 67 Prozent, wenn er oder sie Kinder hat“, erklärt Jantos. „Wir legen aber dem Arbeitsgeber nahe, seinem Umschüler einen Zuschuss von monatlich 400 Euro zu zahlen. So kann der Umschüler die finanziell schwierige Phase besser überbrücken.“

Zwei Wege zum gleichen Ziel also – qualifizierte Fachkräfte. „Wir raten den Arbeitgebern meist, arbeitslose Bewerber erst einmal im eigenen Betrieb kennenzulernen, sei es in einem Praktikum oder über eine Beschäftigung als Helfer“, sagt Jantos.

Vorteile für die Betriebe

Für die Betriebe ist der Abschluss von Berufsausbildungsverträgen mit der Gruppe der über 25-Jährigen durchaus sinnvoll. „Ältere haben bereits Berufserfahrungen gesammelt, sie verfolgen ihre Berufsziele stringenter als Azubis, die direkt von der Schule kommen“, betont Wolfgang Jöhnk. Auch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen nach der Ausbildung im Betrieb bleiben, sehr viel höher als bei jüngeren Auszubildenden. Bei der Akquise von Fachkräften sind die über 25-Jährigen ein wichtiger Personenkreis. Er wirbt dafür, auch Erwachsenen eine Chance zu geben: „Nicht bei jedem verläuft die Jugendzeit reibungslos. Viele nutzen dann aber ihre zweite Chance.“

Auch Jantos sieht Positives für die Betriebe: „Mit Ende 20 treten Mitarbeiter anders auf als Schulabgänger. Und die Anforderungen an Handwerker im Umgang mit Kunden sind gestiegen. Da braucht es schon etwas Selbstbewusstsein und Einfühlungsvermögen.“

Gute Erfahrungen hat auch Thomas Abeln gemacht, der schon Helfer weiterqualifiziert, arbeitslose junge Leute als Azubis eingestellt oder Mitarbeiter von Leiharbeitsfirmen übernommen hat. „Die Älteren fehlen weniger, sie stehen mehr im Leben und wissen, worum es geht“, sagt er. Viele von ihnen blieben im Beruf, machten sogar noch ihren Meister, anstatt die Ausbildung als Sprungbrett für ein Studium zu betrachten.

Neue Rollen für Arbeitgeber und Beschäftigte

Doch es gibt auch Herausforderungen: „Die Rollen im Betrieb verändern sich“, sagt Matthias Jantos. „Eben waren die Helfer noch ,einer von den Jungs‘, jetzt sind sie der Azubi und müssen sich mehr sagen lassen.“ In der Berufsschule sitzen sie mit Jugendlichen zusammen, die oft viele Jahre jünger sind. Manche müssen auch das Lernen wieder lernen. „Auch bei schulischen Problemen kann die Arbeitsagentur unterstützen“, betont Jantos. „Wenn es nötig ist, bezahlen wir Nachhilfe bei einem Bildungsträger.“ Allerdings müsse sich auch der Arbeitgeber darauf einstellen, dass sein Mitarbeiter nicht mehr Helfer, sondern Azubi ist. „Wenn die neuen Rollen nicht angenommen werden, klappt es nicht.“

Doch letztlich sei die Zusammenarbeit mit den Älteren eine große Chance: „Die Verbleibsquoten von Absolventen sind hoch“, betont Jantos. Und dem Betrieb bleibt ein Mitarbeiter, der sich seinem Unternehmen verbunden fühlt, weil ihm eine Chance geben wurde.

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