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Fachkräftegewinnung mal anders

Suche Azubi, biete Wohnung

Kein Dienstwagen, keine Kreuzfahrt, dafür eine Wohnung unweit des Ausbildungsbetriebs: Ein Projekt in Norddeutschland zeigt, auf welche Ideen Betriebe bei der Azubisuche kommen.

Auf einen Blick:

  • Ein Betrieb in Niedersachsen lässt Wohnungen für Azubis bauen, damit sie im Ort der Ausbildungsstätte wohnen können. Anfragen von interessierten Betrieben gibt es schon, im Sommer soll der Bau eröffnet werden.

  • Ob sich das Objekt aus den Mieteinnahmen refinanziert, ist dabei zweitrangig.

  • Im Mittelpunkt steht für die Bauherren die Zukunft junger Menschen und die Wirtschaft in der Region – ein Vorzeigeprojekt.

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von Martina Jahn

Weil Friesoythe mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen ist, entscheiden sich potenzielle Azubis im Handwerk oft gegen eine Lehrstelle in der Region. „Aus Garrel beispielsweise fährt ein Bus, der um 11 Uhr hier ist. Aber auf dem Bau ist dann der halbe Arbeitstag schon vorbei“, berichtet Ute Sperveslage, Prokuristin bei der Kühling GmbH, einem namhaften Metallbaubetrieb in der Region.

Wohnungen für Azubis nicht bezahlbar

Aktuell herrsche zwar in Friesoythe viel Wohnungsleerstand, aber die freien Wohnungen seien zu groß und zu teuer für angehende Azubis, betont Sperveslage. Doch das war nicht der einzige Anlass für sie, nach Alternativen zu suchen. Eine Auszubildende des Betriebs kommt aus Namibia und hatte zu Ausbildungsbeginn zunächst keine Bleibe. Eine Übergangslösung hat der Arbeitgeber mit ihr gemeinsam finden können. Aber die Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum für junge Menschen in Ausbildung sei auch von anderen Unternehmen da gewesen, berichtet Ute Sperveslage.

Deshalb hat sie beschlossen, ein altes Haus im Ort zu sanieren und auszubauen. Gemeinsam mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Kühling Stahl- und Metallbau GmbH, Heinrich Kühling, hat sie das Projekt umgesetzt. Ab diesem Sommer öffnet in Friesoythe ein „Quartier für Berufseinsteiger“ mit 13 Apartments und einer behindertengerechten Wohnung. Vermietet werden die Wohnungen über eine eigens dafür gegründete GbR.

Betriebe bekunden ihr Interesse

Das Interesse anderer Handwerksbetriebe an Wohnraum für Azubis haben die Bauherren vor dem Baustart über die Architektin abfragen lassen. „Der Bedarf war da“, erinnert sich Sperveslage. Grundlage für die Vermietung ist ein unterschriebener Vertrag für eine Ausbildung oder ein Langzeitpraktikum in einem ortsansässigen Betrieb. Auch frisch ausgelernte Gesellen haben die Möglichkeit, ein Apartment zu mieten.

Ute Sperveslage ist davon überzeugt, dass sie die Wohnungen schnell vermieten wird. Ob sich das Vorhaben rentiert, ist dabei zweitrangig. Und es ist der gelernten Handwerkerin auch nicht so wichtig: „Wir haben den Bau bezahlt und es wird dauern, bis die Kosten wieder reinkommen. Für uns zählt, dass wir etwas zum Allgemeinwohl beitragen und uns für unsere Azubis einsetzen“, betont sie.

Initiative als Vorzeigeprojekt in der Boomregion

Auch Michael Hoffschroer weiß das Projekt und den Einsatz der Bauherren zu schätzen. Der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg betont, dass in der Region um Friesoythe die Nachfrage nach handwerklichen Leistungen sehr hoch sei. Dementsprechend steige auch die Suche nach Azubis in den Handwerksbetrieben.

Vor Ort gebe es immer weniger Bewerber. Der Radius, in dem Betriebe ihren handwerklichen Nachwuchs suchen, werde immer größer. Dabei sei die Mobilität in vielen Fällen das größte Hindernis für einen Ausbildungsplatz, betont Hoffschroer.

Deshalb begrüßt und unterstützt er Projekte wie das Wohnquartier. Die Kreishandwerkerschaft habe sich das Thema Fach- und Führungskräftesicherung auf die Fahnen geschrieben und hilft ihren Betrieben bei der systematischen Personalarbeit. Hoffschroer betont, dass Betriebe viel tun könnten, um ihren potenziellen Azubis entgegenzukommen. Kreative Ideen, abgestimmt auf die individuelle Situation, seien gefragt.

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