Stellschraube Heizungsoptimierung. Heizungscheck und hydraulischer Abgleich werden bundesweit zur Pflicht.
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Stellschraube Heizungsoptimierung. Heizungscheck und hydraulischer Abgleich werden bundesweit zur Pflicht.

Energiekosten

Energiesparverordnung: „Daran wird es scheitern“

Eine Verordnung soll viele Betriebe zwingen, ihre Gasanlagen ab Oktober zu optimieren. Gelingt das? Diese Kollegen sind skeptisch!

  • Mit zwei Verordnungen hat die Bundesregierung zum Energiesparen aufgerufen. 
  • Während die erste vor allem Verhaltensänderungen vorsah, schreibt die zweite konkrete technische Optimierungen vor.
  • Der Umsetzungszeitraum beträgt insgesamt nur zwei Jahre, für manche Pflichten ein Jahr. Zwei Handwerker sind skeptisch, dass das gelingen kann. Aus drei Gründen. 

Die Energiepolitik der Bundesregierung verfolgt zurzeit vor allem ein Ziel: die Abhängigkeit von russischen Importen so schnell wie möglich zu reduzieren. Dazu sollen zwei Energiesparverordnungen beitragen, die das Bundeskabinett Ende August verabschiedet hat. Eine davon greift seit 1. September: Die „Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung durch kurzfristig wirksame Maßnahmen“ (EnSikuMaV, siehe Kasten) schafft vor allem Pflichten und Möglichkeiten, um ohne große Vorbereitung Energie einzusparen. (Wir berichteten im Artikel Gilt ab sofort: Neue Pflichten zum Energiesparen)

Mehr Effizienz durch technische Optimierungen

Die zweite Verordnung soll am 1. Oktober 2022 in Kraft treten und für zwei Jahre gelten.  Sie benötigt allerdings noch die Zustimmung des Bundesrats. Ihr Name: „Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung durch mittelfristig wirksame Maßnahmen“. Die Verordnung soll die Energieeffizienz in öffentlichen, privaten und Firmengebäuden erhöhen. Das sieht sie vor:

Pflicht zu Heizungsprüfung und -optimierung: Alle Eigentümer von Gebäuden mit Gasheizungen müssen in den nächsten zwei Jahren einen Heizungscheck durchführen.

Verpflichtender hydraulischer Abgleich: Eigentümer von Wohngebäuden ab sechs Wohnungen sowie von Nichtwohngebäuden ab 1000 Quadratmeter müssen einen hydraulischen Abgleich vornehmen, wenn ihr Gebäude eine zentrale Wärmeversorgung auf Erdgasbasis hat. Umsetzungsfrist ist der 30. September 2023. Nur Wohngebäude unter zehn Wohneinheiten haben bis zum der 15. September 2024 Zeit.

Einsparungen in Großunternehmen: Große Unternehmen mit einem Energieverbrauch von mehr als 10 Gigawattstunden sollen wirtschaftliche Energieeffizienzmaßnahmen umzusetzen, die sich schnell rentieren. Als Großunternehmen gelten Betriebe ab 250 Mitarbeitern mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro oder mit einer Jahresbilanzsumme von mehr als 43 Millionen Euro, die zur Durchführung von Energieaudits verpflichtet sind oder diese Pflicht durch Energie- oder Umweltmanagementsysteme erfüllen.

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Skepsis im Handwerk: zu wenig Fachkräfte, Material und Zeit

Gefragt ist bei der Umsetzung dieser Maßnahmen innerhalb von zwei Jahren allen voran das SHK-Handwerk. Wie realistisch ist die Realisierung einzuschätzen? Reiner Möhle ist Präsident der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und selbst Inhaber eines Osnabrücker Sanitär-, Heizungs- und Klimabetriebs. Er hat dazu eine eindeutige Meinung: „Unsere Betriebe hatten schon vor der Gaskrise sprichwörtlich alle Hände voll zu tun, daher sehe ich die zeitliche Umsetzung der Verordnungen skeptisch.“

Als Gründe dieser Einschätzung nennt Möhle folgende Punkte:

  • Das aktuell große Auftragsvolumen aufgrund hoher Modernisierungsnachfrage im öffentlichen und privaten Sektor.
  • Die Lieferengpässe bei Materialien, insbesondere komplexen Heizungssystemen und deren Einzelteilen.
  • Das in der nötigen Größenordnung nur bedingt verfügbare Fachpersonal.

Kai Schaupmann, SHK-Unternehmer und Innungsobermeister aus Osnabrück bestätigt diese Einschätzung. Für den hydraulischen Abgleich müssten SHK-Betriebe allein in seinem Kammerbezirk zigtausende Thermostatventile innerhalb der Fristen tauschen. Letztlich würde das Vorhaben an der Verfügbarkeit von Bauteilen scheitern, fürchtet er.

Neue Bildungsförderung und mehr Wertschätzung gefordert

Damit wenigstens in Zukunft ausreichend Fachpersonal für die Umsetzung der Energie- und Klimaziele vorhanden ist, sei die Politik jetzt unbedingt zum Handeln aufgerufen, mahnt  Reiner Möhle: „Wir brauchen für die duale Berufsausbildung eine völlig veränderte Bildungsförderstruktur, von der bislang hauptsächlich Universitäten und Fachhochschulen profitierten und nicht unsere handwerklichen Bildungszentren.“

Das Handwerk müsse als „äußerst relevanter und enorm effektiver“ Sektor für Modernisierung, Aus- und Umbau der kompletten Infrastruktur von der gesamten Gesellschaft anerkannt und wertgeschätzt werden. „Damit einhergehend brauchen wir die politische und gesellschaftliche Wertschätzung des Handwerks als Grundlage dafür, dass junge Menschen vermehrt eine Ausbildung und Karriere im Handwerk anstreben und wir dadurch die Herausforderungen der Zukunft mit modernen handwerklichen Dienstleistungen und Produkten meistern“, sagt Möhle.

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