Als Malermeister Steenweg vom Unternehmer zum Getriebenen wurde, hat er sich mit einer Auszeit die Selbstbestimmtheit zurückerobert.
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Work-Life-Balance

Schluss mit dem Druck! Meister nimmt Auszeit

Bürokratie, Umsatzdruck, Mitarbeiterverantwortung: Dieser Meister wurde vom Unternehmer zum Getriebenen. Nun hat er seine Selbstbestimmtheit zurückerobert.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick

  • Das Unternehmen lief gut, sogar die Vergrößerung stand an: Von Außen betrachtet ist Jens Steenweg zuletzt einfach ein guter Unternehmer gewesen.
  • Dabei hat ihm der Druck und die Verantwortung des Unternehmerdaseins zunehmend den Spaß an der Arbeit geraubt.
  • Lösung: Steenweg nimmt eine Auszeit. Als Angestellter in einem ganz neuen Job, genießt er Freiheiten, die ihm als Unternehmer gefehlt haben.
  • Auszeit mit Wiedereinstiegsmöglichkeiten: Sein Unternehmen hat Steenweg nicht geschlossen. Er führt es nebenbei als kleinen Ein-Mann-Betrieb weiter. Mit einem wichtigen Unterschied: „Ich mache nur noch, was mir Spaß macht.“

Jens Steenweg nimmt eine Auszeit. Er sagt „nein“ zum 16-Stunden-Tag, zur Samstags- und Sonntagsarbeit, zum ständigen Druck, Umsatz reinholen zu müssen, Mitarbeiter zu ernähren. Jens Steenweg nimmt eine Auszeit vom Unternehmerdasein. Und er ist glücklich über diesen Schritt. „Mir fehlte zuletzt einfach die Begeisterung für mein Unternehmen“, sagt der 42-jährige Malermeister.

Neuorientierung mit einer Hintertür

Seit ein paar Monaten arbeitet Steenweg nun als Dozent für das Bildungswerk Niedersächsische Wirtschaft. „Ich unterstütze dort Jugendliche, die auf dem Weg in die Ausbildung Hilfe benötigen, denen noch ein wenig die Reife fehlt.“ Er begleitet sie fachlich, sieht ihre Fortschritte, nimmt teil an ihren Erfolgen. „Mir macht die Arbeit Spaß“, sagt Steenweg. „Es ist eine völlig neue Herausforderung.“

Ganz verabschiedet hat er sich von seinem Unternehmen aber nicht. Der Betrieb läuft auf kleiner Flamme im Hintergrund weiter. „Aber ich mache nur noch, was mir Spaß macht“, sagt Steenweg. Mal gestaltet er ein Schlafzimmer, mal übernimmt er honorierte Beratungstätigkeiten. Er genießt den fehlenden Druck. Die Wertschätzung durch die Kunden sei nun eine andere. Die nötige finanzielle Sicherheit gibt ihm der Job beim Bildungswerk. Gleichzeitig steht Steenweg durch diese Strategie der Weg zurück in die Selbstständigkeit offen, denn ganz ist er nicht vom Markt verschwunden.

Der lange Weg aus der Selbstständigkeit

Doch wie kam es überhaupt zu dem Schritt raus aus dem Unternehmerdasein? „Eigentlich hatte ich mich vergrößern wollen“, erklärt der Malermeister. Die Auftragslage war gut, für ihn und die zwei Angestellten war mehr als genug Arbeit vorhanden. Jens Steenweg ließ sich daher von seiner Handwerkskammer und einem Anwalt beraten, welche Möglichkeiten und Fördermittel es für eine Betriebsvergrößerung gibt. Als der Meister beiläufig erzählt, dass er seit Langem mit anderen beruflichen Gedanken spielt, es ihn reizen würde, Erwachsenenbildung zu machen, vielleicht eine eigene Bildungsstätte zu errichten, sagt der Anwalt einen folgenschweren Satz: “Wer schreibt Ihnen vor, selbstständig zu bleiben? Wer erwartet das von Ihnen?“

Dieser Gedanke hat sich in Jens Steenweg festgesetzt. Er hat es mit seiner Frau besprochen und mit einer Freundin, die sich selbst aus der Selbstständigkeit zurückgezogen hat. „Ich habe mich mit vielen Unternehmern unterhalten und festgestellt: Anderen ging es ähnlich wie mir.“ Die Bürokratie, die ständige Verantwortung haben ihm die Lust am Unternehmertum genommen. „Wenn ich alle Aufträge heranschaffe und nebenbei trotz Mitarbeitern permanent auf der Baustelle bin, stellt sich mir doch die Frage, was mir mein Unternehmen überhaupt bringt“, sagt Steenweg. Schließlich hat er seinem Team gekündigt, sich auf sich selbst verkleinert. Seither fühlt sich Steenweg wieder selbstbestimmt, ein Gefühl, das er als Unternehmer lange nicht mehr gehabt hat.

Tipps für Unternehmer

Vorbei sind für ihn nun die Tage, an denen er um fünf Uhr den Computer hochfährt und abends um neun die Arbeit niederlegt. „Ich habe jetzt eine 40 Stunden-Woche“, sagt Steenweg. Seinem Job als Maler, den er noch immer liebt, geht er hin und wieder nach Feierabend oder an einem Samstag nach. „Aber mittags ist dann Schluss und Sonntag ist frei!“, erzählt er.

Die Auszeit vom Unternehmertum war für ihn der richtige Schritt. Doch Steenweg sagt auch, diesen Weg müsse nicht jeder gehen, dem das eigene Unternehmen manchmal zu viel wird. Sein Rat für belastete Unternehmer: „Versucht mal, ein paar Arbeiten abzugeben, durch Outsourcing bestimmter Aufgaben, stärkere Inanspruchnahme der Steuerberater-Dienste oder Kooperationen mit Partnerunternehmen.“ Ihm habe auch geholfen, das „Nein“-Sagen zu lernen. Nicht jeder Wunsch müsse erfüllt, nicht jeder Gefallen erwiesen werden. „Ein Unternehmen ist nicht alles. Gesundheit und die Zeit mit der Familie lassen sich am Ende nicht mit Geld aufwerten“, sagt Steenweg. Nach diesem Interview wird sein Arbeitstag enden. Donnerstagabend um 19.15 Uhr. Zeit für eine letzte Frage: „Wie lange werden Sie morgen arbeiten, Herr Steenweg?“ Antwort: „14.00 Uhr ist Schluss.“

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