Viele Handwerksunternehmer klagen über zu viel Bürokratie.
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Drei Unternehmer berichten

Bürokratie: Was Handwerkern besonders zu schaffen macht

Handwerker müssen zahlreiche Gesetze und Verordnungen beachten. Drei Unternehmer berichten, welche Bürokratie-Monster ihnen am meisten zu schaffen machen.

Inhaltsverzeichnis

Auf einen Blick:

  • Handwerksunternehmer verbringen viel Zeit am Schreibtisch, um alle bürokratischen Pflichten zu erfüllen.
  • Bauunternehmer Michael Kellner klagt über die Mindestlohn-Dokumentation.
  • Dachdecker Jan Voges nimmt den Aufwand öffentlicher Ausschreibungen nur in Kauf, wenn es um größere Projekte geht.
  • Tischlermeister Rewert Hinrichs nahm wegen der DSGVO seine Website vom Netz.

Überbordende Dokumentationspflichten, komplizierte Formulare und ständig neue Vorschriften – Handwerksunternehmer verbringen viel Zeit am Schreibtisch, um die wachsenden administrativen Pflichten zu bewältigen. Doch angesichts der Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen, die es zu beachten gilt, wird das immer schwerer.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) macht die spürbare Entlastung von Betrieben deshalb zum Schwerpunktthema 2019. Mitte Februar fand die Auftaktveranstaltung in Berlin statt. Das Motto: „Der betriebliche Burn-out – Wenn Gesetze und Bürokratie zum Stillstand führen.“ Aus diesem Anlass haben wir drei Handwerker gefragt, welche Regelungen von Bund, Land und EU im Betriebsalltag besonders ausbremsen.

Mindestlohn: Bund schreibt penible Dokumentation vor

Bei Bauunternehmer Michael Kellner aus Hannover gehört die Mindestlohn-Dokumentation zu den lästigen Pflichten. „Das ist mit jeder Menge Papierkram verbunden“, berichtet der Firmenchef von Kellner-Bau. Der beschäftigt aber nicht nur ihn. „Ich musste meinen Mitarbeitern beibringen, wie sie ihre Arbeitszeiten korrekt dokumentieren“, sagt Kellner. Das sei ein langer Prozess gewesen und habe nicht von Anfang an bei allen geklappt, wie eine Kontrolle des Zolls aufdeckte.

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Dabei musste Kellner seine Mindestlohn-Dokumentation vorlegen. So ausführlich, wie sich die Ermittler der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) die Aufzeichnungen gewünscht hätten, waren sie nicht. Die Folge: Der Zoll habe ihm ein Bußgeld von rund 300 Euro aufgebrummt, weil die Dokumentation nur die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden enthielt. „Das war ein Warnschuss“, meint der Handwerksunternehmer. „Bei meinen Mitarbeitern ist die Entscheidung des Zolls auf völliges Unverständnis gestoßen.“

Trotzdem gelang es Kellner, sein Team mit ins Boot zu holen „Meine Mitarbeiter schreiben jetzt penibel auf, wann sie mit ihrer Arbeit anfangen, wann sie Pause machen und wann sie Feierabend machen“, berichtet er. Das frisst jeden Tag wertvolle Arbeitszeit – bei jedem einzelnen Mitarbeiter.

Ländersache öffentliche Ausschreibungen: Teilnahme lohnt sich oft nicht

Ähnlich wie Michael Kellner ergeht es auch Handwerksunternehmer Jan Voges. „Wir müssen ständig irgendwas ausfüllen“, ärgert sich der Dachdeckermeister, der einen Betrieb bei Hildesheim führt. Die Liste seiner Pflichten ist lang: Dazu gehören die Gefährdungsbeurteilungen für die Berufsgenossenschaft und die Dokumentationspflichten zur Gewerbeabfallverordnung.

Trotzdem nimmt Voges administrativen Aufwand manchmal bewusst in Kauf: Er nimmt gelegentlich an öffentlichen Ausschreibungen teil. „Das bedeutet immer viel Papierkram“, sagt der Dachdeckermeister. Deshalb bewirbt sich Voges wenn überhaupt auf öffentliche Aufträge mit größeren Volumen, wie etwa längerfristige Wartungsverträge – denn nur die lohnen sich. „Ein einwöchiges Projekt, für das ich erst mal zwei Tage am Schreibtisch sitze, rechnet sich unterm Strich nicht“, betont der Unternehmer.

Und anscheinend ist Voges nicht der einzige, der vor dem hohen bürokratischen Aufwand zurückschreckt. „Meiner Erfahrung nach, bewirbt sich kaum jemand auf öffentliche Aufträge“, berichtet der Dachdeckermeister. Wer es trotzdem wage, habe derzeit gute Chancen auf den Zuschlag. „Momentan können Handwerker auch gute Preise verlangen“, meint Voges. Trotzdem wünscht er sich eines: „Die Bürokratie bei öffentlichen Aufträgen muss auf ein vernünftiges Maß zurückgefahren werden.“

EU-Vorgaben zur DSGVO: Lesen, lesen, lesen

Tischlermeister Rewert Hinrichs aus Aurich verbringt viel Zeit am Schreibtisch – um zu lesen. „Es gibt ständig neue Vorgaben, über die ich mich informieren muss“, so der Chef der Tischlerei Hinrichs. Besonders viel Arbeit hatte er im letzten Jahr mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Denn nach der Lektüre war dem Unternehmer klar, dass er unter anderem Arbeitsprozesse anpassen und seine Mitarbeiter über die Neuerungen unterrichten muss.

„Die Aufträge für die Monteure hingen bei uns bisher samt Kontaktdaten im Büro an der Wand“, berichtet Hinrichs. „Das war auch für Fremde sichtbar.“ Um die Daten zu schützen, seien die Bürofenster jetzt mit Sichtschutz ausgestattet und Kunden dürften diese Büroräume nicht mehr betreten.

Doch trotz der Vielzahl von Informationen zum neuen Datenschutzrecht bleiben auch offene Fragen. „Meine Website habe ich aus Verzweiflung zunächst vom Netz genommen“, sagt Hinrichs. Ihm fehle schlicht die Zeit, sich darum zu kümmern. „Ich bin Tischlermeister und kein Jurist“, betont der Unternehmer. Handlungsbedarf sieht er durchaus, schließlich gehöre eine Website zu einem modernen Unternehmen. Zu seinem Erstaunen musste Hinrichs aber feststellen: „Die Leute rufen auch ohne Website bei uns an.“

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