Kontrollverlust nach Kritik: Woran kann es liegen, dass Menschen in einer Angriffssituation die Sicherung durchbrennt?
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Kontrollverlust nach Kritik: Woran kann es liegen, dass Menschen in einer Angriffssituation die Sicherung durchbrennt?

Inhaltsverzeichnis

Politik und Gesellschaft

Hundekot-Attacke: Könnte Ihnen das auch passieren?

Ein Ballettdirektor revanchiert sich für jahrelange Kritik mit einer Hundekot-Attacke. Wie kommt es zu solchen Extremreaktionen – und kann das jedem passieren?

Auf einen Blick:

  • In Stresssituationen greifen Menschen automatisch auf ihre frühsten Erfahrungen zurück. Und das sind am Ende oft Flucht oder Aggression, statt den Konflikt zu lösen.
  • Wenn Sie merken, dass die Wut in Ihnen hoch steigt, können Sie mit einfachen Techniken manchmal noch gegensteuern. Auf Dauer hilft jedoch etwas anderes.

Die Hundekot-Attacke in der Staatsoper Hannover sorgt aktuell für großes Aufsehen: Ballettdirektor Marco Goecke hatte der Journalistin Wiebke Hüster Hundekot ins Gesicht geschmiert, weil er mit ihren Kritiken nicht einverstanden war. „Sie hat mich auch jahrelang mit Scheiße beworfen", zitiert der NDR den Choreografen. In dem Interview räumt Goecke ein, dass sein Verhalten „sicherlich nicht super war“. Er sei über sich selbst erschrocken. Dennoch hat Goecke inzwischen seinen Job verloren, Gesprächsthema wird die Hundekot-Attacke beim Opernball am Wochenende sicher trotzdem sein.

Wie kommt es dazu, dass Menschen nach Kritik ausrasten? Kann so etwas  jedem passieren – und wie können wir uns selbst daran hindern? Wir haben darüber mit der Diplom-Psychologin Heike Mänz gesprochen, die Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist.

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Wenn Konflikte nicht konstruktiv gelöst werden

Was steckt dahinter, wenn jemandem die Sicherung durchbrennt?

Mänz: Jeder Mensch hat ein Gedächtnissystem. Dort sind alle Erfahrungen gespeichert, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben. Besonders prägend sind die Erfahrungen aus der Kindheit.

In Situationen, in denen wir uns sehr bedroht fühlen, greifen wir auf unsere bisherigen Erfahrungen zurück und reagieren so, wie wir es gelernt haben. Wer in und seit der Kindheit nicht darin trainiert ist, Konflikte konstruktiv zu lösen, wird das in einer Stresssituation mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht können.

Wie reagieren Menschen typischerweise, wenn sie sich zu Unrecht angegriffen fühlen?

Mänz: Es gibt drei Verhaltensweisen, die Menschen in Angriffssituationen häufig wählen: Erstarrung, Flucht und Aggression. Die Erstarrung hält meist nur kurz an. Flucht bedeutet, dass Menschen versuchen, die unangenehme Situation schnellstmöglich zu verlassen. Und Aggression ist eine Form der Abwehr, um sich selbst wieder gut und sicher zu fühlen.

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Sofortmaßnahmen, die in Angriffssituationen beruhigen können

Was können Betroffene in Konfliktsituationen tun, um sich zu beruhigen und mit kühlem Kopf zu reagieren?

Mänz: In einer akuten Konfliktsituation kann nur die Selbstreflexion helfen. Das ist aber extrem schwierig. Wer zum Beispiel merkt, dass es ihm überhaupt nicht gut geht, kann sich zurückziehen und sich Hilfe holen – zum Beispiel bei Freunden, Familie oder auch einem Coach. Im Austausch lassen sich Lösungsmöglichkeiten für den Konflikt finden.

Wer sich der kritischen Situation nicht entzieht, wird vermutlich von seinen Emotionen überrollt und reagiert dann möglicherwiese nicht sozial adäquat.

Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Mänz: Auch tiefes Ein- und Ausatmen kann in Konfliktsituation helfen – ähnlich wie es Leichtathleten vor dem Start eines Laufs machen. Die fassen sich meist mit den Händen an die Taille, achten auf ihre Atmung und verlagern ihr Körpergewicht abwechselnd von einem Bein aufs andere. Das dient der Konzentration und der Fokussierung.

Genau diese Technik lässt sich auch in brenzligen Situationen anwenden, wenn man sich für einen Moment konzentrieren und bewusst nachdenken will. Übrigens geht das auch im Sitzen, wenn man die Hüfte abwechselnd von links nach rechts bewegt.

Problem so ansprechen, dass ein Dialog möglich ist: Laut Diplom-Psychologin Heike Mänz geht mit Hilfe von Gewaltfreier Kommunikation.
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Problem so ansprechen, dass ein Dialog möglich ist: Laut Diplom-Psychologin Heike Mänz geht mit Hilfe von Gewaltfreier Kommunikation.

Gewaltfreie Kommunikation: Probleme beschreibend ansprechen

Konflikte gibt es im Alltag immer wieder. Welche Maßnahmen können langfristig helfen, um in kritischen Situation die Nerven zu behalten?

Mänz: Jeder Mensch hat wunde Punkte. Wer an sich arbeiten möchte, sollte sich fragen: Was sind meine wunden Punkte? Womit können mich andere besonders verletzen?

Und warum hilft mir dieses Wissen, mit Konflikten besser umzugehen?

Mänz: Nehmen Sie an, Sie können Unpünktlichkeit nicht ausstehen. Ein Freund kommt aber immer mit Verspätung zu Terminen. Bei Ihnen staut sich deshalb mit der Zeit Wut an. Mit Hilfe der gewaltfreien Kommunikation können Sie Ihrem Freund darauf aufmerksam machen, ohne dass Sie vorwurfsvoll klingen.

Das geht zum Beispiel so: „Mir fällt auf, dass du heute um 10, also eine Stunde später als verabredet, zu unserem Treffen kommst. Soweit ich mich erinnere, war das beim letzten Mal auch schon so. Ich ärgere mich deshalb und ich wünsche mir von dir, dass du pünktlich bist oder mich zumindest informierst, wenn es später wird.“ Wenn Sie die Situation so beschreiben, eröffnet das einen Dialog.

In der Praxis läuft die Kommunikation leider häufig nicht so ab. Wer ein Problem anspricht, beschreibt es in der Regel nicht aus der Ich-Perspektive, sondern greift zu wertenden Formulierungen.

Im Fall des Ballettdirektors ging es nicht um Verletzungen im privaten Bereich sondern um öffentliche Kritik. So etwas kommt auch in anderen Bereichen regelmäßig vor, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken. Wie geht man mit damit um?

Mänz: Gerade in den sozialen Netzwerken ist die Kritik oft regelrecht vernichtende Kritik. Aus meiner Sicht ist das ein kulturelles Defizit unserer Zeit.

Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen vor allem lernen, wie sie solche Anwerfungen von außen nicht so nah an sich heranlassen. Das schafft niemand alleine. Bücher und Infos aus dem Internet können zwar helfen, aber das allein reicht nicht. Es bedarf vor allem eines guten sozialen Rückhalts. Das können Familie, Freunde, das Team bei der Arbeit oder auch ein Coach sein.

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