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Politik und Gesellschaft

Zu viel Bürokratie: Dieser Unternehmer macht Schluss

Kann die Bürokratie Unternehmer in die Geschäftsaufgabe treiben? Bei Martin Heinrich ist es soweit gekommen. Hier erklärt er warum.

Auf einen Blick:

  • Martin Heinrich wollte immer schon selbstständig sein. Doch nach 17 Betriebsjahren hat er sein Unternehmen verkauft. Grund sei die überbordende Bürokratie.
  • Der Unternehmer klagt über ständige Kontrollen und ein herablassendes Kommunikationsverhalten von den Behörden, kombiniert mit Androhungen von Strafen.
  • Diese Unnannehmlichkeiten des Unternehmerdaseins lässt der 40-Jährige jetzt hinter sich. Dabei hat er für sich eine gute Lösung gefunden.

Ein Vor-Ort-Besuch in Genthin, nördlich von Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Es ist Sonntagmorgen und Martin Heinrich sitzt am Schreibtisch im Büro der Hausmeisterservice Heinrich e. K. Es wirkt, als hätte er hier heute schon eine Weile verbracht. Sein Büro ist funktional eingerichtet. An den Wänden hängen Schnappschüsse, die schöne Erinnerungen aus 17 Betriebsjahren zeigen. Ein paar Zeitungsartikel gibt es auch. „Ich wollte schon immer selbstständig sein“, steht auf einem. „Das stimmt auch“, sagt Martin Heinrich. „Ich wollte selbst entscheiden und mir den Tag selbst einteilen.“ Eine Weile hatte das auch gut funktioniert.

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Erfolgreich gegründet und gewachsen

Im Alter von 23 Jahren hat sich Heinrich selbstständig gemacht, anfangs mit einem kleinen Büro im Wohnzimmer seiner Eltern. Der gelernte Tiefbauer und geprüfte Schweißer hat Hausmeisterdienste in ganz Sachsen-Anhalt und darüber hinaus angenommen und sich mit seiner Arbeit schnell einen guten Namen gemacht. Sein Unternehmen wuchs. Nach einigen Jahren konnte er ein Betriebsgelände kaufen und habe zwischenzeitlich über 40 Mitarbeiter beschäftigt. „Heute sind wir noch 24, mit 14 Autos, zwei Traktoren, fünf Anhängern und einem gut ausgestatteten Maschinenpark“, sagt der Unternehmer.

Das alles hat er jetzt verkauft. Grund: „Die Bürokratie, die ständigen Kontrollen, Drohungen und Machtdemonstrationen durch die Behörden haben mich krank gemacht“, erklärt der 40-Jährige. An Beispielen für schlechte Erfahrungen mangelt es ihm nicht.

Keine Rechte für Arbeitgeber

Sein erstes Schlüsselerlebnis hatte der Unternehmer im Streit mit einem Arbeitnehmer. Der sei ohne Ankündigung verzogen und für drei Monate untergetaucht gewesen. „Briefe kamen zurück, SMS wurden ignoriert, wir versuchten über Meldebehörde und seinen Vater, die neue Anschrift zu bekommen“, erklärt Heinrich. Nichts habe geholfen, bis sich der Mitarbeiter selbst meldete. „Als sei nichts gewesen“, sagt Heinrich. Er kündigte ihm. Der Mitarbeiter klagte – und bekam recht. Heinrich habe zwar nachweisen können, dass er alles versucht hatte, den Mitarbeiter zu erreichen, doch am Ende zählte nur eines: Vor der Kündigung konnten dem Abtrünnigen die erteilten Abmahnungen nicht zugestellt werden, da er unbekannt verzogen war. Die Krönung: Heinrich habe dem Mitarbeiter für die drei Monate den Arbeitslohn nachzahlen müssen, „fürs Nichtarbeiten“, sagt Heinrich.

Kommunikation von oben herab

Doch es sind nicht nur solche Einzelfälle, die Martin Heinrich die Lust am Unternehmerdasein genommen haben. Es ist auch die Art der Kommunikation, die die Behörden mit ihm pflegen, die er nicht mehr erträgt. „Die ist sehr oft von oben herab“, sagt Heinrich. Für ihn ist die Botschaft, die da im Subtext gesendet, wird ganz klar: ‚Ich wertschätze dich nicht!‘

Erlebt hat der Unternehmer das in zahllosen Kontrollen, denen sich sein Betrieb in der Vergangenheit stellen musste: Ob Soka, Zoll, Arbeitsamt oder Finanzamt – jedes Jahr komme irgendeine Prüfung, in der sich Heinrich gegen unterschiedlichste Unterstellungen wehren müsse. „Es ist immer dasselbe Muster“, sagt Heinrich. „Schriftliche Ankündigung und im selben Schreiben eine Drohung: Wenn das und das nicht korrekt läuft, hagelt es diese oder jene Strafe.“

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Tiefpunkt und kein Ende des Drucks

2017 wuchs dem Unternehmer der Druck über den Kopf. „Ich habe noch eine halbe Stunde pro Nacht geschlafen und konnte überhaupt nicht mehr abschalten“, sagt Heinrich. Schließlich brach er zusammen. Diagnose: Burn-out. Es folgte ein siebenwöchiger Krankenhausaufenthalt. „Eine wunderbare Mitarbeiterin, der ich sehr dankbar bin, hat den Laden am Laufen gehalten und so konnte ich mich langsam wieder aus diesem Loch herauskämpfen“, erklärt er. Seine Einstellung zur Selbstständigkeit hat sich seitdem geändert. „Ich war Sklave meines Betriebs geworden“, urteilt Heinrich.

Der Wunsch, zu verkaufen, wuchs. Als die Entscheidung gefallen war, Heinrich aber letzte Zweifel hegte, ob es der richtige Weg sei, kam die nächste Auseinandersetzung: Die Agentur für Arbeit habe nicht verstehen wollen, dass Heinrich zuletzt aus unternehmerischen Gründen seine Arbeitnehmerüberlassungs-Lizenz nicht verlängert hatte. „Natürlich wurde ich direkt verdächtigt, Arbeitnehmer ohne Lizenz einfach weiterhin verleihen zu wollen“, sagt Heinrich. Ende Februar folgte die Prüfung im Steuerbüro, das für den Betrieb Steuern und Lohnabrechnung übernimmt. „Die von uns zeitaufwendig erstellten Mindestlohnzettel wurden erst gar nicht akzeptiert. So stelle ich mir als Unternehmer und Steuerzahler keine positive Zusammenarbeit mit den Behörden vor.“

Die Entscheidung

Heinrich lässt die Drohungen, Sitzungen mit Anwälten und die bürokratischen Hürden nun hinter sich. Dafür hat er eine gute Lösung gefunden: Zum 1. März hat ein größeres Unternehmen seinen Betrieb gekauft und führt ihn als eigenständige Abteilung weiter, die Heinrich nun als Angestellter leitet. „Abgesehen von den Streitereien mit den Behörden mache ich künftig dasselbe wie bisher. Nur dass ich jetzt endlich wieder mit zum Arbeiten rausfahren kann“, sagt er.

Die Entscheidung habe auch in seiner Familie für Erleichterung gesorgt. „Mein Sohn hat zu meiner Frau gesagt: ‚Danke, dass Papa die Firma verkauft hat‘“, berichtet der zweifache Vater. Nun hat er einen Plan für sein erstes freies Wochenende gefasst. „Ich fahre mit meinem Sohn an die Ostsee. Es wird unser erstes Vater-Sohn-Wochenende.“

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