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Bürokratie-Last in Handwerksbetrieben

"Wir sind Handwerker, keine Datenverwalter"

Durch immer höheren Bürokratie-Aufwand im Handwerk nimmt der Druck auf Betriebe zu, sagt Yvonne Simon. Was sie außerdem stört: Zu viele unternehmerische Aufgaben bleiben auf der Strecke. Im handwerk.com-Interview fordert sie Entlastung für kleine Betriebe.

Auf einen Blick:

  • Der Aufwand für Bürokratie hat in ihrem Betrieb enorm zugenommen. Das stört Unternehmerin Yvonne Simon.

  • Allein durch die Umsetzung der neuen Datenschutz-Grundverordnung waren mehrere Mitarbeiter wochenlang eingebunden. Auch ihre Arbeit als Chefin bleibt durch handwerksfremde Arbeiten auf der Strecke.

  • Dazu kommt der Druck: große Verantwortung für das Team auf der einen Seite und ein hoher Anspruch gegenüber Kunden und Partnern auf der anderen Seite. Simon fordert Entlastung, anstatt immer mehr Bürokratie für das Handwerk. Damit sie auch in Zukunft noch Spaß an der Ausbildung junger Menschen hat.

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von Martina Jahn

In einem Leserbrief in einer regionalen Zeitung hat Yvonne Simon ihren Ärger über die zunehmende Bürokratie, die kleine Handwerksbetriebe hierzulande bewältigen müssen, öffentlich gemacht. Der Haupt-Kritikpunkt der Chefin eines 30-Mann-Betriebs aus Tann (Rhön): Durch zunehmenden Aufwand mit bürokratischen Themen bleibt die eigentliche Arbeit auf der Strecke und der psychische Druck steigt. Wie geht die Unternehmerin damit um?

DSGVO: 3 Wochen Arbeit für 3 Mitarbeiter

handwerk.com: Sie kritisieren in Ihrem Leserbrief auch die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Können Sie abschätzen, wie viel Zeit Sie bisher allein mit diesem Thema zugebracht haben?

Yvonne Simon: Wir haben uns schon lange vor Inkrafttreten über die DSGVO informiert. Das hat viel Zeit in Anspruch genommen. Die Umsetzung der aus meiner Sicht wichtigsten Dinge kostete noch mehr Zeit. Ich würde sagen, in etwa drei Wochen Arbeit für zwei bis drei Mitarbeiter waren es bisher auf jeden Fall. Und fragen Sie bitte nicht nach den Investitionskosten …

Was haben Sie denn beispielsweise bisher umgesetzt?

Simon: Unseren Internetauftritt haben wir aktualisiert, so dass er datenschutzkonform ist. Das war die höchste Priorität. Und auch unsere interne Datenverarbeitung haben wir umgestellt. Dazu mussten wir neue Serversysteme anschaffen, um Daten getrennt voneinander zu speichern und sie zu schützen. Die Anforderungen an den Datenschutz sind hoch – und es war eine Herausforderung, sie umzusetzen. Die Arbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen.

Durch die Bürokratie bleiben Chef-Aufgaben liegen

Das klingt nach ordentlichem Aufwand. Da sind sicher einige andere Aufgaben auf der Strecke geblieben, oder?

Simon: Ja, klar – und das ist meine Kritik an der Sache. Wir sind ein Handwerksbetrieb und wollen Dienstleister für Kunden sein und keine Datenverwalter. Bei mir persönlich ist vor allem die Kundenbetreuung und Akquise auf der Strecke geblieben. Ich habe mir aber auch weniger Zeit für mein Team genommen. Mitarbeitergespräche haben in den letzten Monaten fast gar nicht stattgefunden. Das ist aus meiner Sicht nicht vertretbar. Auch die Buchhaltung hatte durch die DSGVO einen erheblichen Mehraufwand. Dort ist auch viel liegengeblieben.

Welche bürokratischen Auflagen betreffen und nerven Sie außer den neuen Datenschutzbestimmungen?

Simon: Nach wie vor sind die Aufzeichnungen für die Mindestlohn-Dokumentation sehr aufwendig und zeitintensiv. Wenn wir Statiken und Bauanzeigen für unsere Kunden anfertigen, nimmt das immer mehr Zeit in Anspruch, weil immer häufiger Dokumente nachgereicht werden müssen. Das kostet Zeit und Geld, das wir dem Kunden dann in Rechnung stellen müssen. Das eigentliche Problem sehe ich darin, dass die Behörden teilweise selbst nicht auf dem aktuellen Stand in Sachen Bürokratie sind. Oft weiß niemand, welche Regelung gilt und welche Unterlagen sie konkret von uns brauchen. Das ist nervenaufreibend.

"Der psychische Druck auf Betriebe nimmt zu"

Neben der zeitlichen und finanziellen Belastung kommt die psychische Belastung als Unternehmerin dazu. Wie gehen Sie damit um?

Simon: Der Druck, der auf den Schultern von Arbeitgebern im Handwerk lastet, nimmt zu. Wir sind nicht nur dafür verantwortlich, dass wir bei unseren Kunden gute Arbeit abliefern. Wir sorgen auch für unser Team und gehen mit den Menschen, mit denen wir arbeiten, durch Höhen und Tiefen. Wir bilden aus, unterstützen unsere Mitarbeiter und haben dabei eine hohe soziale Verantwortung. Am Ende des Monats müssen die Gehälter überwiesen werden. Und unterm Strich sollte für den Betrieb auch etwas hängenbleiben. Wenn wir das manchmal herunterrechnen, ist es bitter, zu sehen, was tatsächlich übrig bleibt. Unternehmer haben nämlich nicht nur den Profit im Kopf, wie es gern dargestellt wird, sondern das große Ganze. Wir wollen durch unsere Produkte einen Mehrwert bieten und Facharbeiter aus- und weiterbilden. Genau deshalb sollten wir besser behandelt werden – eben auch durch weniger Bürokratieaufwand.

Wenn Sie von den Kosten der Bürokratie und der Verantwortung für Ihr Team eingeholt werden: Warum sind Sie überhaupt noch bereit, in Ausbildung zu investieren?

Simon: Ausbildung ist uns eine Herzensangelegenheit und kann wirklich Spaß machen. Wie wollen jungen Menschen neben fachlichen Inhalten auch Werte und Normen vermitteln. Wir bilden aber auch aus, damit wir künftig noch ausreichend Personal haben. Und wir schauen genau, wen wir nehmen. Das testen wir vorab in einem Praktikum. Wer nicht für den Beruf brennt, den nehmen wir nicht. Erfreulich ist, dass die letzten Azubis uns als Mitarbeiter erhalten geblieben sind. Viele werden von der Industrie abgeworben.

Woher nehmen Sie die Kraft und Motivation für die täglichen Herausforderungen des Unternehmertums in einem kleinen Handwerksbetrieb?

Simon: Das Ergebnis unserer Arbeit, das wir am Ende des Tages sehen, ist die größte Motivation. Wir sehen, dass wir Menschen mit unseren Ideen und Leistungen glücklich machen können. Wir bieten ihnen eine gewisse Lebensqualität durch unsere Arbeit. Das ist toll und das treibt mich an und motiviert mich täglich neu.

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